Dark Sky: «Es braucht Vorschriften gegen Lichtemissionen»

Theo Wirth ist Geschäftsleiter von Dark Sky.

Theo Wirth ist Geschäftsleiter von Dark Sky und engagiert sich für die Reduktion von Lichtverschmutzung.

Der Zusammenhang zwischen Lichtverschmutzung und dem Energiebedarf kann bestimmt eindeutiger gemacht werden.

Selbstverständlich – die übermässigen Lichtemissionen verursachen einen enormen Energieverschleiss. Um dies zu verhindern, muss man sich konsequent die Fragen stellen: Was muss ich beleuchten, wie muss ich es beleuchten und muss ich es überhaupt beleuchten, die ganze Nacht, 24 Stunden lang?

Gibt es denn heutzutage in Industrieländern noch Alternativen zur 24/7-Beleuchtung?

Mittlerweile gibt es einige Möglichkeiten, um die ständige und ungenaue Beleuchtung zu umgehen. Schablonen zum Beispiel, die punktgenau Licht spenden können, oder Zeitschalter, die zu einer gewissen Uhrzeit automatisch das Licht ausschalten. Gemeinden, die mit bestem Beispiel voraus gehen, muss man auch gar nicht so lange suchen. In der Tessiner Ortschaft Coldrerio müssen alle Leuchtreklamen nachts ausgeschaltet werden, bis auf diejenigen von Notfallzentren und Apotheken. Die Zürichsee-Gemeinden Zollikon und Stäfa schalten von 1 bis 5 Uhr morgens die gesamte Strassenbeleuchtung weitgehend aus. 

Ist das nicht äusserst gefährlich?

Klar, es könnte etwas passieren. Und dann würden alle entsetzt aufheulen: «Was, nachts keine Strassenbeleuchtung, geht’s noch?» Im Moment klappt aber alles noch gut. Viele überlegen sich auch nicht, dass die Ablenkung durch die vielen Leuchtreklamen auf der Strasse genauso gefährlich ist. Wenn ich eine dunkle Strasse entlangfahre und aufs Mal eine blinkende Werbefläche in mein Sichtfeld auftaucht, irritiert mich das sehr.

Was ist neben der Reduktion von Lichtverschmutzung ebenfalls wichtig, damit wir  in einer nachhaltigeren Gesellschaft leben können?

Jeder von uns muss Eigenverantwortung übernehmen. «Strom sparen, natürliche Ressourcen schonen ja, selber aktiv werden, nein», heisst oft die Devise. Wir alle müssen uns über die kleinen Dinge bewusst sein, die wir tun können, um die Umwelt zu schützen. Ein anderer konkreter Bereich, ist die Kommunikation. Wir müssen heute immerzu erreichbar sein, Telefon, e-Mail, Internet. Nicht nur energietechnisch hat die elektronische Kommunikation eine negative Bilanz, sondern auch psychologisch und sozial. Wir werden immer gestresster. Diese Hektik kann nicht nachhaltig sein.

Weshalb ist Lichtverschmutzung, trotz beträchtlichen Entwicklungen auf Gemeindebasis, für die grosse Mehrheit kein Stichwort?

Weil es keine flächendeckende Gesetzgebungen gibt. Solange der Bund keine Bestimmungen macht, wird Lichtverschmutzung auch weiterhin nur die Wenigsten interessieren. Wir akzeptieren Lichtverschmutzung weitgehend, sagen: «Das ist eben einfach und ist schon immer so», obwohl es uns stört, wenn eine Strassenleuchte unser Schlafzimmer in der Nacht mit Licht durchflutet.

Welche Massnahmen müsste der Bund im Bezug auf Lichtverschmutzung ergreifen?

Am effizientesten wären klar geregelte Bauvorschriften für Beleuchtungssysteme. Leuchten sollten möglichst so konzipiert werden, dass keine Lichtemissionen entstehen. Das betrifft den Energiebereich genauso wie die übermässige, ständige und ungenaue Beleuchtung. Heute braucht man zwar für alles Mögliche Baubewilligungen, auf den Punkt Lichtverschmutzung werden sie aber keineswegs geprüft.

Ist es überhaupt möglich, das Licht in den Industrieländern vollständig zu «entschmutzen»?

Das ist eher unwahrscheinlich, denn in unserer Konsum- und Profitgesellschaft hat jeder schlagende Argumente gegen die Reduktion von Lichtverschmutzung. Mit dieser Leuchtreklame muss ich Werbung machen. Hier muss ich eine helle Strasse für den Autoverkehr haben. Ist mein Haus nicht ständig beleuchtet, könnte es verschmiert oder beraubt werden. Das Bewusstsein für Lichtverschmutzung ist noch viel zu gering. Dark Sky wird noch viel Informationsarbeit leisten müssen!

Interview und Bild: Sabrina Stallone - Februar 2012