Christine Plüss: «Der Tourismus untergräbt die nachhaltigen Ziele»

Christine Plüss setzt sich für nachhaltiges Reisen ein, damit auch die einheimische Bevölkerung vom Tourismus profitiert. Im Interview mit nachhaltigleben.ch spricht sie darüber, weshalb Schweizer in den Ferien oft ungewollt Umwelt und Menschen ausbeuten und wie Touristen trotzdem mit gutem Gewissen in die Ferien gehen können.

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Christine Plüss ermöglicht nachhaltiges Reisen, Fotoquelle: akte.ch
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Christine Plüss ist Geschäftsführerin vom «arbeitskreis tourismus & entwicklung», einer Schweizer Fachstelle, die sich für gerechten Tourismus engagiert und mit www.fairunterwegs.org ein Portal für nachhaltiges Reisen betreibt. In ihrer Arbeit beim Arbeitskreis möchte Christine Plüss die negativen Seiten des Tourismus angehen, indem sie unter anderem die Schweizer über die Probleme der Tourismusentwicklung informiert und sensibilisiert. Denn vielfach nehmen die Reisenden an, dass die lokale Bevölkerung automatisch vom Tourismus profitiert. Dass dem nicht so ist, erläutert Plüss am Beispiel von Ägypten und Tunesien: «Hier hat der Tourismus in den vergangenen zwanzig Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößert». Deswegen möcht die studierte Historikerin die Urlauber ermutigen, selbst dazu beizutragen, dass die lokale Bevölkerung mehr vom Tourismus profitiert.«Sie können ein Hotel buchen, das faire Löhne bezahlt und die Umweltstandards einhält. Konkret können Sie sich direkt bei den Reiseveranstaltern über die Arbeitsbedingungen der Hotelangestellten informieren. Andere Informationen können Sie online einholen», äussert sich Plüss zur Wichtigkeit eines gut informierten Touristen, damit seine nachhaltige Reise nicht ins Wasser fällt.

Doch nicht nur die Reisenden, auch die Tourismusunternehmen werden von Christine Plüss in die Pflicht genommen. Die Reiseveranstalter haben nach Plüss ihre Angebote so auszuwählen, dass zum Beispiel auch die örtliche Fischerei davon profitiert. Dies ist dann nicht der Fall, wenn grosse Ferienanlagen am Strand den einheimischen Fischern den Zugang zu ihrer angestammten Tätigkeit verbauen. Trotz Fortschritten ortet Plüss nach wie vor Mängel, wie zum Beispiel in der Kommunikation von nachhaltigen Angeboten. «In den Katalogen wird nicht konsequent darauf hingewiesen, dass die Hotels auf ihr Umweltmanagement geprüft werden. Solche Hinweise würden jedoch viel zur Sensibilisierung im breiten Publikum beitragen», meint Christine Plüss im Interview mit dem Magazin Travelmanager.

Im Interview mit nachhaltigleben.ch spricht Christine Plüss über uns Schweizer als «privilegierter» Teil der Weltbevölkerung und darüber, wie wir Raubbau an den Ressourcen der Erde betreiben.

Wer ist Ihr ökologisches Vorbild? Und was zeichnet dieses Vorbild für Sie aus?

Vorbild für mich sind all die Menschen von Sibirien bis Feuerland, die es schaffen, ihr Leben im Einklang mit den für jeden Menschen des Planeten zur Verfügung stehenden Ressourcen zu gestalten und ihren ökologischen Footprint so gross zu halten, dass sie keinen Raubbau betreiben. Wie wir das hier in der Schweiz eben nicht tun. Wenn alle Menschen der Erde so leben würden wie wir, wären die Ressourcen von 2,8 Planeten nötig!

Wie stark hat die in den letzten Jahren zunehmende Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Ihr Leben verändert?

Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit den Folgen des Tourismus für die GastgeberInnen und die Umwelt. Der Klimawandel und die damit einhergehenden Bedrohungen für die Ernährungssicherheit so vieler Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika, die selbst nichts zur bedrohlichen Erwärmung des Klimas beigetragen haben, zeigt mir die Dringlichkeit und motiviert mich, entschieden für Klimagerechtigkeit und eine gerechte globale Verteilung der kostbaren natürlichen Ressourcen einzustehen – insbesondere auch im Tourismus.

Was motiviert Sie, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Wir hier in der Schweiz, in Europa, gehören zu der «privilegierten» Weltbevölkerung, die ein Viertel ausmacht, aber drei Viertel der globalen Ressourcen konsumiert – gerade auch mit unseren oft gedankenlos unternommenen Ferienreisen. Aufgrund meiner Begegnungen und dem steten Austausch mit Menschen aus anderen Erdteilen habe ich erfahren, was es heisst, nicht zu diesen Privilegierten zu gehören. Ich arbeite dafür, dass dies KonsumentInnen und EntscheidungsträgerInnen aus Wirtschaft und Politik bewusst wird – dass Menschen überall ihre Rechte auf Lebensgrundlagen für eine würdige Existenz wahrnehmen können, insbesondere auch in Zielgebieten des Tourismus.

Für welche persönliche Öko-Sünde schämen Sie sich am meisten? Und warum begehen sie diese trotzdem?

Wenn ich Lebensmittel wegwerfen muss, weil sie verdorben sind.

Angenommen, eine nachhaltigere Gesellschaft wäre nur mit persönlichem Verzicht machbar. Auf was würden Sie verzichten?

Ich verzichte jetzt schon auf ein eigenes Auto – manchmal fehlts mir, aber gerade als Stadtbewohnerin bin ich in der Schweiz ja bestens mit dem ÖV unterwegs.