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Was bedeutet nachhaltig bei 3a-Lösungen überhaupt?

Viele Menschen möchten mit ihrer Säule 3a nicht nur fürs Alter vorsorgen, sondern auch Klima, Umwelt und Gesellschaft mitdenken. Genau hier beginnt oft die Verwirrung: «nachhaltig» klingt gut, sagt bei 3a-Produkten aber noch fast nichts Konkretes aus. Wenn du die wichtigsten Begriffe kennst und die richtigen Nachweise verlangst, kannst du deutlich besser einschätzen, was eine nachhaltige Vorsorge in der Schweiz tatsächlich bedeutet – und wo nur gutes Marketing dahintersteckt.

Infografik-artiges Setup mit Symbolen für Klima, Soziales und Governance
Nachhaltigkeit in der Vorsorge hat mehrere Ebenen. © TarikVision / Getty Images

Warum die Bezeichnung «nachhaltig» bei 3a allein noch wenig sagt

In der Schweiz gibt es keine einfache, einheitliche Alltagsdefinition dafür, wann eine 3a-Lösung «nachhaltig» ist. Das ist kein Zufall: Nachhaltigkeit in der Geldanlage kann über verschiedene Methoden umgesetzt werden, die sich stark unterscheiden. Ein Produkt kann also bereits als nachhaltig vermarktet werden, obwohl es nur wenige Ausschlüsse nutzt oder ESG-Daten grob einbezieht.

Für dich als Anleger:in heisst das: Der Name eines Produkts ist nicht der Beweis seiner Qualität. «Green», «ESG», «Responsible», «Climate» oder «Sustainable» können ernst gemeint sein – oder vor allem Werbesprache. Erst die Methodik zeigt, was tatsächlich passiert: Welche Firmen sind ausgeschlossen? Wie wird bewertet? Gibt es aktive Einflussnahme? Werden Klima-Ziele gemessen? Und wie transparent berichtet der Anbieter darüber?

Gerade bei 3a-Lösungen ist das wichtig, weil du nicht einfach ein Etikett kaufst, sondern langfristig investierst. Was heute klein wirkt, kann über Jahrzehnte grosse Wirkung auf dein Vermögen und auf die Ausrichtung der investierten Unternehmen haben.

Glossar-Box: Die wichtigsten Begriffe 

ESG steht für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. ESG sagt zunächst nur, dass diese Faktoren berücksichtigt werden – nicht wie streng.

Ausschlüsse bedeuten, dass gewisse Branchen oder Praktiken nicht investierbar sind, etwa Kohle, kontroverse Waffen oder schwere Verstösse gegen internationale Normen.

Best-in-Class heisst: Innerhalb einer Branche werden die Unternehmen mit vergleichsweise besseren ESG-Werten bevorzugt. Das kann auch heissen, dass ein Öl- oder Zementkonzern investierbar bleibt, wenn er im Branchenvergleich besser abschneidet.

Engagement bedeutet aktive Einflussnahme durch Gespräche mit Unternehmen, Anträge oder Forderungen nach Verbesserungen.

Stimmrechtsausübung heisst, dass ein Vermögensverwalter an Generalversammlungen abstimmt, etwa zu Klima- oder Vergütungsfragen.

Netto-null beschreibt das Ziel, Treibhausgasemissionen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auf netto null zu senken. Entscheidend ist, ob dafür ein glaubwürdiger Pfad mit Zwischenzielen besteht.

Impact meint eine gezielte, nachweisbare positive Wirkung in der Realwirtschaft, etwa Finanzierung von erneuerbaren Energien oder bezahlbarem Wohnraum. In breit gestreuten 3a-Fonds ist echter Impact meist schwieriger nachzuweisen als in spezialisierten Anlagen.

Die wichtigsten Nachhaltigkeitsansätze einfach erklärt

Ausschlüsse

Ausschlüsse sind der verständlichste Ansatz. Ein Fonds oder eine Stiftung definiert Bereiche, in die nicht investiert wird. Häufig genannt werden Kohleabbau, kontroverse Waffen, Tabak, schwere Umweltzerstörung oder Verstösse gegen internationale Standards wie die UNO-Leitprinzipien. Das kann sinnvoll sein, weil es klare rote Linien zieht.

Aber Ausschlüsse haben Grenzen. Ein Produkt kann ein paar heikle Bereiche ausschliessen und sich dennoch «nachhaltig» nennen, obwohl der restliche Anlageprozess kaum verändert ist. Ausserdem hängt viel davon ab, wie streng ausgeschlossen wird: Gilt die Grenze schon bei 5 Prozent Umsatz mit Kohle – oder erst bei 30 Prozent? Werden nur Produzenten ausgeschlossen oder auch Zulieferer? Ohne Schwellenwerte bleibt der Begriff unscharf.

Best-in-Class und ESG-Filter

ESG-Filter und Best-in-Class-Ansätze versuchen, Nachhaltigkeitsdaten systematisch in die Titelauswahl einzubauen. Das Ziel ist, innerhalb eines Anlageuniversums jene Unternehmen zu bevorzugen, die bei Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung besser abschneiden. Laut Grundlagen des SIF ist dies einer der verbreitetsten Sustainable-Finance-Ansätze.

Das leistet etwas: ESG-Risiken wie Korruptionsfälle, Arbeitsrechtsverletzungen oder schwache Klimastrategien werden sichtbarer. Es leistet aber nicht automatisch das, was viele sich darunter vorstellen. Denn ein Unternehmen kann im Branchenvergleich «gut» sein und trotzdem in einer klimapolitisch problematischen Branche tätig bleiben. Best-in-Class ist deshalb eher ein relatives Qualitätsfilter als ein Garant für echte Transformation.

Engagement und Stimmrechtsausübung

Nachhaltigkeit bedeutet nicht immer nur Vermeidung, sondern oft auch Einflussnahme. Beim Engagement sucht der Investor den Dialog mit Unternehmen und fordert konkrete Verbesserungen, etwa bei Emissionszielen, Lieferketten oder Verwaltungsratsstrukturen. Die Stimmrechtsausübung ergänzt das: Wer Aktien hält, kann über Generalversammlungen mitentscheiden.

Dieser Ansatz ist besonders interessant, weil er auf Veränderung statt nur auf Selektion setzt. Entscheidend ist aber, ob das Engagement glaubwürdig dokumentiert wird. Gibt es klare Themen, Ziele, Fristen und Resultate? Oder bleibt es bei allgemeinen Aussagen wie «Wir stehen im Dialog»? Ohne Bericht ist Engagement kaum überprüfbar.

Klima- und Netto-null-Ziele

Viele nachhaltige 3a-Lösungen werben heute mit Klimabezug. Das kann sinnvoll sein, denn Klimarisiken sind finanzielle Risiken. Die Schweizer PACTA-Analysen zeigen seit Jahren, wie wichtig die Ausrichtung von Finanzportfolios auf die Klimaziele des Pariser Abkommens ist. PACTA prüft nicht einfach ein grünes Image, sondern vergleicht Portfolios mit sektoralen Transformationspfaden in Bereichen wie Strom, fossile Energie, Verkehr oder Zement.

Für dich ist wichtig: Ein Netto-null-Versprechen ist nur dann hilfreich, wenn es konkret hinterlegt ist. Dazu gehören Zwischenziele, ein definierter Zeithorizont, messbare Kennzahlen und Angaben dazu, ob Emissionen real gesenkt oder vor allem kompensiert werden sollen. «Paris-kompatibel» klingt stark, ist aber ohne Methodik wenig wert.

Impact-Ansätze

Impact ist der anspruchsvollste Begriff – und einer der am häufigsten missverstandenen. Echte Impact-Anlagen wollen nicht nur bessere Risiken managen, sondern zusätzlich eine messbare positive Wirkung erzielen. Das ist in klassischen, breit diversifizierten 3a-Wertschriftenlösungen oft begrenzt möglich, weil dort vor allem börsenkotierte Titel gehalten werden.

Deshalb solltest du vorsichtig sein, wenn ein gewöhnlicher 3a-Fonds starken «Impact» verspricht, aber keine nachvollziehbaren Wirkungsindikatoren nennt. In der Vorsorge ist Impact nicht unmöglich, aber seltener und erklärungsbedürftiger als Ausschlüsse, ESG-Integration oder Engagement.

Was «nachhaltig» in 3a bedeuten kann – und was nicht

Du kannst dir nachhaltige 3a-Lösungen wie eine Treppe vorstellen. Auf der ersten Stufe stehen einfache Ausschlüsse. Auf der zweiten kommen ESG-Filter oder Best-in-Class hinzu. Auf der dritten Stufe folgen aktives Engagement und Stimmrechtsausübung. Auf einer weiteren Stufe stehen überprüfbare Klima-Ziele, etwa die Ausrichtung an Dekarbonisierungspfaden. Ganz oben wären Impact-Ansätze mit klar messbarer Wirkung. Wichtig ist: Nicht jede Stufe ersetzt die andere. Ein Produkt mit schönem Klima-Label kann schwache Ausschlüsse haben. Ein Produkt mit guten Ausschlüssen kann beim Engagement fast nichts tun.

Genau deshalb ist «nachhaltig» kein einzelnes Merkmal, sondern ein Bündel aus Entscheidungen. Je transparenter diese Kombination offengelegt wird, desto glaubwürdiger ist das Angebot.

Wo Greenwashing in 3a-Produkten besonders häufig vorkommt

Greenwashing bedeutet nicht immer, dass alles falsch ist. Oft wird ein echter, aber kleiner Nachhaltigkeitsbaustein übermässig gross dargestellt. Besonders heikel wird es dort, wo Marketing präziser ist als die Produktunterlagen.

  • Schöne Labels, vage Kriterien: Es wird mit «klimafreundlich» oder «verantwortungsvoll» geworben, aber Ausschlusslisten, Schwellenwerte und Bewertungsmethoden fehlen.
  • ESG ohne Konsequenzen: ESG-Daten werden angeblich berücksichtigt, führen aber kaum zu anderen Portfolioentscheidungen.
  • Klima-Versprechen ohne Pfad: Netto-null oder Paris-Kompatibilität werden genannt, aber ohne Zwischenziele, Sektorlogik oder PACTA-nahe Offenlegung.
  • Engagement als Blackbox: Anbieter sprechen von Dialog, liefern aber keine Fälle, Abstimmungsdaten oder Resultate.
  • Wenig Daten, viel Image: Wenn Kennzahlen, Methodik und Berichte fehlen, ist Misstrauen angebracht.

Wichtig: Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) setzt bei der Säule 3a den Rahmen der gebundenen Vorsorge, beurteilt aber nicht für dich, ob ein konkretes Produkt nachhaltig überzeugend ist. Diese Prüfung musst du als Kund:in oder mithilfe unabhängiger Vergleiche selbst vornehmen.

Welche Nachweise du verlangen darfst

Du musst dich nicht mit Werbeversprechen begnügen. Wenn ein Anbieter Nachhaltigkeit betont, darfst du nachvollziehbare Unterlagen erwarten. Gute Anbieter machen diese Informationen leicht zugänglich und aktualisieren sie regelmässig. Fondsunterlagen und Anbieter-Methodiken sind dabei zentral, denn dort zeigt sich, ob Nachhaltigkeit wirklich in den Anlageprozess eingebaut ist.

Besonders hilfreich sind der Prospekt oder die Fondsdokumentation, eine konkrete Ausschlussliste, ein Nachhaltigkeitsbericht, Angaben zur Stimmrechtsausübung und ein Engagement-Report. Wenn Klimaaussagen gemacht werden, solltest du auf Kennzahlen, Ziele und Methodik achten. PACTA-nahe Informationen oder andere wissenschaftlich fundierte Klima-Alignments sind wertvoller als blosse Schlagworte.

Prüf-Fragen für deine nachhaltige 3a-Lösung

  • Welche Branchen, Geschäftsmodelle oder Verstösse sind klar ausgeschlossen – und mit welchen Schwellenwerten?
  • Wie genau werden ESG-Kriterien in die Titelauswahl integriert?
  • Gibt es aktives Engagement und dokumentierte Stimmrechtsausübung?
  • Werden Klima-Ziele mit Kennzahlen, Zwischenzielen und Methodik belegt?
  • Ist nachvollziehbar, worin der Unterschied zu einer konventionellen 3a-Lösung besteht?
  • Werden Berichte regelmässig veröffentlicht und sind sie verständlich genug, um überprüfbar zu sein?

Wenn du auf mehrere dieser Fragen keine klare Antwort findest, ist Vorsicht sinnvoll. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass «nachhaltig» eher als Verkaufsargument dient als als belastbares Anlageprinzip.

Was Nachhaltigkeit nicht ersetzt: Rendite, Kosten und Risiko bleiben wichtig

Nachhaltigkeit ist relevant, aber sie ist nicht der einzige Massstab. Eine 3a-Lösung muss auch zu deinem Anlagehorizont, deiner Risikofähigkeit und deinen Kostenansprüchen passen. Hohe Gebühren können die langfristige Vorsorge stark belasten. Und auch ein nachhaltiges Portfolio kann zwischenzeitlich deutlich schwanken, wenn der Aktienanteil hoch ist.

Deshalb ist ein nüchterner Blick wichtig: Eine gute nachhaltige 3a-Lösung ist nicht romantisch, sondern nachvollziehbar, kostentransparent und passend zu deinem Risikoprofil. Nachhaltigkeit sollte die Qualität deiner Vorsorge ergänzen, nicht finanzielle Grundprinzipien überdecken.

Gerade langfristig lohnt es sich, beide Ebenen zusammenzudenken: Was bewirkt mein Geld möglicherweise in der Realwirtschaft – und wie robust ist meine private Vorsorge? Diese doppelte Perspektive schützt oft besser vor Enttäuschungen als jedes grüne Etikett.

Fazit: Nachhaltig ist nur, was nachvollziehbar ist

«Nachhaltig» bei 3a-Lösungen kann vieles bedeuten: Ausschlüsse, ESG-Filter, aktives Engagement, Klima-Strategien oder in seltenen Fällen echten Impact. Keine dieser Methoden ist automatisch gut oder schlecht. Entscheidend ist, ob sie klar beschrieben, messbar umgesetzt und regelmässig belegt wird.

Der wichtigste Merksatz lautet deshalb: Nachhaltig ist nur, was nachvollziehbar ist. Wenn du Methoden, Ausschlüsse, Berichte und Klimaangaben prüfen kannst, gewinnst du ein belastbares Grundverständnis – und erkennst Greenwashing deutlich schneller.

Für den nächsten Schritt lohnt sich eine persönliche Checkliste: Prüfe Produktunterlagen, Ausschlüsse, Kosten, Risiko und Berichte nebeneinander. So triffst du keine Entscheidung nach Bauchgefühl oder Werbesprache, sondern auf einer fundierten Grundlage.

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