Aquakultur: Warum gesunder Fisch mehr als ein Bio-Siegel braucht

In Naturbecken tummeln sich Bio-Forellen gesund und munter: Das beschreibt in wenigen Worten die Bio-Aquakultur. Die strengen Bio Suisse-Richtlinien setzen Grenzen, doch nicht alle ökologischen Fischzuchten erreichen auf gleichem Weg ihr Ziel. Bei der Fischzucht Flückiger helfen Mikroorganismen.

Bio-Forellen aus dem Weiher.
Wer sich bewusst für Bio-Forellen entscheidet, schmeckt die Qualität. Foto: Dec Hogan, iStock, Thinkstock
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Roland Flückiger ist Fischzüchter seit Kindesbeinen an. Damals begleitete er seinen Vater in Gummistiefeln, der die Forellenzucht in Uerkheim bereits Anfang der sechziger Jahren gründete. Heute trägt er Größe 44 und ist für das Wohl von mehr als 30.000 Regenbogen- und Bachforellen verantwortlich. Füttern, kontrollieren, putzen, pflegen, Berichte verfassen, verarbeiten und verkaufen – in einer Bioforellenzucht gibt es selten freie Tage. Dennoch kann sich Roland Flückiger nichts anderes vorstellen – er fühlt sich wohl, so wie seine Fische im Wasser.

Frisch und nachhaltig: Forellen frisch aus dem Becken.

Garantierte Qualität: Forellen aus nachhaltiger Zucht. Foto: © Flückiger

Vom Ei zur Forelle

Die Geschichte der Biofischzucht Flückiger begann vor über 50 Jahren mit 5.000 Eiern der Starnberger Regenbogenforelle, die ihren Weg nach Uerkheim auf Heu und Eis gebettet fanden. Bis heute setzt sich deren Linie fort, da das Ehepaar Flückiger die Muttertiere nach strengen Kriterien auswählt, um die rassetypischen Merkmale und die Genvielfalt zu erhalten. In der Winterzeit, von Dezember bis März streicht man den laichreifen und mit Nelkenöl betäubten Mutterfischen die Eier ab. In Brutgläsern entwickeln sich nach etwa 50 Tagen aus den befruchteten Fischeiern kleine Larven. Die kleinen Forellenbrütlinge setzt Roland Flückiger nach dem Schlüpfen in die Becken des Bruthauses um. In der ersten Zeit sind diese Fische «Selbstversorger». Erst kurz bevor der eigene Dottersack aufgezehrt ist, beginnt der Fischzüchter mit der Anfütterung. Nach dem Umzug ins Rundstrombecken haben die jungen Forellen Zeit zum Wachsen. Wenn sie acht Zentimeter oder grösser sind, bringt man diese dann in die Naturteiche aus.

Ökologische Aquakultur: Forellenzucht in Uerkheim

Der Familienbetrieb Flückiger ist idyllisch zwischen Hügeln und Wald eingebettet. Bis zu zehn Tonnen Speisefisch (Regenbogenforellen) und eine noch grössere Menge an Besatzfischen (Bachforellen) schwimmen in zehn Naturweihern und weiteren Rund- und Aufzuchtbecken. Das klare Wasser kommt von drei eigenen Quellen und dem nahen Schäferenbächlein. «Wir arbeiten ausschliesslich naturnah und chemiefrei und seit neun Jahren biozertifiziert» erklärt Roland Flückiger. Dabei wird der Züchter von mikroskopisch kleinen, effektiven Mikroorganismen, kurz EM, unterstützt. Durch eine einwöchige Fermentierung werden die mikroskopisch kleinen, aber sehr nützlichen Lebewesen aktiviert. Da sich das Wasser auf natürliche Weise austauscht, wird den Weihern täglich EM in flüssiger Form zugegeben.

Naturweiher bieten viel Platz für die Fische.

Viel Platz haben die Forellen in Natuurweihern. Foto: pavel_klimenko, iStock, Thinkstock

Die «Heinzelmännchen» verbessern die Wasserqualität, lassen die Fische gleichmässiger wachsen und festigen spürbar deren Fleisch. EM fördert auch die Robustheit gegen Umwelteinflüsse und Sortierarbeiten. Dadurch reagieren die Forellen insgesamt stressresistenter, auch beim Verlegen in andere Weiher. Susanne Flückiger führt fort: «Die Mirkoorganismen beeinflussen die Vorgänge in der Natur positiv, also die Ursachen. Chemische Zusätze hingegen gehen oft nur gegen die Auswirkungen vor. Seit dem wir die effektiven Mikroorganismen nutzen, geht es den Tieren merklich besser. Die Umstellung zeigte schnell eine Wirkung. Besonders deutlich reagierte die Verdauung. Zum einen benötigen unsere Forellen weniger Futter. Normalerweise rechnet man ein Kilogramm Futter oder mehr zur Produktion von einem Kilogramm Fisch. Wir verwenden hingegen maximal 700 Gramm. Dadurch kommt es auch zu weniger Rückständen im Wasser, die sich dann noch leichter abbauen als früher. Daher müssen wir die Becken auch weniger mit der Hand putzen. Insgesamt sind unsere Arbeitsabläufe nicht unbedingt aufwändiger geworden - nur die wöchentliche Fermentierung kam hinzu.»

Was sind Effektive Mikroorganismen?

Der japanische Agrarwissenschaftler Teruo Higa entdeckte die positive Wirkung von 80 Mikroorganismenstämmen auf faulende, organische Substanzen. Die effektive Mikroorganismen- Mischung besteht u.a. in der Natur vorkommenden Hefe- und Milchsäure- und Photosynthesebakterien, die in z.B. in den Bereich Tierfutter, Nahrungsergänzungs- und Lebensmittel sowie Haushalts- und Kosmetikprodukte Einsatz finden.

 

Vom Fisch zum Filet

Wer sich an der Ladentheke für Biofisch entscheidet, denkt zuerst an den Geschmack und gute Qualität. Für viele Schweizer Verbraucher ist allerdings auch die artgerechte Tierhaltung wichtig, doch blenden sie oft das Ende eines Fischlebens aus. Die Bio-Richtlinien geben vor, dass die Tiere erst nach mindestens 18 Monaten geschlachtet werden. Für eine schonende Tötung kommt meist Strom oder seltener ein Genickschlag zum Einsatz. Dadurch verhindert man unnötigen Stress, was sich wiederum positiv auf die Fleischqualität und den Geschmack auswirkt.

Fischkonsum in der Schweiz ist zu hoch

Der Schweizer Fischkonsum kann nur zu etwa fünf Prozent durch Fang oder Aquakultur im Inland gedeckt werden – der Rest wird importiert. Um die Überfischung der Meere zu vermeiden, raten Experten, nur ein Mal im Monat Fisch zu verzehren. Weiterhin sollten Verbraucher ausschliesslich Bio-Zuchtfische oder Wildfische mit dem Fair Fish oder MSC-Label kaufen.

 

Linktipps:
www.bio-suisse.ch/de/fisch.php – Bio Suisse informiert über biologische Fischzucht nach Knospe-Richtlinien.
Biozucht Flückiger – Die Forellenzucht ist biozertifiziert.
www.fair-fish.ch – Die Organisation informiert über Tierschutzprobleme beim Fischfang, Überfischung und Aquakultur.

 

 

Autor: Kerstin Borowiak Quellen: Bio Suisse, Forellenzucht Flückiger, Fair Fish, Hochschule Wädenswil, BVET, BUWAL, Wikipedia