«Nachhaltiger Konsum ist eine Illusion»

Frau Hartmann, kann Konsum denn überhaupt nachhaltig sein?

Nein, die Konsumgesellschaft kann nicht nachhaltig sein. Verzicht, ein dringend nötiges Weniger, ist darin nicht vorgesehen – es geht darum, Dinge zu verbrauchen, wegzuschmeissen und neu zu kaufen, Wachstum ist der Motor. Aber Wachstum bedeutet: Ressourcen- und Energieverschwendung auf Kosten von Klima, Umwelt und den Menschen in armen Ländern.

Aber einkaufen muss ja nun mal jeder. Ist es da nicht besser auf nachhaltige Produkte zurückzugreifen statt auf konventionelle?

Es gibt nicht für jedes Produkt einen korrekten Ersatz, meistens nur die etwas bessere Alternative. Das heisst aber, dass man die Probleme der Welt in Konkurrenz zueinander setzt. Denn was bringt ein T-Shirt aus Öko-Baumwolle, wenn es trotzdem im Sweatshop unter menschenverachtenden Bedingungen genäht wurde? Was bringt ein Putzmittel aus pflanzlichen Rohstoffen, wenn für das Palmöl der Regenwald gerodet wird? Was nützt Bio-Gemüse, das unter ausbeuterischen Bedingungen geerntet wurde? Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem. «Besser als nichts» ist Resignation und bedeutet Stillstand. Es heisst im Grunde, dass man sich mit den Umständen abgefunden hat und sich mit den wahren Ursachen nicht mehr beschäftigen will.

Was halten Sie davon, den eigenen CO2-Ausstoss zu kompensieren?

Die Lösung liegt nicht im Kompensieren, sondern im Vermeiden von CO2. Und darum, sich von der ressourcenintensiven Wachstumsidee zu verabschieden. Kompensation heisst Probleme in die Zukunft schieben, es ist ein Ablasshandel. Es gibt ausserdem weltweit eine überschaubare Anzahl von Kompensationsprojekten, die sinnvoll sind. Bäume pflanzen zum CO2-Ausgleich, eine beliebte weil billige Methode, ist zum Beispiel wenig sinnvoll. Es dauert Jahrzehnte, bis ein Baum so groß ist, um CO2 aufnehmen zu können. Aber niemand kann garantieren, dass er so lange steht. Abgesehen davon findet freiwillige Kompensation so gut wie nicht statt: In Deutschland werden weit unter einem Prozent der Flüge kompensiert. Da kann man mal sehen, wie verbreitet ethischer Konsum in Wahrheit ist.

In Ihrem Buch betonen Sie, dass im Vergleich zum LOHAS ein Hartz IV-Empfänger in Deutschland wesentlich weniger CO2 verursacht. Eine hohe Arbeitslosenquote ist demnach gut für das Klima?

Was ist das denn für eine zynische Idee? Hartz-IV-Empfänger in Deutschland haben eine bessere Klimabilanz, weil sie arm und aus der Konsumgesellschaft ausgeschlossen sind. Dennoch zeigen die besser verdienenden Lohas mit dem Finger auf sie und nennen sie die schlechteren Konsumenten, weil sie sich allenfalls einen Einkauf beim Discounter leisten können. Das ist eklig. Auch das steckt hinter der so genannten «Konsumentendemokratie»: Sie spielt Menschen gegeneinander aus. Echte Nachhaltigkeit ist nicht ohne Verteilungsgerechtigkeit zu haben. Denn was die Näherin in Bangladesch mit dem Hartz-IV-Empfänger in Deutschland verbindet, ist, dass sie beide Opfer des ungerechten Weltwirtschaftssystems sind, das für Armut, Ausbeutung und Naturzerstörung verantwortlich ist.

Was soll der einzelne Bürger denn für eine nachhaltigere Gesellschaft genau tun?

Sich die Idee aus dem Kopf schlagen, dass es am Einzelnen liegt, die Welt zu verändern. Das ist ein neoliberaler Gedanke, der Politik und Wirtschaft aus der Verantwortung entlässt. Diese dazu zu zwingen, Verantwortung zu übernehmen, geht nur zusammen mit anderen. Der Protest gegen Atomkraft und Stuttgart 21 in Deutschland hat gezeigt: Menschenmassen auf der Straße bringen die Politiker in die Bredouille. Einkaufen aber macht niemandem Angst.

Wäre es nicht nachhaltiger, wenn Sie die Bürger eher zu dem von Ihnen verlangten politischen Handeln für eine nachhaltigere Gesellschaft motivieren, statt die Konsumenten von Bio-Produkten zu kritisieren?

Ich habe in meinem Buch belegt, weshalb ethischer Konsum nicht funktioniert, wieso die Konzerne davon profitieren und warum nur der Bürger etwas ändern kann. Ein Rezept dafür, wie man Menschen mobilisiert, gibt es nicht. Politisches Handeln oder zu Protest entsteht nicht dadurch, dass man jemandem dazu überredet. Sondern aus Wut und dem unbedingten Willen heraus, etwas ändern zu wollen. Ich bin sehr wütend über die perfiden Märchen, die uns die Industrie erzählt. Ich wünsche mir, dass ich mit meiner Wut Menschen anstecken kann.

LOHAS steht für Lebensstile oder Konsumententypen, die durch ihr Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern wollen. Häufig handelt es sich um Personen mit überdurchschnittlichem Einkommen. (Quelle: wikipedia.org)

 

Der Link zum Buch:

http://www.randomhouse.de/Paperback/Ende-der-Maerchenstunde/Kathrin-Hartmann/e310527.rhd?edi=310527