Swiss Climate Scores: Was sie für Anlegerinnen und Anleger bringen Theresa Keller Wenn du in der Schweiz nachhaltig investieren möchtest, stösst du schnell auf grosse Versprechen und oft auf wenig Vergleichbarkeit. Genau hier wollen die Swiss Climate Scores helfen: Sie machen sichtbar, wie ein Fonds oder ein Portfolio beim Klimathema aufgestellt ist. Für dich als Anleger:in sind sie vor allem eines: eine praktische Zusatzinformation – hilfreich, aber kein fertiges Urteil über die Qualität eines Produkts. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Swiss Climate Scores liefern mehrere Kennzahlen - nicht nur eine grüne Ampel. © Google Gemini / Google Gemini Was die Swiss Climate Scores sind Die Swiss Climate Scores sind ein Schweizer Transparenzrahmen für Finanzanlagen. Sie wurden vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen SIF gemeinsam mit Fachstellen und Marktteilnehmenden entwickelt, um klimabezogene Informationen von Anlageprodukten verständlicher und vergleichbarer zu machen. Der Bundesrat hat sie 2022 vorgestellt und 2023 weiterentwickelt; damit sollen insbesondere Fonds und Portfolios ihre Klimaverträglichkeit nach einheitlicheren Kriterien offenlegen. Wichtig für deine Einordnung: Die Scores sind freiwillig. Das heisst, ein Anbieter muss sie nicht verwenden. Wenn ein Produkt die Swiss Climate Scores publiziert, ist das deshalb zunächst ein Zeichen dafür, dass es sich auf einen klar definierten Transparenzstandard einlässt. Laut Bundesrat dienen die Scores dazu, Investor:innen eine «best-in-class transparency» zu bieten. Sie sind also keine neue Gütesiegel-Logik, sondern ein strukturierter Informationssatz. In der Praxis sind die Scores besonders relevant in der Schweiz, weil sie den hiesigen Markt differenzieren: Sie stehen nicht einfach für «mehr Nachhaltigkeit», sondern für mehr Klimatransparenz. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn ein Fonds kann über die Scores offenlegen, wie er mit Emissionen, fossilen Energien oder Klimazielen umgeht, ohne dass damit automatisch gesagt wäre, dass er insgesamt ökologisch oder sozial vorbildlich ist. Welche Kennzahlen enthalten sind Die Swiss Climate Scores bündeln mehrere Fragen, die für klimaorientierte Anlageentscheide zentral sind. Je nach Produkt und Datengrundlage geht es insbesondere um Treibhausgasemissionen, die Ausrichtung auf einen Klimapfad, den Umgang mit fossilen Energien, Investitionen in klimarelevante Lösungen sowie das Verhalten des Anbieters als aktive:r Eigentümer:in. Das SIF beschreibt die Scores als kompakten Satz von Indikatoren, die Anleger:innen eine bessere Beurteilung klimabezogener Eigenschaften ermöglichen sollen. Treibhausgasemissionen: sichtbar wird, wie hoch die finanzierten Emissionen eines Portfolios sind oder wie emissionsintensiv die gehaltenen Unternehmen wirtschaften. Exponierung gegenüber fossilen Energien: relevant ist, ob und wie stark ein Produkt in Unternehmen mit Kohle-, Öl- oder Gasbezug investiert ist. Exponierung gegenüber klimarelevanten Lösungen: etwa Investitionen in erneuerbare Energien oder andere Aktivitäten, die zur Dekarbonisierung beitragen. Net-Zero-Ausrichtung: geprüft wird, ob ein Portfolio mit einem Klimapfad vereinbar sein soll und welche Ziele der Anbieter dazu formuliert. Stewardship: also ob ein Vermögensverwalter Stimmrechte nutzt, Unternehmen anspricht und glaubwürdig Druck für Klimaziele ausübt. Hinter diesen Kennzahlen steht keine lose Marketinglogik, sondern ein Rahmen, der an internationale Methodik anschliesst. Besonders wichtig ist dabei die Orientierung an der Net-Zero Investment Framework-Logik. Diese betont, dass Net Zero bei Portfolios nicht nur über Ausschlüsse funktioniert, sondern auch über Ziele, Übergangspläne, Unternehmensdialog und nachvollziehbare Messgrössen. Warum die Scores eingeführt wurden Der Hauptgrund ist einfach: Vergleichbarkeit. Viele nachhaltige Anlageprodukte arbeiten mit eigenen Definitionen, eigenen Labels und eigenen Berichten. Das macht es für Privatanleger:innen schwierig, Produkte nebeneinanderzulegen. Die Swiss Climate Scores schaffen dafür ein gemeinsames Raster. Wenn zwei Fonds nach demselben Rahmen berichten, kannst du gezielter prüfen, worin sie sich beim Klima tatsächlich unterscheiden. Der zweite Grund ist Glaubwürdigkeit. Klimabezogene Aussagen im Finanzmarkt sind anfällig für Greenwashing, wenn Begriffe unklar bleiben oder entscheidende Daten fehlen. Genau an diesem Punkt setzen die Swiss Climate Scores an: Sie ersetzen nicht die eigene Prüfung, aber sie erschweren pauschale Behauptungen ohne Substanz. Wie ihr die Scores konkret in der Anlageentscheidung nutzen könnt Für dich sind die Scores dann besonders nützlich, wenn du vor einem praktischen Entscheid stehst: Soll ich diesen Fonds kaufen? Ist mein Vorsorgeprodukt wirklich klimabewusster als ein anderes? Passt ein Angebot zu meinen eigenen Prioritäten? Die Scores helfen nicht bei jeder Nachhaltigkeitsfrage, aber sie beantworten mehrere klimabezogene Kernfragen auf einen Blick. Was die Scores über ein Produkt zeigen Wenn ein Produkt Swiss Climate Scores publiziert, kannst du damit zunächst prüfen, wie transparent der Anbieter überhaupt ist. Das ist bereits ein Mehrwert. Danach lohnt sich der Blick auf die einzelnen Kennzahlen. Wenn du zum Beispiel fossile Energien klar reduzieren willst, ist die Exponierung gegenüber entsprechenden Unternehmen besonders relevant. Wenn dir die Transformation der Realwirtschaft wichtig ist, solltest du zusätzlich auf Net-Zero-Ziele und Stewardship achten. Konkret helfen dir die Scores bei Fragen wie diesen: Wie emissionsintensiv ist das Portfolio? Das gibt dir ein Gefühl dafür, wie stark das Produkt heute mit CO₂-intensiven Geschäftsmodellen verbunden ist. Wie hoch ist die Bindung an fossile Energien? Das ist wichtig, wenn du bestimmte Sektoren bewusst vermeiden oder begrenzen möchtest. Investiert das Produkt auch in Lösungen? Also nicht nur in «weniger schädliche» Unternehmen, sondern auch in Aktivitäten, die die Energiewende unterstützen. Gibt es einen glaubwürdigen Übergangspfad? Ein Net-Zero-Ziel ist nur dann aussagekräftig, wenn Zwischenziele, Methodik und Umsetzung nachvollziehbar sind. Handelt der Anbieter als Eigentümer aktiv? Gute Stewardship-Daten zeigen, ob Klimarisiken nicht nur gemessen, sondern auch adressiert werden. In der Praxis lohnt es sich, nie nur eine einzige Zahl anzuschauen. Ein Fonds kann heute relativ niedrige Emissionen haben, aber kaum Engagement betreiben. Ein anderer kann noch höhere Emissionen aufweisen, aber glaubwürdig Unternehmen im Übergang begleiten. Die Scores sind deshalb am stärksten, wenn du sie als Set liest, nicht als Einzelwert. Ein einfacher Praxistest ist dieser: Bitte deine Bank, deine Vorsorgestiftung oder deine Vermögensverwalter:in um die Swiss Climate Scores des Produkts und frage anschliessend nach drei Punkten: «Wie hoch ist die fossile Exponierung?», «Wie wird das Net-Zero-Ziel belegt?» und «Was unternehmen Sie konkret über Stewardship?» Wenn die Antworten ausweichend bleiben, ist das oft selbst schon eine nützliche Information. Was die Scores nicht leisten So hilfreich die Swiss Climate Scores sind: Sie beantworten nicht alle Nachhaltigkeitsfragen. Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt für Anleger:innen. Die Scores sind kein Gesamtrating für ESG, keine ethische Bewertung und auch keine Garantie, dass dein Geld in der Realwirtschaft exakt die gewünschte Klimawirkung entfaltet. Erstens sagen die Scores nicht automatisch etwas über Biodiversität, Menschenrechte oder gute Unternehmensführung aus. Ein Produkt kann bei Klimakennzahlen gut dastehen und in anderen Nachhaltigkeitsdimensionen trotzdem problematische Positionen enthalten. Zweitens sind sie keine Wirkungsgarantie. Wenn ein Fonds niedrige Emissionen meldet, bedeutet das nicht automatisch, dass durch dein Investment zusätzlich Emissionen vermieden werden. Die Forschung zur nachhaltigen Finanzierung weist seit Jahren darauf hin, dass zwischen Portfolioeigenschaften, Kapitalallokation und realwirtschaftlicher Wirkung unterschieden werden muss. Genau deshalb ist es sinnvoll, neben Kennzahlen auch auf Strategie, Engagement und Anlagedisziplin zu schauen. Drittens bleiben auch bei guten Standards Datenlücken und methodische Grenzen. Emissionsdaten beruhen teils auf Unternehmensangaben, teils auf Schätzungen. Je kleiner oder internationaler ein Unternehmen ist, desto unvollständiger können die Daten sein. Das macht die Scores nicht wertlos, aber es erinnert daran, dass Transparenz im Finanzmarkt immer mit Unsicherheiten arbeitet. Für wen die Scores besonders hilfreich sind Besonders nützlich sind die Swiss Climate Scores für Einsteiger:innen, die sich erstmals mit klimafreundlichen Geldanlagen beschäftigen. Statt sich durch unübersichtliche Marketingunterlagen zu arbeiten, bekommst du eine strukturierte Orientierung. Gerade wenn dir Begriffe wie «Paris-aligned», «transition» oder «impact» zu vage erscheinen, schaffen die Scores mehr Boden unter den Füssen. Ebenfalls hilfreich sind sie für Berater:innen und für Menschen, die mit Vorsorgegeldern zu tun haben. In der Säule 3a oder bei Freizügigkeits- und Pensionskassenlösungen fehlt Privatanleger:innen oft der direkte Einfluss auf Einzeltitel. Umso wichtiger ist ein transparenter Rahmen auf Produktebene. Wenn ein Vorsorgeprodukt Swiss Climate Scores offenlegt, kannst du viel gezielter nachfragen, ob deine langfristige Geldanlage zu deinen Klimawerten passt. Auch für fortgeschrittene Anleger:innen bringen die Scores einen Vorteil: Sie erleichtern den Vergleich innerhalb des Schweizer Markts. Das ist besonders wertvoll, weil internationale Labels nicht immer dieselben Definitionen oder Offenlegungsstandards verwenden. Die Schweizer Praxis-Einordnung macht damit einen realen Unterschied. Am meisten bringen dir die Swiss Climate Scores, wenn du sie weder überschätzt noch ignorierst. Sie sind kein perfekter Kompass für jede Nachhaltigkeitsfrage. Aber sie sind ein sehr brauchbares Instrument, um Fonds und Portfolios im Klimabereich nüchterner, informierter und selbstbestimmter zu beurteilen.