Warum die feinsten Tomaten vom eigenen Balkon kommen

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Mit dem Projekt Stadt-Tomaten können Sie seltene Gemüsesorten auf Ihren Balkon bringen. Wie das geht und was es Ihnen bringt, erzählt Nicole Egloff im Interview. 

Warum die feinsten Tomaten vom eigenen Balkon kommen
Foto: © ProSpecieRara

Früher hatte jede Region ihre eigenen Gemüsesorten, heute sind davon circa 75 Prozent verschwunden. An ihrer Stelle gibt es jetzt wenige Firmen, welche die ganze Welt mit Saatgut beliefern und bestimmen, was auf unseren Teller kommt.

Wieder mehr Vielfalt in die Gärten und auf den Speiseplan bringen möchte ProSpecieRara mit ihrem Projekt Stadt-Tomaten. Und dabei können Sie mithelfen. Warum Sie das unbedingt tun sollten, haben wir Nicole Egloff, Medienverantwortliche von ProSpecieRara, gefragt:

Frau Egloff, wieso haben Sie vor 5 Jahren das Projekt Stadt-Tomaten gestartet?

Wir wollten Leute in der Stadt zum Gärtnern motivieren. Denn das geht auch gut auf dem Balkon, man braucht dafür keinen riesigen Garten. Gestartet haben wir mit Tomaten, weil die viele gern haben und es eine grosse Vielfalt gibt. Heute haben wir auch andere seltene Gemüsesorten ins Projekt integriert.

 

Warum sollte jeder Tomaten auf dem eigenen Balkon ziehen?

Weil die eigenen Tomaten einfach sehr fein sind. Man kann sie ganz reif ernten, so haben sie ihr volles Aroma. Und wenn Sie aus der Tomate die Samen rausnehmen, haben Sie mit wenig Aufwand Saatgut für die nächsten Jahre oder zum Verschenken – vorausgesetzt Sie haben eine samenfeste Sorte gesetzt, wie es bei allen ProSpecieRara der Fall ist.

Über 26'000 begeisterte Gärtner nehmen bereits Teil an Stadt-Tomaten. Was sollten Neulinge beachten?

Damit die Aufzucht gelingt, bekommen Sie zu jeder Art eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Wenn Sie trotzdem mal nicht weiter wissen, haben wir auch eine grosse Community. Auf Facebook gibt etwa eine Gruppe Tipps wie «heute Abend wird's kalt, vergesst nicht die Tomaten reinzunehmen».

Warum die feinsten Tomaten vom eigenen Balkon kommen

Nicole Egloff, Medienverantwortliche ProSPecieRara Foto: © ProSpeceRara

Selbst Tomaten ziehen bringt vielleicht noch genug für den eigenen Bedarf. Weshalb werden seltene Sorten nicht öfter im grossen Stil in der Landwirtschaft gezogen?

Die alten Sorten haben zwar viele Vorzüge, sind dafür aber oft weniger praktisch in der professionellen Produktion. Es kann beispielsweise sein, dass sie eine dünnere Haut haben und deshalb nicht so gut transportiert werden können. Das sind aber Faktoren, die im Hausgarten nicht ins Gewicht fallen.

Ist denn jede Gemüsesorte erhaltenswert oder gibt es Ausnahmen?

Für ProSpecieRara ist es wichtig, dass die Sorte einen Bezug zur Schweiz hat. Sie muss selten sein und man muss sie vermehren können. Dann versuchen wir eigentlich jede Sorte zu erhalten und je nachdem auch weiterzuentwickeln.

Gibt es auch selten Sorten, die sich erst auf den zweiten Blick als erhaltenswert herausstellen?

Wir hatten eine Apfelsorte, die sehr sauer ist, also so zum Essen nicht toll. Es gibt inzwischen jedoch jährlich zwei bis drei Anfragen aus der ganzen Welt, die unbedingt diesen Apfel wollen. Denn der Apfel bleibt besonders lang knackig und ein Kosmetikhersteller hat die Stammzellen für seine Kosmetik extrahiert. Diese Kosmetikprodukte hat sogar Michelle Obama verwendet und es wurde weltweit darüber berichtet.

Warum seltene Arten wichtig für unsere Zukunft sind

Ein möglichst grosser Genpool bietet mehr Möglichkeiten, um auf neue Pflanzenkrankheiten, Klimaveränderungen oder neue Konsumentenwünsche reagieren zu können, als wenn man nur noch die gängigen, weltweit gehandelten Sorten zur Verfügung hätte.

Mehr zu den Stadt-Tomaten finden Sie auf stadt-tomaten.ch

Autor: Olivia Sasse, 25. April 2018