Sind ESG-Ratings vertrauenswürdig? – Nüchterne Einordnung statt Schwarz-Weiss. Theresa Keller Viele Menschen möchten mit ihrem Geld nicht unbeabsichtigt Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen oder klimaschädliche Geschäftsmodelle mitfinanzieren. Gleichzeitig wirken ESG-Ratings oft verwirrend: Ein Fonds bekommt bei einem Anbieter eine gute Bewertung und bei einem anderen nur Mittelmass. Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick: ESG-Ratings können hilfreich sein, aber nur, wenn du verstehst, was sie messen – und was eben nicht. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Zwischen Nachhaltigkeitsversprechen und Bewertungslogik liegen oft Welten © Olivier Le Moal / Getty Images Was ESG-Ratings überhaupt messen – Risikoperspektive vs. Wirkungs- und Ethikperspektive ESG steht für Environmental, Social und Governance. Hinter ESG-Ratings steckt meist nicht die Frage «Ist dieses Unternehmen nachhaltig im umfassenden Sinn?», sondern eher: Wie gut geht ein Unternehmen mit wesentlichen Umwelt-, Sozial- und Führungsrisiken um? Genau dieser Punkt wird in der öffentlichen Debatte oft missverstanden. ESG-Ratings können sehr unterschiedliche Ziele verfolgen und sind deshalb nicht automatisch miteinander vergleichbar. Manche Ratings bewerten vor allem, wie stark Nachhaltigkeitsrisiken das Unternehmen finanziell treffen könnten. Andere fliessen stärker in eine Aussenperspektive ein, also in die Frage, welche Auswirkungen ein Unternehmen auf Klima, Biodiversität oder Gesellschaft hat. Wieder andere integrieren normative oder ethische Kriterien, etwa Ausschlüsse bei Waffen, Kohle oder schweren Kontroversen. Für dich als Anleger:in ist das entscheidend. Ein Unternehmen kann bei einem Risiko-Rating gut abschneiden, weil es seine Lieferketten sauber dokumentiert, Emissionsdaten veröffentlicht und Governance-Prozesse etabliert hat. Trotzdem kann dasselbe Unternehmen weiterhin in fossilen Geschäftsmodellen tätig sein oder Produkte verkaufen, die aus ethischer Sicht problematisch sind. Kurz gesagt: Ein ESG-Rating ist selten ein moralisches Gesamturteil. Es ist eher ein methodisch geprägter Blick auf bestimmte Nachhaltigkeitsdimensionen – oft aus Sicht von Finanzmarkt-Risiken, nicht aus Sicht realer Wirkung auf Umwelt und Gesellschaft. Warum Ratings oft voneinander abweichen – Datenquellen, Gewichtungen, Methodik, Branchenlogik Wenn du ESG-Ratings vergleichen möchtest, stösst du schnell auf Widersprüche. Das ist kein Randproblem, sondern wissenschaftlich gut dokumentiert. Eine viel zitierte Studie von Berg, Kölbel und Rigobon zeigte bereits, dass ESG-Ratings verschiedener Anbieter deutlich auseinanderliegen. Neuere Arbeiten bestätigen das Grundproblem weiterhin: Unterschiedliche Modelle kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil sie andere Daten, Definitionen und Prioritäten verwenden. Ein zentraler Punkt sind die Datenquellen. Manche Agenturen stützen sich stark auf Unternehmensberichte, Nachhaltigkeitsberichte und standardisierte Offenlegungen. Andere ergänzen Medienanalysen, Kontroversendaten, NGO-Berichte oder eigene Schätzmodelle. Wenn ein Unternehmen viel berichtet, aber in zentralen Bereichen wenig reale Veränderung zeigt, kann das in einigen Modellen dennoch positiv wirken. Ein weiterer Grund ist die Gewichtung. Wie stark zählen CO₂-Emissionen? Wie wichtig sind Arbeitsrechte in der Lieferkette? Wie schwer wiegt die Zusammensetzung des Verwaltungsrats? Ein Anbieter kann Klima höher gewichten, ein anderer Governance oder Kontroversen. Selbst wenn zwei Anbieter dieselben Rohdaten hätten, könnten die Endnoten also stark auseinandergehen. Besonders wichtig ist auch die Branchenlogik. Viele Ratings bewerten Unternehmen relativ zu ihrer Branche. Das heisst: Ein Öl- oder Zementunternehmen kann innerhalb seiner Industrie gut abschneiden, weil es im Vergleich zu direkten Konkurrenten bessere Prozesse oder geringere Emissionsintensitäten hat. Das bedeutet aber nicht, dass das Unternehmen klimaverträglich oder mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel ist. Die Swiss Climate Scores des Bundes betonen genau diese Lücke: Für die Beurteilung der Klimaverträglichkeit braucht es zusätzliche, spezifische Kennzahlen. Hinzu kommt die methodische Frage, ob ein Rating auf Policies, Umsetzung oder Outcomes fokussiert. Ein Unternehmen mit ambitionierter Klimastrategie und vielen Richtlinien kann gut bewertet werden, auch wenn die absoluten Emissionen hoch bleiben. Umgekehrt kann ein Unternehmen in einzelnen Bereichen reale Fortschritte machen, aber wegen schwacher Transparenz schlechter abschneiden. Unterschiedliche ESG-Ratings sind nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass eines richtig und das andere falsch ist – oft messen sie schlicht nicht dasselbe. Wofür ESG-Ratings sinnvoll sind – Erster Filter, Vergleich, Risikohinweise Trotz aller Schwächen sind ESG-Ratings nicht nutzlos. Im Gegenteil: Sie können ein sinnvoller erster Filter sein, wenn du dich in einem grossen Markt orientieren willst. Gerade bei Fonds mit hunderten Positionen helfen sie, grobe Unterschiede sichtbar zu machen und Produkte mit auffälligen Nachhaltigkeitsrisiken nicht zu übersehen. Praktisch nützlich sind Ratings vor allem in drei Situationen. Erstens als Vergleichsinstrument innerhalb einer ähnlichen Produktgruppe. Wenn du zwei globale Aktienfonds mit ähnlicher Strategie anschaust, kann ein Rating ein Hinweis sein, welcher Fonds systematischer mit ESG-Risiken umgeht. Zweitens als Risikohinweis: Schwache Bewertungen oder häufige Kontroversen können auf Probleme bei Lieferketten, Governance oder Umweltrisiken deuten. Drittens als Startpunkt für vertiefte Prüfung. Ein Rating kann dir zeigen, wo du genauer hinschauen solltest. Wofür ESG-Ratings nicht ausreichen – Keine Garantie für fossilfrei, fair oder Paris-kompatibel Hier liegt der vielleicht wichtigste Punkt für Leser:innen in der Schweiz: Ein gutes ESG-Rating bedeutet nicht automatisch, dass ein Fonds fossilfrei, sozial gerecht oder wirklich klimakompatibel ist. Wenn du nachhaltigkeitsratings fonds anschaust, solltest du deshalb nie von der Note direkt auf die tatsächliche Wirkung schliessen. Besonders beim Klima ist die Verwechslungsgefahr gross. Ein Fonds kann gute ESG-Werte haben und trotzdem Beteiligungen an grossen Öl- und Gasunternehmen halten. Das liegt daran, dass viele Ratings Managementqualität und Risikosteuerung bewerten, nicht die Frage, ob das Geschäftsmodell mit den Zielen des Pariser Abkommens vereinbar ist. Die Swiss Climate Scores wurden genau deshalb entwickelt: Sie sollen zusätzliche Transparenz schaffen, etwa zu Treibhausgasemissionen, Exposition gegenüber fossilen Energieträgern und zu glaubwürdigen Dekarbonisierungspfaden. Auch soziale Fragen lassen sich mit einer einzigen Kennzahl kaum erfassen. Arbeitsrechte, Lieferketten, existenzsichernde Löhne, Steuertransparenz oder lokale Umweltschäden sind komplex. Ein Unternehmen kann formell gute Richtlinien haben und dennoch in problematische Vorfälle verwickelt sein. Wenn du dich also fragst «Sind ESG-Ratings sinnvoll?», lautet die ehrliche Antwort: Ja, aber nur für einen begrenzten Zweck. Sie helfen bei Orientierung und Risikoanalyse. Sie ersetzen jedoch keine eigene Prüfung zu Ausschlüssen, realer Wirkung oder Klimazielen. Wie du Ratings sinnvoll mit anderen Kriterien kombinierst – Holdings, Ausschlüsse, Engagement, Klima-Transparenz Am nützlichsten sind ESG-Ratings dann, wenn du sie mit einigen wenigen, klaren Zusatzkriterien kombinierst. So vermeidest du den häufigsten Fehler: von einer abstrakten Gesamtnote auf tatsächliche Nachhaltigkeit zu schliessen. Schau in die grössten Positionen des Fonds. Schon die Top-10-Holdings geben oft ein realistisches Bild. Wenn dort grosse fossile Konzerne, problematische Rohstoffunternehmen oder bekannte Kontroversen auftauchen, relativiert das eine gute ESG-Note schnell. Prüfe klare Ausschlüsse. Wenn dir bestimmte Themen wichtig sind, etwa Kohle, Öl und Gas, Rüstung, Tabak oder schwere Verstösse gegen internationale Normen, sollten diese explizit ausgeschlossen sein. Ein ESG-Rating allein reicht dafür nicht. Achte auf Engagement und Stimmrechtsausübung. Nachhaltige Fonds sollten erklären, wie sie mit Unternehmen in Dialog treten, welche Ziele sie fordern und wie sie abstimmen. Blosses «Dabeisein» ist noch keine aktive Einflussnahme. Suche nach Klima-Kennzahlen. Relevant sind etwa finanzierte Emissionen, CO₂-Intensität, fossile Exponierung und Informationen zu Übergangsplänen. Genau hier bieten die Swiss Climate Scores eine sinnvolle Ergänzung. Lies Factsheet und Methodik. Wenn unklar bleibt, wie Nachhaltigkeit definiert wird, ist Vorsicht angebracht. Gute Anbieter legen offen, welche Daten sie nutzen und wo die Grenzen ihrer Bewertung liegen. Diese Kombination ist in der Praxis deutlich aussagekräftiger als jede Einzelkennzahl. Sie hilft dir auch dann, wenn du verschiedene esg ratings vergleichen willst und zu widersprüchlichen Ergebnissen kommst. Schweizer Praxis: Was Leser:innen stattdessen zusätzlich prüfen sollten Für Anleger:innen in der Schweiz gibt es einen pragmatischen Weg: Nutze ESG-Ratings als Einstieg, aber stütze deine Entscheidung auf zusätzliche Unterlagen. Besonders hilfreich sind das Fonds-Factsheet, der Nachhaltigkeitsbericht und – wenn vorhanden – Angaben entlang der Swiss Climate Scores, die der Bundesrat 2022 lanciert hat und die vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen weitergeführt werden. Die Swiss Climate Scores sind kein klassisches ESG-Rating, sondern ein Transparenzrahmen. Sie helfen dir vor allem bei Klimafragen, die in allgemeinen ESG-Scores oft untergehen. Du siehst damit eher, ob ein Portfolio substanzielle fossile Exponierung hat, wie hoch relevante Emissionen sind und ob glaubwürdige Netto-Null- oder Dekarbonisierungspfade erkennbar sind. Für den Alltag reicht oft eine kurze Prüfliste. Wenn du einen Fonds beurteilen willst, stelle dir nacheinander diese Fragen: Was misst das angegebene Rating genau: Risiko, Wirkung oder beides? Sind die wichtigsten Ausschlüsse klar formuliert und mit meinen Werten vereinbar? Welche Unternehmen sind unter den grössten Positionen? Gibt es glaubwürdige Klima-Kennzahlen, idealerweise in Anlehnung an die Swiss Climate Scores? Wie transparent berichtet der Anbieter über Engagement, Stimmrechte und Kontroversen? Wenn du diese Punkte prüfst, bist du den meisten Marketingverkürzungen bereits einen grossen Schritt voraus. Dann werden ESG-Ratings zu dem, was sie sein können: ein nützliches Werkzeug – aber nie der alleinige Massstab für Nachhaltigkeit. Fazit ESG-Ratings sind weder wertlos noch allwissend. Sie sind vertrauenswürdig, wenn du ihre Grenzen kennst und sie richtig einordnest. Sie zeigen oft, wie Unternehmen oder Fonds mit relevanten Nachhaltigkeitsrisiken umgehen, aber sie sagen nicht automatisch, ob ein Produkt fossilfrei, fair oder Paris-kompatibel ist. Für eine gute Entscheidung brauchst du deshalb mehr als nur eine Note: einen Blick auf die Holdings, klare Ausschlüsse, nachvollziehbares Engagement und aussagekräftige Klima-Transparenz. Gerade in der Schweiz bieten die Swiss Climate Scores dafür eine hilfreiche Ergänzung. So wird aus der Frage «Sind ESG-Ratings sinnvoll?» eine praktischere Antwort: Ja – als Anfang, nicht als Endpunkt.