Was Pensionskassen in der Schweiz zu Nachhaltigkeitsrisiken berichten Theresa Keller Deine Pensionskasse verwaltet Geld, das später einmal einen Teil deiner Rente finanzieren soll. Deshalb ist die Frage wichtig, wie gut sie mit Risiken umgeht, die aus Klimawandel, Energieumbau, Immobilienwerten oder problematischer Unternehmensführung entstehen können. Die gute Nachricht: In der Schweiz wird darüber heute deutlich mehr berichtet als noch vor wenigen Jahren. Die weniger gute: Vieles bleibt freiwillig, schwer vergleichbar und gerade bei kleineren Kassen noch lückenhaft. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nicht nur Rendite, auch Risiken müssen sichtbar werden. © simarik / Getty Images Warum Nachhaltigkeitsrisiken für Vorsorgegelder relevant sind Nachhaltigkeitsrisiken sind nicht einfach ein moralisches Zusatzthema. Für Pensionskassen sind sie vor allem finanzielle Risiken. Wenn ein Unternehmen wegen schärferer Klimapolitik hohe Zusatzkosten tragen muss, wenn Lieferketten unter Extremwetter leiden oder wenn ein Gebäude wegen schlechter Energieeffizienz an Wert verliert, kann das die Rendite von Vorsorgegeldern beeinträchtigen. Genau deshalb behandeln Aufsichtsbehörden und Finanzinstitutionen Nachhaltigkeit zunehmend als Teil des Risikomanagements. Das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) weist in seinen Arbeiten zur Sustainable Finance darauf hin, dass Klima- und Umweltrisiken für den Finanzplatz messbar und relevant sind. Auch der PACTA Climate Test Switzerland 2024 zeigt, dass Portfolios von Finanzmarktakteuren weiterhin Übergangsrisiken ausgesetzt sein können, wenn sie nicht im Einklang mit den Klimazielen stehen. Für dich als versicherte Person heisst das: Es geht nicht nur um Haltung, sondern um die Frage, ob deine Vorsorge robust genug für wirtschaftliche Veränderungen ist. Dazu kommen reale Risiken. Der Klimawandel verändert nicht nur Bewertungen auf dem Papier, sondern auch die reale Wirtschaft: Hitze, Hochwasser, Dürren, teurere Energie, strengere Bauvorschriften oder steigender Sanierungsbedarf wirken direkt auf Unternehmen und Immobilien. Pensionskassen investieren breit über Aktien, Anleihen, Immobilien und Infrastruktur. Dadurch sind sie von solchen Veränderungen in vielen Anlageklassen betroffen. Was die OAK BV 2025 zeigt Besonders aufschlussreich ist der Bericht der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) 2025. Er zeigt, dass Nachhaltigkeitsaspekte bei vielen Pensionskassen inzwischen auf der Agenda stehen. Gleichzeitig macht der Bericht klar, dass der Markt noch nicht an einem Punkt ist, an dem man alle Kassen direkt und fair vergleichen könnte. Was die OAK BV einordnet Die OAK BV betont 2025, dass Angaben zu Nachhaltigkeit in der beruflichen Vorsorge zunehmen, die Aussagekraft aber durch freiwillige Antworten, unterschiedliche Methoden und begrenzte Standardisierung eingeschränkt bleibt. Zentral ist: Viele Angaben beruhen auf freiwilligen Antworten oder auf unterschiedlich ausgestalteten Offenlegungen. Das bedeutet nicht, dass die Informationen wertlos wären. Es bedeutet aber, dass Vorsicht bei schnellen Ranglisten angebracht ist. Eine Kasse kann sehr engagiert sein, aber konservativ berichten. Eine andere kann kommunikativ stark auftreten, ohne dass alle Risiken schon sauber gemessen sind. Auffällig ist zudem der Unterschied zwischen grossen und kleinen Pensionskassen. Grössere Einrichtungen verfügen häufiger über spezialisierte Teams, externe Datenanbieter und formalisierte Strategien. Kleinere Kassen haben oft weniger Ressourcen, obwohl auch sie dieselben Grundsatzfragen beantworten müssen: Welche klimabezogenen Risiken liegen im Portfolio? Wie hoch ist der Sanierungsbedarf im Immobilienbestand? Wie werden Kontroversen bei Beteiligungen überwacht? Ein Kernproblem bleibt die Messbarkeit. Nachhaltigkeitsrisiken lassen sich heute besser erfassen als noch vor wenigen Jahren, aber sie sind nicht so eindeutig messbar wie etwa eine klassische Bilanzkennzahl. Bei Emissionen, Übergangspfaden, physischen Schäden oder Governance-Risiken hängen Ergebnisse oft von Modellen, Annahmen und Datenqualität ab. Deshalb ist der Fortschritt real, aber noch nicht abgeschlossen. Welche Nachhaltigkeitsrisiken besonders relevant sind Klimarisiken Bei Klimarisiken wird meist zwischen Transitionsrisiken und physischen Risiken unterschieden. Transitionsrisiken entstehen durch den Übergang zu einer klimaverträglicheren Wirtschaft: CO₂-Preise, strengere Regulierung, technologische Umbrüche oder veränderte Nachfrage können Geschäftsmodelle unter Druck setzen. Der PACTA Climate Test Switzerland 2024 zeigt, dass sich viele Finanzportfolios zwar bewegen, aber nicht automatisch auf einem Pfad sind, der mit langfristigen Klimazielen kompatibel ist. Physische Risiken betreffen Schäden und Kosten durch Extremwetter, Hitze, Starkniederschläge oder andere Folgen des Klimawandels. Diese Risiken treffen nicht nur direkt betroffene Unternehmen. Sie können auch Versicherungsprämien, Baukosten, Produktionsausfälle und damit die Ertragslage eines ganzen Sektors beeinflussen. Immobilienrisiken Für viele Schweizer Pensionskassen sind Immobilien besonders wichtig. Gerade hier sind Nachhaltigkeitsrisiken sehr konkret. Gebäude mit schlechter Energieeffizienz können an Attraktivität verlieren, höhere Betriebskosten verursachen oder in Zukunft teure Sanierungen erfordern. Wenn strengere Standards kommen oder Mieter:innen energieeffizientere Objekte bevorzugen, kann das die Bewertung beeinflussen. Aus Sicht des Risikomanagements ist deshalb nicht nur entscheidend, ob eine Kasse Immobilien hält, sondern wie gut sie deren Zustand kennt: Energieverbrauch, Sanierungsfahrplan, Heizsysteme, Lage gegenüber Naturgefahren und die Fähigkeit, Bestände schrittweise zu dekarbonisieren. In vielen Geschäftsberichten der Kassen sind hierzu erste Kennzahlen und Ziele zu finden, aber die Tiefe der Angaben unterscheidet sich stark. Governance- und Reputationsrisiken Nicht alle Nachhaltigkeitsrisiken sind Klimarisiken. Auch Governance spielt eine grosse Rolle. Dazu gehören etwa Korruptionsfälle, unklare Vergütungssysteme, mangelhafte Kontrolle in Unternehmen oder schwaches Risikomanagement. Solche Probleme können Aktienkurse, Kreditwürdigkeit und den Ruf von Beteiligungen belasten. Für Pensionskassen ist zudem relevant, wie sie mit Kontroversen umgehen. Wer investiert bleibt, obwohl schwere Vorwürfe gegen ein Unternehmen bestehen, braucht nachvollziehbare Prozesse: Beobachten, ansprechen, abstimmen, gegebenenfalls aussteigen. Gerade dieser Bereich wird in der Öffentlichkeit oft emotional diskutiert. Fachlich sinnvoll ist hier ein nüchterner Blick: Gute Governance schützt nicht nur Werte, sondern kann Fehlanreize früh sichtbar machen. Wo Schweizer Pensionskassen Fortschritte machen Die Entwicklung in der Schweiz ist nicht einheitlich, aber es gibt klare Fortschritte. Laut OAK BV 2025 berichten mehr Kassen über ihre Ansätze, und Nachhaltigkeit wird häufiger in Anlagerichtlinien, Risikoüberlegungen und Eigentümerdialoge integriert. Auch das SIF hebt hervor, dass Transparenzinstrumente und Klimaverträglichkeitstests den Markt in Bewegung bringen. Sichtbar sind Fortschritte vor allem in drei Bereichen: Erstens formulieren mehr Pensionskassen Strategien, statt das Thema nur punktuell zu behandeln. Zweitens wird das Reporting besser, etwa mit Angaben zu CO₂-Fussabdrücken, Immobilienkennzahlen oder Abstimmungsverhalten. Drittens gewinnt Engagement an Bedeutung, also der aktive Dialog mit Unternehmen und Fondsanbietern, um Risiken zu reduzieren und Verbesserungen einzufordern. Auch aus Beobachtungen der Klima-Allianz Schweiz und aus veröffentlichten PK-Berichten ergibt sich ein gemischtes, aber bewegtes Bild: Einige Kassen arbeiten mit Netto-Null-Zielen, Dekarbonisierungspfaden oder detaillierteren Immobilienstrategien. Andere bleiben bei allgemeinen Bekenntnissen. Der Markt entwickelt sich also, aber nicht gleichmässig. Wo die grössten Lücken bleiben Trotz aller Fortschritte gibt es drei grosse Baustellen. Erstens fehlt oft eine wirklich aggregierte Messung über alle Anlageklassen hinweg. Eine Kasse kann bei Aktien relativ gute Klimadaten haben, aber bei Private Markets, Auslandimmobilien oder gewissen Anleihen deutlich weniger Transparenz. Zweitens bleiben kleinere Kassen häufiger zurück, weil Ressourcen, Datenzugang und Fachwissen begrenzt sind. Drittens mangelt es noch immer an Vergleichbarkeit. Genau diese Vergleichbarkeit ist für Versicherte wichtig. Wenn zwei Kassen «nachhaltig» schreiben, kann dahinter sehr Unterschiedliches stecken: Ausschlüsse, Best-in-Class-Ansätze, Engagement, Klimaziele oder bloss eine allgemeine Richtlinie. Ohne gemeinsame Standards besteht das Risiko, dass Berichte eher gut klingen, als dass sie wirklich belastbar sind. Die OAK BV ordnet diese Lage nüchtern ein: Der Trend zur Offenlegung ist positiv, aber aus den bestehenden Daten lassen sich noch keine einfachen Gesamtrankings ableiten. Das ist kein Grund zur Resignation, sondern eher ein Hinweis darauf, wie jung dieser Bereich noch ist. Was heisst das für mich? Wenn du in einer Pensionskasse versichert bist, musst du nicht in Panik geraten, nur weil nicht jede Kennzahl perfekt offengelegt wird. Sinnvoll ist ein realistischer Blick: Nachhaltigkeitsrisiken sind echte Anlagerisiken, aber die Qualität der Berichte entwickelt sich erst schrittweise. Für dich heisst das vor allem, auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu achten. Schau in den Geschäftsbericht oder auf die Website deiner Pensionskasse: Gibt es Aussagen zu Klimarisiken, Immobilienstrategie und Stimmrechtsausübung? Prüfe, ob Ziele und Messgrössen genannt werden oder nur allgemeine Formulierungen. Wenn du nachfragen kannst: Bitte um konkrete Informationen zu CO₂-Exposition, Immobilien-Sanierungsstrategie und Umgang mit Kontroversen. Achte darauf, ob die Kasse Risiken als Teil der finanziellen Verantwortung erklärt – nicht nur als Image-Thema. Was Versicherte daraus ableiten können Für dich als versicherte Person ist vor allem eines wichtig: Keine Panik, aber gezielte Fragen. Eine Pensionskasse muss nicht in jedem Bereich perfekt sein, um verantwortungsvoll zu handeln. Entscheidend ist, ob sie Risiken systematisch erfasst, Prioritäten setzt und Fortschritte offenlegt. Gute Fragen sind zum Beispiel: Gibt es eine formale Strategie zu Nachhaltigkeitsrisiken? Werden Klimarisiken im gesamten Portfolio betrachtet oder nur bei einzelnen Anlagen? Wie geht die Kasse mit energetisch problematischen Immobilien um? Nutzt sie Eigentümerrechte aktiv? Solche Fragen helfen mehr als die einfache Suche nach einem Schlagwort wie «nachhaltig». Wichtig ist auch, Missverständnisse auszuräumen. Nachhaltige Anlagepolitik bedeutet nicht automatisch tiefere Renditen. Ebenso bedeutet fehlende Hochglanz-Kommunikation nicht automatisch, dass eine Kasse untätig ist. Umgekehrt ersetzt ein schön formulierter Bericht keine belastbare Risikosteuerung. Du fährst deshalb am besten mit einer Kombination aus Aufmerksamkeit, Sachlichkeit und konkreten Nachfragen. Glossar: Nachhaltigkeitsrisiken kurz erklärt Transitionsrisiken: Finanzielle Risiken durch den Umbau zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft, etwa neue Regeln, CO₂-Kosten oder Technologiewechsel. Physische Risiken: Risiken durch direkte Klimafolgen wie Hitze, Hochwasser oder Stürme. Engagement: Aktiver Dialog von Investor:innen mit Unternehmen, um Verbesserungen einzufordern. Governance-Risiken: Risiken aus schlechter Unternehmensführung, etwa Korruption, schwacher Kontrolle oder problematischen Anreizsystemen. Vergleichbarkeit: Die Frage, ob Angaben verschiedener Pensionskassen nach denselben Regeln erhoben wurden und deshalb sinnvoll gegenübergestellt werden können. Fazit Schweizer Pensionskassen berichten heute deutlich mehr über Nachhaltigkeitsrisiken als noch vor wenigen Jahren. Das ist ein Fortschritt, den auch OAK BV, SIF und der PACTA Climate Test 2024 indirekt widerspiegeln. Gleichzeitig bleibt der Markt in einer Übergangsphase: Vieles ist freiwillig, manches methodisch uneinheitlich, und gerade kleinere Kassen sind oft weniger weit. Für dich heisst das vor allem: Nachhaltigkeitsrisiken gehören inzwischen klar zur Frage, wie sicher und zukunftsfähig Vorsorgegelder angelegt sind. Nicht jede Lücke ist ein Alarmzeichen. Aber Transparenz, Messbarkeit und nachvollziehbare Strategien werden immer wichtiger. Wer als versicherte Person gezielt nachfragt, hilft mit, dass aus guten Absichten Schritt für Schritt bessere Praxis wird.