Kathrin Hartmann: «Es gibt kein nachhaltiges Einkaufen»

Die so genannten LOHAS wollen durch gezielten Konsum die Nachhaltigkeit fördern. Kathrin Hartmann zeigt in ihrem Buch «Ende der Märchenstunde», warum Lifestyle-Ökos nicht die Welt retten und wie Industrie und Marketing sie für Ihre Zwecke vereinnahmen. Im Interview erklärt die Autorin ihre LOHAS-Kritik.

Kathrin Hartmann im Interview zu ihrem Buch «Ende der Märchenstunde».
Kathrin Hartmann, Quelle: natur.ch
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Ihre Grundthese ist, dass der Konsum von nachhaltig gelabelten Produkten heute lediglich ein Deckmantel für weiterhin ungehemmten Konsum ist, der sich durch das Label rechtfertigt. Warum?

Das Versprechen von Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz ist an den Kauf der Produkte gekoppelt. Es geht also nicht darum, weniger zu konsumieren, sondern genauso viel - aber mit gutem Gewissen. Deshalb kann man heute den Regenwald retten, wenn man eine bestimmte Sorte Bier kauft, man kann mit Skiern aus nachwachsenden Rohstoffen nachhaltig die Berge kaputt fahren, man kann guten Gewissens Auto fahren, wenn der Autohändler Bäume pflanzen lässt, man kann sogar Fischstäbchen aus fast ausgerottetem Alaska-Seelachs essen, sofern pro Packung eine Spende an ein Meeresschutzprojekt geht. Und selbst Burger essen ist praktizierter Umweltschutz, weil Mc Donalds sein Firmenschild grün anmalt.

Betreibt die Industrie im Grunde lediglich «Green Washing»?

Ja. Damit wollen die Konzerne ihren Profit sichern. Echte Nachhaltigkeit würde ihnen kein Profit, sondern Verluste bringen. Denn am billigsten lässt sich da produzieren, wo man auf Umweltschutz und Menschenrechte eben keine Rücksicht nehmen muss. Unter einem grünen Deckmäntelchen betreiben sie ihr schädliches Kerngeschäft einfach weiter. Zudem kann man beochbachten, dass ausgerechnet die grössten Umweltsünder das grünste Mäntelchen haben: Luftfahrt-, Auto-, Chemie-, Energie- und Ölkonzerne. Mutter des Greenwashing ist übrigens BP: Sie haben viel Geld in eine Kampagne investiert, die den Geschäftszweig Alternative Energies bewirbt, sich ein neues Logo mit gelbgrüner Sonne gegeben und den Namen in «Beyond Petroleum» geändert. Nach wie vor verdient BP aber Milliarden im extrem umweltschädlichen Ölgeschäft. Was hinter dem ganzen grünen Tamtam in Wahrheit steckt, konnte man ja im Golf von Mexiko sehen. Unternehmen ändern sich nicht durch grüne Versprechen – sie halten sich lediglich Gesetze und Auflagen vom Hals, die sie zum verantwortlichen Handeln zwingen.

Die Kritik in Ihrem Buch «Ende der Märchenstunde» zielt insbesondere auf die kaufkräftige Zielgruppe der LOHAS. Warum sind diese aus Ihrer Sicht nicht nachhaltig?

Sie pflegen vor allem einen konsumfreudigen, aufwendigen, energie- und ressourcenintensiven Lebensstil: fahren grosse Autos, fliegen viel in der Welt herum, leben in grossen Wohnungen. All das ist ganz und gar nicht nachhaltig. Das Lohas Motto lautet: «Konsum mit gutem Gewissen und ohne Verzicht». Dazu kommt, dass Lohas unpolitisch sind: Es ist keine gesellschaftliche Bewegung mit erklärtem politischem Ziel. Lohas sind schlicht eine Ansammlung besser verdienender, genussorientierter und konsumfreudiger Individualisten, die von Zeit zu Zeit ihren Einkauf nach persönlichen ethischen und ökologischen Vorstellungen ausrichten. Das macht sie für die Unternehmen so interessant: Mit ihnen lässt sich viel Geld verdienen.

Was ist schlecht daran, Bio-Produkte zu konsumieren?

Es ist nicht schlecht, bio zu konsumieren. Wer aber glaubt, dass er der Umwelt was Gutes tut, wenn er im Winter Bio-Erdbeeren aus Südspanien kauft und Bio-Rindersteak aus Brasilien isst, täuscht sich. Auch für Bio-Rindersteak wird Regenwald gerodet, auch Bio-Erdbeeren, deren Anbau viel Wasser braucht, sorgen in heissen Ländern für Umweltschäden. Das ist leider das Ergebnis des Bio-Hype: Alles scheint ok, wenn es nur bio ist. Selbst in Plastik eingeschweissten Ananasstücke, eingeflogen aus Costa Rica und Spargel aus Peru. Wer einkauft wie immer, aber bio, der ändert nichts an den schädlichen Ursachen, sondern trägt zum Erhalt bei. Es muss darum gehen, die Landwirtschaft weltweit ökologisch umzustellen, nicht darum, möglichst viel Bio zu kaufen. Das lässt sich aber nicht durch Nachfrage regeln, sondern durch politische Entscheidungen.