Klimaforscher Reto Knutti: «In der Schweiz wird es sechs Grad wärmer»

Gastbeitrag – Reto Knutti gilt als einer der weltweit führenden Klimaforscher. Geht es nach dem ETH-Professor, könnten wir nicht genug Solaranlagen auf Häuser schrauben. Oder Windanlagen bauen. Oder zur Not auch einen neuen Stausee.

ETH Klimaforscher Reto Knutti
ETH-Klimaforscher Reto Knutti ist einer der Hauptautoren des letzten gorssen Berichts des UNO-Weltklimarats.
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Dieser Artikel erschien zuerst bei powernewz.ch

Reto Knutti ist ein Mann der Stunde. Als ETH-Klimaforscher und einer der Hauptautoren des letzten grossen Berichts des UNO-Weltklimarats ist der Forscher quasi einer der Hauptzeugen der politischen Klimajugend geworden. Für das Fotoshooting traf powernewz den ETH-Professor an der ‚ETH Week 2019‘, bei welcher sich 200 Studierende dem Thema «Rethinking Mobility» widmeten.

Reto Knutti ist kein Ideologe, sondern Physiker, der im Rahmen einer langen Laufbahn irgendwann entschied, sich auf die Klimafrage zu spezialisieren – einem Forschungszweig, wie er beim Gespräch mit Morgenkaffee in seinem ETH-Büro mit Blick über Zürich sagt, «deren Ursprünge auch in den Sechzigern liegt, als den damaligen US-Präsidenten Berichte vorgelegt wurden, die gefährliche Einflüsse auf das Klima thematisierten». Die Gründung des UNO-Klimarats vor dreissig Jahren habe dazu geführt, dass man durch intensive Forschung erkannt habe, dass «man ein grosses Problem hat». 

Ein Problem, das der Forscher ziemlich nüchtern beschreibt, was nicht gerade beruhigender wirkt. «Aus der Perspektive eines fünfzigjährigen Schweizers, der sich nur für sich selbst interessiert oder dafür, wiedergewählt zu werden, gibt es kein Problem», sagt Knutti. «Aber meine Tochter ist jetzt acht Jahre alt. Sie wird das Ende des Jahrhunderts wohl noch erleben. Dann sind wir ohne sofortige Massnahmen bei einer weltweiten durchschnittlichen Temperaturerhöhung von fünf Grad. In der Schweiz werden es vermutlich sogar mehr sein, sechs oder sieben Grad. Fünf Grad in die andere Richtung, als Vergleich, hatten wir weltweit bei der letzten Eiszeit, als etwa Zweidrittel der Schweiz von Eis bedeckt waren. Wir stehen vor dramatischen Veränderungen.»

Wie das Klima emotional wurde

Die Arbeit des UNO-Weltklimarats IPCC habe über die Jahre einen graduellen Schritt zu einem besseren Verständnis der Problematik bedeutet, sagt der Forscher, aufgewachsen in der Nähe von Bern mit einer Liebe zu den heimischen Bergen, der Natur, die sich dann irgendwann in der Arbeit widerspiegelte. «Eine junge Generation hat es nun geschafft, aus diesen rationalen Zahlen und nüchternen Betrachtungen eine emotionale Geschichte zu kreieren», sagt Knutti. Deshalb erstaune ihn der Zeitpunkt der Proteste nicht: «Wir haben noch nie so viel gewusst wie heute.»

Der ETH-Klimaphysiker ist derzeit fast pausenlos unterwegs. «Das Interesse an unseren Erkenntnissen hat sich im vergangenen Jahr etwa verfünffacht. Ich kriege täglich Anfragen von Medien, Wirtschaftsverbänden, Banken, Schulen», sagt Knutti. 

Er sehe sich nicht als Missionar. Es sei nicht seine Aufgabe, die Welt zu retten. Und trotzdem: Warum die extrem zeitraubenden Reisen, die eigenen Forschung zu präsentieren? 

«Wenn wir in der Schweiz eine vom Steuerzahler finanzierte Forschung auf einem hohen Niveau haben, dann ist es nur richtig, wenn wir unsere Informationen zur Verfügung stellen», sagt er. «Damit die Öffentlichkeit, die Politik, möglichst gut informiert sind. Wenn das Parlament etwas wissen will zum Thema Landwirtschaft und Klima, dann ist klar, dass wir die entsprechende Expertise zur Verfügung stellen. Ansonsten würden wir irrelevant.» 

Der Apokalyptiker

Die Öffentlichkeitsarbeit habe einen Rückkoppelungseffekt, sagt Knutti. Je mehr man mache, je mehr Anfragen kriege man. Umso mehr Aufmerksamkeit bekommt man auch an Orten, die einem wenig schmeicheln. Die ‚Weltwoche‘ bezeichnet den ETH-Mann als «Klima-Apokalyptiker» und greift ihn für seine Forschung regelmässig persönlich an. ‚Weltwoche‘-Chefredaktor und SVP-Nationalrat Roger Köppel bezweifelt den Klimawandel als eine «Modebewegung» von «Betrunkenen», wie er einmal twitterte. All die tausenden Berichte, die Forschung, die Erkenntnis der Grundlagenphysik, wo bereits im Jahr 1850 festgehalten wurde, dass CO2 in der Luft das Klima wärmer macht, lange bevor irgendjemand von einem Klimawandel sprach – «tönt nicht gerade nach einer Modeströmung, die schnell vorbeigeht», antwortete ihm Knutti ebenfalls auf Twitter. 

Das Klima ist links

Spätestens seither steht Knutti quasi unter Dauerfeuer der ‚Weltwoche‘, ein Feuer, das zwar kaum wahrgenommen wird, aber dennoch eine grundsätzliche Frage aufwirft: Warum ist das Thema Klima derart politisch aufgeladen? Warum gilt man, wenn man den menschengemachten Klimawandel für eine Tatsache hält, heute automatisch als links? Und warum als rechts, wenn man ihn anzweifelt? Das Problem seien weniger die Erkenntnisse der Forschung, sagt Knutti. Das Problem sei, dass sich die Massnahmen, die zur Lösung erforderlich seien, automatisch politisch einreihten. Das Klimaproblem sei eigentlich ein Kollektivproblem, das Lösungen erfordere, die im Dienst der Gesamtgesellschaft stünden, sagt Knutti. «Das passt wunderbar ins Narrativ der Linken, und es passt überhaupt nicht in ein neoliberales Weltbild, das auf eine maximale Freiheit und einen minimalen Staat setzt.»

Die Regeln des Staates 

Politische Instrumente zu bestimmen, sei nicht die Aufgabe eines Klimaforschers, sagt Knutti. Aber es liesse sich eben belegen, dass Emissionen so lange gestiegen seien, bis der Staat lenkend eingegriffen habe. «Ohne Staatseingriffe änderte sich nichts. Deswegen ist es ein Links-Rechts-Problem. Deswegen spricht die ‚Weltwoche‘ vom Klima-Kommunismus. Denn wer die Geschichte betrachtet, weiss, dass von allen Umweltproblemen – Abfall, Abwasser, Luftqualität, Ozonloch, Asbest, Phosphat – kein einziges durch den Markt oder durch Eigenverantwortung allein gelöst wurde. Egal ob bei den herkömmlichen Glühbirnen, die durch LED ersetzt worden seien, beim Katalysator, dem Partikelfilter, den Kläranlagen, dem FCKW: Immer ist es nur deutlich vorwärts gegangen, wenn der Staat Regeln aufgestellt hat.» 

Das habe die Klimafrage zur Ideologiefrage gemacht, sagt Knutti. Umfragen in den USA zeigten, dass Demokraten schon immer mehr an einen Klimawandel glaubten und Republikaner immer weniger. «Vor zwanzig Jahren war das noch ausgeglichen», sagt der Forscher. «Dann ging plötzlich die ideologische Schere auf.»

Zürich – Netto Null bis 2030

Wir blicken von seinem Büro hinab auf Zürich, die Kuppel des ETH-Hauptgebäudes, den See, den Uetliberg, den Prime Tower. Interessiert den globalen Klimaforscher, was im Lokalen in Sachen CO2 passiert? «Ja, es interessiert mich sehr», sagt Knutti. In der Schweiz seien die technischen Möglichkeiten gross. Die Klimaziele ambitioniert, gerade in Zürich: Er verfolge mit grossem Interesse, wie die Stadt Zürich das «sehr ambitionierte Ziel» umsetzen wolle, den CO2-Ausstoss bereits 2030 auf Netto Null zu reduzieren. «Da stellen sich mir einige Fragen der Machbarkeit», sagt er. «Gleichzeitig halte ich es für richtig, dass sich die Stadt derart ambitionierte Ziele setzt. Denn Zürich mit seinen Ressourcen, dem dichten Öffentlichen Verkehr, wo es einfacher ist als auf dem Land, in eine bestimmte Richtung zu gehen, dient letztlich anderen Schweizer Städten als Vorbild. Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein gutes Beispiel: Man steckt sich bewusst hohe Klimaziele, von denen andere lernen können.»

Wenn es nach Knutti geht, könnten wir nicht genug Solaranlagen auf Häuser schrauben. Oder Windanlagen bauen. Oder zur Not auch einen neuen Stausee. Man hält dem Forscher Landschaftsverschandelung entgegen, er antwortet, das sei mit Blick auf eine mögliche Klimakatastrophe ein kleines Problem. Und mit Blick auf die Stadt Zürich sagt er: «Die Leute müssen sich schon auch dringend bewusstwerden, was der politisch eingeschlagene Weg ganz konkret bedeutet, den man in Zürich in knapp zehn Jahren vollenden will: Null CO2, das heisst nicht, dass wir ein bisschen sparen müssen. Null bedeutet Null. Den Verbrennungsmotor gibt es dann nicht mehr. Punkt. Die Ölheizung: Sie gibt es dann nicht mehr.»
Wir stünden vor einem Paradigmenwechsel, sagt der ETH-Forscher: «Vor einem Systemwechsel in der Art, wie wir unsere Energie produzieren und wie wir uns fortbewegen.» 

Autor: Daniel Ryser, Foto: Manuel Rickenbacher

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