Yin, Yang und eine Nadel: Wie Akupunktur wirkt

Yin und Yang müssen laut der Traditionellen Chinesischen Medizin im Gleichgewicht sein, damit wir uns wohl fühlen. Sind wir krank, sind die beiden Energien in unserem Körper gestört. Die sanften Nadelstiche der Akupunktur sollen das beheben. Kritiker sagen, das einzige was bei der Akupunktur wirkt ist der Placebo-Effekt, neuere Studien beweisen das Gegenteil.

Yin, Yang und eine Nadel: Wie Akupunktur wirkt
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In der Antike war für die Chinesen klar: unsere Gesundheit und unser Leben hängt von Ahnengeistern und Dämonen ab. Mithilfe von Sitten, Moral und magischen Ritualen versuchte man diese in Schach zu halten. Die chinesischen Philosophen der späteren Han-Dynastie kamen auf eine andere Idee: Sie begründeten, dass das Leben ein «Weg» ist, der den Gesetzen der Natur folgt. Das Grundgesetz: Das Leben und das Universum müssen in Harmonie zueinander stehen, damit es dem Menschen gut geht. Dieses Gleichgewicht wird durch die Pole Yin und Yang hergestellt – bildlich gesprochen heisst das: die schattige und sonnige Seite des Hügels.

Das Gleichgewicht von Yin und Yang wird von «äusseren» Faktoren wie Wind, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit und Trockenheit beeinflusst oder von «inneren» Faktoren wie Freude, Ärger, Trauer und Angst reguliert. Aber auch Ernährung, Sport, Verletzungen oder Parasiten spielen eine Rolle. Von Dämonen keine Spur. Mit ihrer Philosophie legten die Gelehrten vor 2000 Jahren den Grundstein für die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Heute ist die TCM eine eigenständige Heilkunde. Mit einer speziellen Diagnose erkennt sie Unausgeglichenheiten in unserem Körper und stellt mit verschiedenen Therapien das Gleichgewicht wieder her. Die fünf Therapien der TCM sind:

  • die Traditionelle Chinesische Arzneitherapie (TCA)
  • die Tuina-Massage
  • die Ernährungslehre oder TCM-Diät
  • die Bewegungstherapien Tai-Chi und Qi Gong
  • die Akupunktur    

Was ist Akupunktur?

Die TCM nimmt an, dass fünf Substanzen für das Gleichgewicht in unserem Körper verantwortlich sind. Das sind mehr Substanzen als in unserer westlichen Medizin bekannt: die Lebensenergie «Qi», das Blut, die «Essenz», der Geist und die «Säfte». Diese Substanzen und ein unsichtbares Netz von Leitbahnen (Meridiane) sollen unsere Organe miteinander vernetzen. Dieses «Netz» kann durch bestimmte Punkte auf der Körperoberfläche stimuliert werden. Bei der Akupunktur werden daher feine Nadeln wenige Millimeter tief in bestimmte Körperstellen eingestochen. Dadurch wird die Körperenergie Qi wieder in die richtigen Wege geleitet. Doch nicht nur übers Pieken wird das Körpersystem wieder ausbalanciert. Auch mit den elektrischen Impulsen der Elektro-Akupunktur oder erhitzten Beifuss-Blättern können die Akupunktur-Punkte stimuliert werden. Besonders für psychosomatische und organische Krankheiten soll die Akupunktur geeignet sein. Doch kann das sein? Ein unsichtbares Netz? Das Gleichgewicht von Lebensenergien? Manche halten die Akupunktur eine fundierte Heilmethode, andere bezeichnen sie als reinen Hokuspokus. Was sagt die Wissenschaft?     

Sprachbarrieren: TCM vs. Schulmedizin

Die westliche Medizin und die traditionelle chinesische Medizin sprechen unterschiedliche Sprachen. So ist die Leber nach Ansicht der TCM zwar auch für die Gallensekrete zuständig, sie soll jedoch auch die Emotionen regeln und das Blut speichern. Darüber hinaus spricht die chinesische Medizin von Organen, die es in der westlichen Anatomie nicht gibt, wie zum Beispiel dem «Dreifachen Erwärmer». Die Schilddrüse und das Nervensystem existieren in der TCM hingegen nicht. Die westliche Medizin und die TCM haben daher einige Verständnisprobleme. Besonders verwirrend wird es, wenn die TCM mit westlicher Medizin vermischt wird. Experten kritisieren diese Verwestlichung der chinesischen Heilkunde, da sie dadurch schlechtere Ergebnisse erzielt.

Neue Studien bestätigen: Akupunktur hat positive Wirkung auf den Körper

Neben den medizinischen Sprachunterschieden ist die Akupunktur aber auch oft eine Glaubensfrage. Wissenschaftlichen Studien zufolge führte die so genannte Schein- oder «Minimal-Akupunktur» zu fast den selben positiven Effekten, obwohl hierbei die Nadeln abseits der Akupunktur-Punkte gesetzt wurden. Ist die Akupunktur also nur ein Placebo mit chinesischem Flair?

Das nahmen westliche Mediziner lange an, da die Wissenschaft die positive Wirkung auf einige Patienten nicht erklären konnte. Doch neuste Studien konnten der TCM nun auf den Grund gehen. Wissenschaftler der University of Rochester im Bundesstaat New York haben die Wirkung der Akupunktur auf molekularer Ebene nachgewiesen. Die Nadeln setzen das Molekül Adenosin im Gewebe frei. Das wiederum kann Schmerzen lindern. Forscher der University of Michigan wiesen zudem nach, dass Akupunktur und Scheinakupunktur unterschiedliche Effekte im Gehirn haben. Die klassische Akupunktur erhöhe einerseits die Menge an Endorphinen, andererseits die Menge der schmerzlindernden Substanzen Opioid, Morphin und Kodein. Die Scheinakupunktur veränderte den Opioid-Level kaum. Was die Wissenschaftler besonders verblüffte: Obwohl die klassische und die scheinbare Akupunktur verschiedene Körperprozesse auslösten, hemmten beide Techniken die Schmerzen der Patienten. Die Studie des Berliner Universitätsklinikums Charité und der Technikerkrankenkasse (TK) zeigte, dass die Akupunktur besonders Allergikern, Patienten mit Kopf- und Lindensäulenschmerzen, Arthrose am Knie, Asthmatikern und Patientinnen mit Regelschmerzen in 75 bis 90 Prozent der Fälle hilft.

Akupunktur in der Schweiz

Nach der Volksabstimmung wird eine durch Schweizer Ärzte praktizierte Akupunktur seit Januar 2012 auch von der Grundversicherung übernommen. Die Kosten werden jedoch nur übernommen, wenn der TCM-Arzt über eine FMH-Weiterbildung verfügt. Bei den Therapeuten, die über keine FMH-Weiterbildung verfügen, müssen Sie eine Zusatzversicherung abschliessen. Über die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) finden Sie anerkannte Ärzte mit einem TCM-Fähigkeitsausweis der Assoziation Schweizer Ärztegesellschaften für Akupunktur und chinesische Medizin (ASA). Die Fachverbände SBO-TCM, EMR, ASCA und NVS haben Abkommen mit bestimmten Versicherungen abgeschlossen, wonach die Versicherten die Kosten der Therapie anteilig rückerstatten lassen können. Informieren Sie sich beim TCM-Arzt Ihres Vertrauens, welche Bestimmungen bei ihm gelten.

Text: Ananda Grade