Die im Supermarkt unterschiedenen Bio-Label

Nachhaltig produzierte Lebensmittel sind gesünder und schmecken besser.

Nachhaltig produzierte Lebensmittel sind gesünder und schmecken besser.

Wie kann man sich durch Kommunikation von anderen Standards sinnvoll abheben?

Wir unterscheiden intern Standards im Best Practice Bereich wie Naturaplan bzw. Bio Suisse oder Fair Trade. Daneben gibt es im Bereich Nachhaltigkeit auch Produktionsstandards, die vor allem in der sogenannten Business-to-Business Beziehung zum Tragen kommen. Dies gilt etwa beim Palmöl, bei Soja oder auch mit dem 4C-Standard beim Kaffee. Dazwischen liegen die breit eingesetzten Labels wie FSC (Forest Stewardship Council) und MSC (Marine Stewardship Council), die zunehmend zu einem Branchenstandard werden, aber auf dem Produkt ausgelobt werden. Sobald die Informationen auf dem Produkt noch komplexer werden, wie mit CO2-Labels, da bin ich eher skeptisch, ob die Konsumenten die Aussage verstehen und entsprechend ihren Konsum nachhaltiger gestalten. Das zeigen auch verschiedene wissenschaftliche Studien. Wichtig bei Labels und Logos ist die Glaubwürdigkeit der Organisation, die dahinter steht und sich für eine konsequente Umsetzung verbürgt.

Aber sind nachhaltige Produkte nicht zunehmend selbstverständlich?

Ja. Und das ist auch eine Gefahr für die Labels. Die Konsumenten sagen sich: «Ich will einfach mit gutem Gewissen konsumieren können und bitte sorgt dafür, dass ich das kann.» Dann wird jedoch die Labelleistung nicht mehr wirklich als Mehrwert wahrgenommen, es sei denn, der Mehrwert lässt sich emotional und messbar kommunizieren.

Sind dann Labels nur eine Lösung auf Zeit, bis die Anforderungen Standard geworden sind?

Natürlich wäre es positiv, wenn hundert Prozent der Produktion nachhaltig produziert würde, das ist klar. Dann müsste man aber tatsächlich im globalen Handel Mindestkriterien einfordern können. Bei Früchte und Gemüse machen wir das und verlangen bei allen Importen den Global GAP-Standard. Fische aus dem In- und Ausland müssen aus nachhaltigem Fischfang oder entsprechenden Aquakulturen stammen. Oder bei allen Produktionsstätten in Risikoländern lassen wir BSCI-Audits durchführen um sicherzustellen, dass die Arbeitsbedingungen den Anforderungen des interantionalen Arbeitsorganisaiton ILO entsprechen. Aber vergessen wir nicht – es gibt durch die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen auch immer neu Herausforderungen: effiziente Nutzung von Wasser, Schutz der Biodiversität oder die legale Landnutzung waren bislang keine wichtigen Themen. Diese müssen in geeigneter Form in die bestehenden Standards eingebaut werden. Die Best Practice Label gehen dabei voraus – so gesehen, sind sie viel mehr als nur eine Übergangslösung.

Das sind alles langfristige Bestrebungen. Momentan scheint aber noch zu gelten: Wer sich nicht freiwilligen Standards unterwirft, macht die grosse Sause…

Genau. Das ist es. Freiwilliges Engagement sollte man unbedingt unterstützen und es müssen Plattformen geschaffen werden, um dieses Engagement auch aufzuzeigen. Ich bin dafür, dass man sich unter Leitung des Bundesamts für Umwelt oder des WWF zusammensetzt, um miteinander eine Risikoanalyse und darauf basierend ein Agenda mit den wichtigsten Themen zu erarbeiten. Diese gemeinsame Liste soll mithelfen Prioritäten zu setzen. Nicht alle Themen sind gleich wichtig, dringend und relevant. Hier müssten Grossverteiler, Produzenten und der Staat im Dialog stehen. Und es muss für die Konsumenten klar werden, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob das Sortiment zu zehn oder zu hundert Prozent nachhaltig ist bzw. die Mindestkriterien erfüllt. In diese Prozesse muss Transparenz, die über die freiwillige Berichterstattung hinausgeht

Welche drei Prioritäten würden Sie setzen?

Eine nachhaltige Fischwirtschaft ist dringend. Wird wie bisher weitergearbeitet, so sind in spätestens 20 Jahren unsere Meere und Seen leergefischt. Wassermanagement ist ebenso ein grosses Thema – Wasser ist heute schon knapper als Erdöl; eine Alternative dazu gibt es nicht wirklich und Wasser ist zentral für die Produktion von Nahrungsmittel für eine wachsende Weltbevölkerung. Und schliesslich der Klimawandel – das ist eine zentrale Herausforderung, die wir mir wirkungseffizienten und nicht nur mit gut gemeinten Massnahmen konsequent angehen müssen.

Wie stehen Sie zum Ökobilanz-Spannungsfeld zwischen der Biobanane aus Übersee und einem Cox Orange aus der Schweiz?

Der Einfluss des Transports auf die Ökobilanz eines Produkts wird generell überschätzt. Ausser beim Flugtransport, der tatsächlich sehr grosse Co2-Emissionen auslöst.. Wir haben in Kooperation mit der ETH eine spannende Untersuchung angestellt zwischen Papayas aus Brasilien sowie Indien, die per Schiff importiert wurden, im Vergleich zu Papayas, die im neuen Tropenhaus Wolhusen gewachsen sind. Natürlich waren wir der festen Überzeugung, die Schweizer Papaya schneide besser ab. Doch die Ökobilanz der ausländischen Papayas ist auch in bezug auf die CO2-Bilanz besser. Grund: Die Infrastruktur ist allein schon wegen der grauen Energie des Gebäudes gegenüber der Freilandproduktion unterlegen. Da die meisten Papayas jedoch eingeflogen werden, lohnt sich der Anbau im Tropenhaus aber doch - auch aus ökologischer Sicht. Zudem muss gesagt werden, dass in weniger entwickelten Ländern durch den Handel mit nachhaltigen Produkten ein wichtiger Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Know-how und Einkommen geschaffen wird. Generell bin ich kein Fan von protektionistischen Aktionen aufgrund von ökologischen Überlegungen ohne umfassende Ökobilanzen. Vielmehr braucht es Sensibilisierung bei den Produzenten sowie den Austausch von Wissen und technischen Lösungen, dass inländische und importierte Produkte nachhaltig produziert werden.

Quelle: nachhaltigkeit.org, Interview: Yvonne von Hunnius

Zur Person:

Sibyl Anwander Phan-Huy leitet bei Coop als Mitglied der Direktion den Bereich Qualität und Nachhaltigkeit. Sie hat an der ETH Zürich Agronomie studiert und vertritt Coop in verschiedenen schweizerischen und internationalen Organisationen.

Weitere Informationen zum Thema Bio-Lebensmittel finden Sie hier:

Bio-Lebensmittel sind Produkte, die im Einklang mit der Natur entstehen - und das hat seinen Preis. Beim Anbau wird auf eine Mengenmaximierung verzichtet. Um die Umwelt zu schonen, benutzen Biobauern also keine chemischen Dünger oder Pflanzenschutzmittel. Deshalb fallen die Ernten nicht so gross aus, wie das bei konventionell angebauten Lebensmitteln der Fall ist. Laut BioSuisse nehmen die Bauern so Mindererträge von 20 bis 30 Prozent in Kauf. Auch die Verarbeitung der biologischen Produkte kostet mehr. Denn die Vorgaben zu erlaubten Verarbeitungsmethoden aber auch das Verbot von vielen Hilfsstoffen verlangen die Verwendung von hochwertigen Zutaten. Zudem kommen viele Bioprodukte aus der Schweiz, wo die Produktionskosten sowieso hoch sind. Nicht zu vergessen ist zudem die teurere Tierhaltung. Denn die Tiere auf den Bio-Höfen haben nicht nur viel Platz, sondern fressen auch Biofutter, welches wiederum teurer ist als herkömmliches Tierfutter. Die körperliche Entwicklung dieser Tiere wird nicht mit Hormonen vorangetrieben, nur damit in kürzerer Zeit mehr Tiere geschlachtet werden können.