Schweizer Grossverteiler: Bio-Lebensmittel für alle

Konsumenten haben Hunger auf Öko und werden bedient. Doch die Transparenz schwindet. Sibyl Anwander, Leiterin Qualität und Nachhaltigkeit bei Coop, setzt auf bewährte Bio-Label und fordert eine verbindliche Agenda für eine wirkungsvolle Förderung des nachhaltigen Konsums.

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Wieviel Prozent des Coop-Umsatzes wird mit Öko- oder Bio-Produkten erwirtschaftet?

Im Gesamtsortiment macht das zwölf Prozent des Umsatzes aus. Im Food-Bereich sind es sogar etwa 15 Prozent. Bei Schweine- und Rindfleisch aus tierfreundlicher Haltung sind wir ungefähr bei 70 Prozent, wenn wir unsere Marke Naturafarm dazurechnen. In manchen Produktbereichen stehen wir fast bei hundert Prozent. Beispielsweise sind fast alle Rosen von Max Havelaar, bei Papier ist praktisch alles FSC-zertifiziert. Wir sind 2009 trotz Finanzkrise in den Segmenten Bio und Fair Trade überdurchschnittlich gewachsen. In bezug auf den Gesamtmarkt konnte ein Plus von 2,2 Prozent verzeichnet werden.

Schwenken die Produzenten immer bereitwillig um?

Am Anfang war es schwer, die Produzenten zu überzeugen, sich auf den Biolandbau einzustellen, dann ging es eine ganze Weile recht gut. Jetzt bräuchte es jedoch wieder neue Produzenten für verschiedene Programme. Und wir spüren eine gewisse Zurückhaltung, da mit der Bioproduktion auch höhere Kosten verbunden sind und man sich nicht sicher ist, in welche Richtung sich die Mehrwertdiskussion entwickelt. Aber wir haben ja keine direkten Verträge mit den einzelnen Produzenten, was wichtig ist, damit ein Markt und keine Abhängigkeit entsteht. Die Einhaltung der Richtlinien wird von den labelgebenden Organisationen oder von unabhängigen Prüfinstituten sichergestellt. Mit unseren Partnerorganisationen Bio Suisse, Max Havelaar und andere diskutieren wir über die Marktentwicklung und erarbeiten gemeinsam Massnahmen, wie wir weiterhin kontinuierlich wachsen können.

Welche Mehrwertdiskussion meinen Sie konkret?

Die Aufgabe, Mehrwert zu schaffen und entlang der Kette zu verteilen, beschäftigt uns permanent. Denn nachhaltigen Produktion ist in der Regel mit mehr Mehrkosten auf allen Stufen verbunden, die auch über höhere Preise abgegolten werden. Das funktioniert ausgezeichnet, wenn der Markt gut eingeschätzt wurde. Doch wenn Überschüsse produziert werden, was man nicht immer verhindern kann, wird es schwieriger.

Muss man dann vielleicht bereit sein, die eigene Marge herunterzuschrauben?

Langfristig kann es nicht die Marge sein, denn mit der Marge decken wir unsere Kosten. Aber es gibt ja auch die Möglichkeit, die Effizienz zu steigern durch gute Zusammenarbeit. Bei unserem Naturline-Programm mit Textilien aus biologischer und fair gehandelter Baumwolle kann jeder gut leben. Weniger Zwischenhändler, stärker geplante Produktion  – das alles sind Möglichkeiten. Bei der Coop-Schokoladenmarke Chocolats Halba wird gerade ein Projekt umgesetzt, bei der verstärkt auf direkte Verträge mit Kakaoproduzenten in Honduras gesetzt wird. Die Produktion wird bezüglich ökologischen und sozialen Aspekten optimiert – damit sichert sich Chocolats Halba langfristig die Versorgung mit hochwertigen Rohstoffen in optimaler Qualität. Es geht ja darum, dass diejenigen, die tatsächlich Mehrleistung erbringen, den damit verbundenen höheren Aufwand decken können – sonst ist ein Programm ökonomisch nicht nachhaltig. In Ländern wie der Elfenbeinküste kann Kakao bis zu 14 Handelsstufen durchlaufen, bis er das Land verlässt. Dass auf diese Weise beim Produzenten, wo die meiste Arbeit anfällt, nicht mehr viel bleibt, muss niemanden erstaunen.

Bei wie viel Prozent der Käuferschaft sehen Sie eine Grenze?

Ich glaube nicht an eine fixe Zahl. Das Konsumentenverhalten ist heterogen und es gibt einfach nicht ein Profil des Fairtrade- oder Ökokonsumenten. Es ist aber wichtig, dass wir Nachhaltigkeit nicht nur im Spitzenbereich vorantreiben, sondern auch das Standardsortiment nachhaltige Mindestanforderungen erfüllt. Es muss gelingen, gute Qualität und attraktive Sortimente zu vernünftigen Preisen einer breiten Käuferschaft anzubieten. Es gibt individuelle preisliche Sensibilisierungsgrenzen. Und da geht es darum, ob der Mehrpreis im Verhältnis zum wahrgenommenen Mehrwert steht. Hier sehe ich momentan zwei grosse Gefahren: Wenn das Preisniveau für herkömmliche Produkte durch den aggressiven Preiskampf im Detailhandel fällt, dann kommen auch die Preise für Bio- und Fair Trade-Produkte unter Druck bis zu einem Punkt, wo der Mehraufwand nicht mehr gedeckt ist und die Produzenten aussteigen.

Wie kommt denn der krasse Unterschied zustande?

Lang nicht alle Preisdifferenzen sind «krass» – sonst wäre ein breites Wachstum gar nicht möglich. Da aber der Preis der Ressourcen wie fruchtbarer Boden, Wasser, saubere Luft oder Biodiversität oft die reale und langfristige Knappheit nur ungenügend zum Ausdruck bringt, straft man indirekt die Produktsysteme, welche wenig Ressourcen beanspruchen. In vielen Ländern sind Produktionsmittel wie Wasser oder gar Dünger gar subventioniert, so dass wenig Anreiz besteht, diese Ressourcen sparsam einzusetzen. Würde sich die Knappheit der Ressourcen im Preis niederschlagen, wären nachhaltig produzierte Produkte günstiger und würden automatisch verstärkt nachgefragt.

Und warum sehen Sie diese Gefahr gerade jetzt aufkeimen?

Der Wettbewerb ist generell und auch durch den Markteintritt durch Aldi und Lidl härter geworden. Das hat auch damit zu tun, dass die beiden Discounter ebenfalls Bioprodukte führen, wenn auch nicht konsequent Produkte nach den strengen Richtlinien der Bio Suisse, sondern in der Regel EU-Bioprodukte. Das macht den Markt intransparenter, denn nicht alle Kunden kennen hier die Unterschiede. Mit der aktuellen Kampagne machen wir darauf aufmerksam, dass die Richtlinien der Bio Suisse auch die schonende Verarbeitung, den Verzicht auf Flugware oder auch Aspekte des fairen Handels umfassen. Coop ist der einzige Detailhändler, der auch von importierten Bioprodukten die gleich strengen Anforderungen einfordert.

Nachhaltig produzierte Lebensmittel sind gesünder und schmecken besser.

Nachhaltig produzierte Lebensmittel sind gesünder und schmecken besser.

Wie kann man sich durch Kommunikation von anderen Standards sinnvoll abheben?

Wir unterscheiden intern Standards im Best Practice Bereich wie Naturaplan bzw. Bio Suisse oder Fair Trade. Daneben gibt es im Bereich Nachhaltigkeit auch Produktionsstandards, die vor allem in der sogenannten Business-to-Business Beziehung zum Tragen kommen. Dies gilt etwa beim Palmöl, bei Soja oder auch mit dem 4C-Standard beim Kaffee. Dazwischen liegen die breit eingesetzten Labels wie FSC (Forest Stewardship Council) und MSC (Marine Stewardship Council), die zunehmend zu einem Branchenstandard werden, aber auf dem Produkt ausgelobt werden. Sobald die Informationen auf dem Produkt noch komplexer werden, wie mit CO2-Labels, da bin ich eher skeptisch, ob die Konsumenten die Aussage verstehen und entsprechend ihren Konsum nachhaltiger gestalten. Das zeigen auch verschiedene wissenschaftliche Studien. Wichtig bei Labels und Logos ist die Glaubwürdigkeit der Organisation, die dahinter steht und sich für eine konsequente Umsetzung verbürgt.

Aber sind nachhaltige Produkte nicht zunehmend selbstverständlich?

Ja. Und das ist auch eine Gefahr für die Labels. Die Konsumenten sagen sich: «Ich will einfach mit gutem Gewissen konsumieren können und bitte sorgt dafür, dass ich das kann.» Dann wird jedoch die Labelleistung nicht mehr wirklich als Mehrwert wahrgenommen, es sei denn, der Mehrwert lässt sich emotional und messbar kommunizieren.

Sind dann Labels nur eine Lösung auf Zeit, bis die Anforderungen Standard geworden sind?

Natürlich wäre es positiv, wenn hundert Prozent der Produktion nachhaltig produziert würde, das ist klar. Dann müsste man aber tatsächlich im globalen Handel Mindestkriterien einfordern können. Bei Früchte und Gemüse machen wir das und verlangen bei allen Importen den Global GAP-Standard. Fische aus dem In- und Ausland müssen aus nachhaltigem Fischfang oder entsprechenden Aquakulturen stammen. Oder bei allen Produktionsstätten in Risikoländern lassen wir BSCI-Audits durchführen um sicherzustellen, dass die Arbeitsbedingungen den Anforderungen des interantionalen Arbeitsorganisaiton ILO entsprechen. Aber vergessen wir nicht – es gibt durch die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen auch immer neu Herausforderungen: effiziente Nutzung von Wasser, Schutz der Biodiversität oder die legale Landnutzung waren bislang keine wichtigen Themen. Diese müssen in geeigneter Form in die bestehenden Standards eingebaut werden. Die Best Practice Label gehen dabei voraus – so gesehen, sind sie viel mehr als nur eine Übergangslösung.

Das sind alles langfristige Bestrebungen. Momentan scheint aber noch zu gelten: Wer sich nicht freiwilligen Standards unterwirft, macht die grosse Sause…

Genau. Das ist es. Freiwilliges Engagement sollte man unbedingt unterstützen und es müssen Plattformen geschaffen werden, um dieses Engagement auch aufzuzeigen. Ich bin dafür, dass man sich unter Leitung des Bundesamts für Umwelt oder des WWF zusammensetzt, um miteinander eine Risikoanalyse und darauf basierend ein Agenda mit den wichtigsten Themen zu erarbeiten. Diese gemeinsame Liste soll mithelfen Prioritäten zu setzen. Nicht alle Themen sind gleich wichtig, dringend und relevant. Hier müssten Grossverteiler, Produzenten und der Staat im Dialog stehen. Und es muss für die Konsumenten klar werden, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob das Sortiment zu zehn oder zu hundert Prozent nachhaltig ist bzw. die Mindestkriterien erfüllt. In diese Prozesse muss Transparenz, die über die freiwillige Berichterstattung hinausgeht

Welche drei Prioritäten würden Sie setzen?

Eine nachhaltige Fischwirtschaft ist dringend. Wird wie bisher weitergearbeitet, so sind in spätestens 20 Jahren unsere Meere und Seen leergefischt. Wassermanagement ist ebenso ein grosses Thema – Wasser ist heute schon knapper als Erdöl; eine Alternative dazu gibt es nicht wirklich und Wasser ist zentral für die Produktion von Nahrungsmittel für eine wachsende Weltbevölkerung. Und schliesslich der Klimawandel – das ist eine zentrale Herausforderung, die wir mir wirkungseffizienten und nicht nur mit gut gemeinten Massnahmen konsequent angehen müssen.

Wie stehen Sie zum Ökobilanz-Spannungsfeld zwischen der Biobanane aus Übersee und einem Cox Orange aus der Schweiz?

Der Einfluss des Transports auf die Ökobilanz eines Produkts wird generell überschätzt. Ausser beim Flugtransport, der tatsächlich sehr grosse Co2-Emissionen auslöst.. Wir haben in Kooperation mit der ETH eine spannende Untersuchung angestellt zwischen Papayas aus Brasilien sowie Indien, die per Schiff importiert wurden, im Vergleich zu Papayas, die im neuen Tropenhaus Wolhusen gewachsen sind. Natürlich waren wir der festen Überzeugung, die Schweizer Papaya schneide besser ab. Doch die Ökobilanz der ausländischen Papayas ist auch in bezug auf die CO2-Bilanz besser. Grund: Die Infrastruktur ist allein schon wegen der grauen Energie des Gebäudes gegenüber der Freilandproduktion unterlegen. Da die meisten Papayas jedoch eingeflogen werden, lohnt sich der Anbau im Tropenhaus aber doch - auch aus ökologischer Sicht. Zudem muss gesagt werden, dass in weniger entwickelten Ländern durch den Handel mit nachhaltigen Produkten ein wichtiger Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Know-how und Einkommen geschaffen wird. Generell bin ich kein Fan von protektionistischen Aktionen aufgrund von ökologischen Überlegungen ohne umfassende Ökobilanzen. Vielmehr braucht es Sensibilisierung bei den Produzenten sowie den Austausch von Wissen und technischen Lösungen, dass inländische und importierte Produkte nachhaltig produziert werden.

Quelle: nachhaltigkeit.org, Interview: Yvonne von Hunnius

Zur Person:

Sibyl Anwander Phan-Huy leitet bei Coop als Mitglied der Direktion den Bereich Qualität und Nachhaltigkeit. Sie hat an der ETH Zürich Agronomie studiert und vertritt Coop in verschiedenen schweizerischen und internationalen Organisationen.

Weitere Informationen zum Thema Bio-Lebensmittel finden Sie hier:

Bio-Lebensmittel sind Produkte, die im Einklang mit der Natur entstehen - und das hat seinen Preis. Beim Anbau wird auf eine Mengenmaximierung verzichtet. Um die Umwelt zu schonen, benutzen Biobauern also keine chemischen Dünger oder Pflanzenschutzmittel. Deshalb fallen die Ernten nicht so gross aus, wie das bei konventionell angebauten Lebensmitteln der Fall ist. Laut BioSuisse nehmen die Bauern so Mindererträge von 20 bis 30 Prozent in Kauf. Auch die Verarbeitung der biologischen Produkte kostet mehr. Denn die Vorgaben zu erlaubten Verarbeitungsmethoden aber auch das Verbot von vielen Hilfsstoffen verlangen die Verwendung von hochwertigen Zutaten. Zudem kommen viele Bioprodukte aus der Schweiz, wo die Produktionskosten sowieso hoch sind. Nicht zu vergessen ist zudem die teurere Tierhaltung. Denn die Tiere auf den Bio-Höfen haben nicht nur viel Platz, sondern fressen auch Biofutter, welches wiederum teurer ist als herkömmliches Tierfutter. Die körperliche Entwicklung dieser Tiere wird nicht mit Hormonen vorangetrieben, nur damit in kürzerer Zeit mehr Tiere geschlachtet werden können.