Christine Plüss verlangt mehr Transparenz bei nachhaltigen Produkten

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

Insgesamt müssten für mich als Konsumentin alle Produkte und Dienstleistungen bezüglich ihrer Nachhaltigkeit transparent ausgewiesen werden. Es geht nicht an, dass wir als KonsumentInnen allein bei Bio- und Fairtrade-Produkten, die nach wie vor bloss einen Bruchteil des Marktes ausmachen, über die Nachhaltigkeit informiert werden. Ganz klar müssen auch Reise- und Ferienangebote dringend bezüglich ihrer Nachhaltigkeit ausgewiesen werden – mit transparenten Angaben, die für NormalverbraucherInnen auch verständlich sind.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik zur Förderung einer nachhaltigeren Gesellschaft?

Kohärenz – wenn sich die Schweiz auf internationaler Ebene auf Vorgaben zur nachhaltigen Entwicklung verpflichtet und auf nationaler Ebene eine Strategie zur Nachhaltigen Entwicklung festlegt, wie sie dies seit Jahren tut, dann müssen sich diese Verpflichtungen auch in der Politik des Bundes, der Kantone und Gemeinden niederschlagen, um überhaupt glaubhaft zu werden. Nachhaltigkeit, eine zukunftsfähige und weltverträgliche Entwicklung, müsste allen Politikgeschäften als verbindliche Leitlinie vorstehen – in der Handels- und Aussenwirtschaftspolitik ebenso wie in der Agrarpolitik im Inland und in der Migrations- und Asylpolitik im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern. Davon sind wir in der Schweiz noch weit entfernt.

Was planen Sie persönlich in den nächsten 2 Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Eine Konsumkampagne vom «arbeitskreis tourismus & entwicklung» für Reisende, damit zumindest diejenigen, die gerne anders reisen würden – gemäss neuen Marktumfragen immerhin rund ein Viertel der Schweizer Reisenden – auch effektiv nachhaltigere Angebote wählen. Dazu informieren wir, wie nachhaltige Ferienangebote effektiv auszusehen haben und wonach Reisende bei den Anbietern fragen müssen. Für Reiseanbieter haben wir bereits auf unserem Reiseportal www.fairunterwegs.org die Infos bereitgestellt, wie sie Unternehmensverantwortung für Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung wahrnehmen können. Wir wollen aber auch auf politischer Ebene – zum Beispiel 2012 beim Umweltgipfel Rio+20 – die Weichen stellen. Mit qualifizierten Inputs und Beiträgen bei Entscheidungsträgern wollen wir helfen, dass die Rahmenbedingungen zu Gunsten der nachhaltigen Entwicklung gestellt werden.

Worin sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung?

Klimawandel, Ernährungssicherheit und -souveränität, Respekt der Menschenrechte generell und Erreichung der von der internationalen Gemeinschaft festgesetzten Millenniumsziele (MDG). Dazu sind politische Entscheide und verbindliche Abkommen auf internationaler und nationaler Ebene ebenso nötig wie zusätzliche Mittel für die Finanzierung der neuen Aufgaben, die nicht durch die – bereits knappen – Gelder für Entwicklung berappt werden können.

Der Tourismus ist unbestritten eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen der Welt. Aufgrund seines rasanten Wachstums über die letzten Jahre wird der Tourismus von der UN-Welttourismusorganisation (UNWTO) und weiteren internationalen und nationalen Institutionen als die Entwicklungshoffnung schlechthin für marode Länder und Regionen gehandelt. Dies wird jedoch immer noch ohne genauere Betrachtung der Realität verkündet. Denn die Realität zeigt, wie dieser weltweit boomende Wirtschaftszweig zugleich die Ziele der internationalen Gemeinschaft untergräbt, wie die touristischen Flüge das globale Klima anheizen, wie rücksichtslose Mega-Tourismusprojekte rund um den Globus die elementarsten Menschenrechte der AnwohnerInnen auf Land, Zugang zu ihren Lebensgrundlagen und eine würdige Existenz verletzen, wie Beschäftigte im Tourismus der Ausbeutung ausgeliefert sind und wie Einheimischen in den Zielgebieten Mitsprache bei Entscheiden und Nutzen aus dem Tourismus versagt wird. Tourismus muss umfassend in kohärente Politikstrategien für eine gerechte nachhaltige Entwicklung eingebunden werden. Weiter gilt es, das Bewusstsein für die Notwendigkeit von nachhaltiger Produktion und nachhaltigem Konsum hierzulande zu schaffen und besonders im Tourismus ein entsprechendes Konsumverhalten einzuleiten und zu fördern.

Nachhaltige Lösungen haben oft ästhetische Beeinträchtigungen zur Folge, wie zum Beispiel Solarzellen im historischen Stadtbild. Wo sollte man die Grenze ziehen?

Ästhetik ist auch subjektiv und Trends unterworfen. Wenn jede ausnutzbare Dachfläche für Solarpanels genutzt wird, ist dies doch ein positives Zeichen des Aufbruchs in ein Zeitalter der erneuerbaren Energien.

Wem würden Sie selbst die letzten 11 Fragen gern stellen? Und warum?

Den Bundesräten und – nach der Wahl im Dezember – den neuen Bundesräten. Ich wäre gespannt auf ihre persönlichen und politischen Aussagen und würde sie gern regelmässig darauf überprüfen lassen – auf nachhaltigleben.ch!

Quellen: www.akte.ch, www.travelmanager.ch, Text: Lea Schwer