Wie nachhaltig ist meine Pensionskasse? Theresa Keller Deine Pensionskasse verwaltet oft einen sehr grossen Teil deines langfristigen Vermögens – und trotzdem bleibt für viele Versicherte unklar, wie dieses Geld angelegt wird. Wenn du wissen möchtest, ob deine Pensionskasse Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken ernst nimmt, brauchst du keine Finanzexpert:in zu sein. Mit ein paar gezielten Fragen und den richtigen Dokumenten kannst du dir in der Schweiz ein erstaunlich gutes Bild machen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die eigene Pensionskasse verdient einen zweiten Blick. © PIKSEL / Getty Images Warum diese Frage wichtig ist Pensionskassen investieren Milliarden in Aktien, Anleihen, Immobilien und teilweise auch in Infrastruktur. Diese Anlagen beeinflussen nicht nur deine spätere Rente, sondern auch reale wirtschaftliche Entwicklungen: etwa den Ausbau erneuerbarer Energien, den Zustand von Gebäuden oder die Finanzierung emissionsintensiver Geschäftsmodelle. Nachhaltigkeit ist dabei nicht bloss ein moralisches Zusatzthema. Sie betrifft auch finanzielle Risiken, etwa wenn fossile Anlagen an Wert verlieren, Energiepreise steigen oder strengere Klimaregeln Unternehmen und Immobilien unter Druck setzen. Genau deshalb gewinnt das Thema in der beruflichen Vorsorge an Bedeutung. Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge, kurz OAK BV, betont in ihren Berichten zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen regelmässig die Verantwortung der Organe für ein professionelles Risikomanagement. Dazu gehören auch langfristige Risiken, die aus Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren entstehen können. Auch das Bundesamt für Umwelt hat zusammen mit dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen in den Schweizer Klimaverträglichkeitstests gezeigt, dass Finanzportfolios messbare Klimaeffekte haben und sich vergleichen lassen. Für dich als versicherte Person ist die Frage deshalb doppelt relevant: Passt die Anlagestrategie zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft? Und geht deine Kasse verantwortungsvoll mit langfristigen Risiken um? Eine nachhaltige Pensionskasse muss nicht perfekt sein. Aber sie sollte nachvollziehbar erklären können, was sie tut, was sie noch nicht tut und wie sie Fortschritte misst. Wo du die wichtigsten Informationen findest Der erste Schritt ist meist einfacher als gedacht. Viele Pensionskassen, Sammelstiftungen und Gemeinschaftseinrichtungen veröffentlichen auf ihrer Website bereits mehr Informationen, als Versicherte vermuten. Besonders hilfreich sind der Jahresbericht, ein möglicher Nachhaltigkeits- oder Klimabericht, das Anlagereglement sowie Angaben zur Organisation des Stiftungsrats. Wenn deine Kasse Teil einer Sammelstiftung ist, findest du oft zentrale Dokumente direkt bei der Stiftung. Achte dabei nicht nur auf schöne Leitbilder, sondern auf konkrete Aussagen. Gibt es Zahlen, Ziele, Zeitpläne und Zuständigkeiten? Werden Anlagekategorien wie Aktien, Obligationen und Immobilien einzeln beschrieben? Wird erklärt, wie Stimmrechte ausgeübt werden? Je konkreter ein Bericht ist, desto eher kannst du die Nachhaltigkeit deiner Pensionskasse sinnvoll prüfen. Falls Informationen fehlen, ist das kein Zeichen, dass du mit deiner Frage allein bist. Die OAK BV weist in ihren Veröffentlichungen zur Governance darauf hin, wie wichtig nachvollziehbare Führungs- und Kontrollstrukturen sind. Für Versicherte heisst das praktisch: Du darfst nachfragen, idealerweise schriftlich und freundlich konkret. Zuständig sind je nach Struktur die Geschäftsstelle, die Vorsorgeeinrichtung selbst oder indirekt deine Arbeitnehmervertretung im Stiftungsrat. Die 8 Prüf-Fragen für Versicherte Mit den folgenden acht Fragen kannst du die Nachhaltigkeit deiner Pensionskasse in der Schweiz pragmatisch einschätzen. Es geht nicht darum, jedes Detail der Kapitalanlage zu verstehen. Entscheidend ist, ob deine Kasse systematisch, transparent und überprüfbar vorgeht. 1. Gibt es eine veröffentlichte Nachhaltigkeits- oder Klimastrategie? Eine glaubwürdige Pensionskasse beschreibt, ob und wie Nachhaltigkeit in die Anlagetätigkeit eingebunden ist. Gute Formulierungen nennen den Geltungsbereich: also ob die Strategie nur für Aktien gilt oder auch für Obligationen, Immobilien und alternative Anlagen. Sinnvoll ist zudem, wenn die Kasse erklärt, welche Standards oder Rahmenwerke sie verwendet. Der Schweizer Klimaverträglichkeitstest zeigt seit Jahren, dass Portfolios anhand standardisierter Methoden auf ihre Klimawirkung hin geprüft werden können. Wenn eine Kasse keinerlei Strategie veröffentlicht, ist das nicht automatisch ein Beweis gegen Nachhaltigkeit – aber ein klarer Hinweis auf fehlende Transparenz. 2. Werden Ausschlüsse genannt? Ausschlüsse sind ein einfach verständlicher Einstieg. Viele Versicherte möchten wissen, ob ihre Pensionskasse beispielsweise in Kohle, kontroverse Waffen oder Unternehmen mit schweren Normverstössen investiert. Wichtig ist, dass Ausschlüsse präzise beschrieben werden: Welche Bereiche sind ausgeschlossen, welche Umsatzschwellen gelten und für welche Anlageklassen? Vage Aussagen wie «Wir berücksichtigen ESG-Faktoren» helfen wenig. Konkreter sind Sätze wie «Unternehmen mit mehr als x Prozent Umsatz aus thermischer Kohle werden ausgeschlossen». Ausschlüsse allein machen eine Pensionskasse noch nicht umfassend nachhaltig, aber sie zeigen, ob Mindeststandards definiert sind. 3. Wie geht die Kasse mit Stimmrechten und Engagement um? Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, problematische Titel zu meiden. Viele Kassen bleiben investiert und versuchen, Unternehmen über Engagement zu beeinflussen. Dazu gehören Gespräche mit Unternehmen, gemeinsame Investoreninitiativen und die Ausübung von Stimmrechten an Generalversammlungen. Gute Berichte nennen dabei nicht nur Absichten, sondern Beispiele: Wofür wurde gestimmt? Welche Themen wurden adressiert? Gab es Schwerpunkte bei Klima, Lieferketten oder Governance? Gerade bei breit diversifizierten Portfolios ist aktives Eigentum ein wichtiger Hebel. 4. Gibt es messbare Klima- oder Dekarbonisierungsziele? Hier trennt sich oft Symbolik von Substanz. Eine belastbare Antwort enthält Kennzahlen und Fristen, etwa Reduktionsziele für finanzierte Emissionen, CO2-Intensität oder einen Absenkpfad bei Immobilienemissionen. Besonders bei direkten Immobilienanlagen sind Ziele zu Heizsystemen, Sanierungsraten und Energieverbrauch aussagekräftig. Das Bundesamt für Umwelt hat in den Klimatests wiederholt gezeigt, dass sich Portfolios anhand von Klimaindikatoren bewerten lassen. Wenn eine Pensionskasse zwar über Verantwortung spricht, aber keinerlei messbare Ziele nennt, bleibt ihre Nachhaltigkeit schwer überprüfbar. 5. Wie transparent sind Immobilienanlagen? Immobilien sind für viele Schweizer Pensionskassen zentral. Gleichzeitig sind sie für das Klima besonders relevant, weil Gebäude viel Energie verbrauchen und Sanierungen hohe Wirkung haben können. Achte darauf, ob deine Kasse Angaben zu Energieverbrauch, CO2-Emissionen, Sanierungsstrategie, Heizsystemen oder Zertifizierungen macht. Positiv ist, wenn Bestandsdaten und Fortschritte im Zeitverlauf veröffentlicht werden. Wenig hilfreich sind allgemeine Aussagen wie «Wir achten auf energieeffiziente Gebäude», ohne dass Zahlen oder Sanierungspläne folgen. 6. Wird über Nachhaltigkeitsrisiken berichtet? Eine professionelle Pensionskasse beschreibt Nachhaltigkeit nicht nur als Chance, sondern auch als Risiko. Dazu gehören Übergangsrisiken durch neue Regulierung, physische Klimarisiken für Immobilien oder Reputationsrisiken bei problematischen Beteiligungen. Gute Berichte machen sichtbar, wie solche Risiken identifiziert, gemessen und in Anlageentscheide eingebaut werden. Die OAK BV betont in ihren Publikationen zur Aufsicht und Governance die Bedeutung eines nachvollziehbaren Risikomanagements. Wenn Nachhaltigkeit nur im Marketing vorkommt, aber nicht im Risikoteil des Berichts, ist Vorsicht angebracht. 7. Wer entscheidet – und wie können Versicherte Einfluss nehmen? In der zweiten Säule ist die Governance entscheidend. Der Stiftungsrat trägt die Verantwortung, oft mit paritätischer Vertretung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Für dich ist wichtig: Gibt es erkennbare Zuständigkeiten für nachhaltige Anlagen? Werden Entscheidungen dokumentiert? Kannst du Fragen einreichen, und gibt es Ansprechpartner:innen? Falls deine Pensionskasse Teil einer Sammelstiftung ist, kann der direkte Einfluss kleiner sein. Trotzdem kannst du über deine Arbeitgeberseite, interne Vertretungen oder direkt über die Geschäftsstelle nachfragen. Transparente Kassen erklären, wie Versicherte Rückmeldungen geben können. 8. Wie schneidet die Kasse im Vergleich zu externen Ratings ab? Externe Einordnungen ersetzen keine eigene Prüfung, sind aber nützlich als Zusatzperspektive. In der Schweiz wird häufig auf Einschätzungen der Klima-Allianz Schweiz verwiesen, die den Umgang von Pensionskassen mit Klima- und Nachhaltigkeitsthemen vergleichend bewertet. Solche Ratings haben Grenzen, weil Methodik und Datenlage variieren. Aber sie helfen dir, blinde Flecken zu erkennen und gezielt nachzufragen, wenn deine Kasse deutlich schwächer abschneidet als ähnliche Einrichtungen. Am aussagekräftigsten ist die Kombination aus Eigenrecherche, offiziellen Berichten und externer Vergleichseinordnung. Kurz-Check: Wie nachhaltig ist meine Pensionskasse? Strategie: Gibt es eine veröffentlichte Nachhaltigkeits- oder Klimastrategie? Ausschlüsse: Sind Kohle, kontroverse Waffen oder schwere Normverstösse klar geregelt? Einfluss: Nutzt die Kasse Stimmrechte und Engagement nachvollziehbar? Ziele: Gibt es messbare Klima- oder Dekarbonisierungsziele mit Frist? Immobilien: Werden Energieverbrauch, Emissionen und Sanierungspläne offengelegt? Risiken: Kommen Nachhaltigkeitsrisiken im Risikomanagement vor? Governance: Ist klar, wer entscheidet und wie du Fragen stellen kannst? Vergleich: Wie steht die Kasse im externen Vergleich da? Was gute Antworten wären – und was ausweichend klingt Nicht jede knappe Antwort ist automatisch schlecht. Gerade kleinere Vorsorgeeinrichtungen haben weniger Ressourcen für aufwendige Berichte. Trotzdem gibt es einen klaren Unterschied zwischen ehrlicher, konkreter Kommunikation und ausweichenden Formulierungen. Gut klingt zum Beispiel: «Seit 2023 gilt eine Nachhaltigkeitsrichtlinie für Aktien, Unternehmensanleihen und direkte Immobilien. Für thermische Kohle gilt ein Ausschluss ab fünf Prozent Umsatz. Bei Immobilien wollen wir die CO2-Emissionen bis 2035 um 40 Prozent gegenüber 2022 senken. Stimmrechte bei Schweizer Aktien werden vollständig ausgeübt und jährlich rapportiert.» Solche Antworten enthalten Umfang, Kriterien, Fristen und Messbarkeit. Ausweichend klingt dagegen: «Nachhaltigkeit ist uns wichtig und wird im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten berücksichtigt.» Das sagt fast nichts. Ebenfalls wenig aussagekräftig sind Sätze wie «Wir investieren langfristig und deshalb automatisch nachhaltig» oder «ESG-Aspekte fliessen situativ ein». Nachhaltigkeit ist kein Synonym für langfristig. Und situativ heisst oft: ohne klaren Standard. Ein weiterer häufiger Irrtum: Eine Pensionskasse sei schon dann nachhaltig, wenn sie gute Renditen erzielt. Rendite und Nachhaltigkeit sind nicht dasselbe. Wissenschaftlich und regulatorisch relevant ist vielmehr, ob wesentliche Risiken systematisch erfasst werden und ob die Kasse nachvollziehbar begründen kann, wie sie im langfristigen Interesse der Versicherten handelt. Muster-Mail an die Pensionskasse Wenn du keine oder nur sehr allgemeine Informationen findest, kannst du mit einer kurzen, höflichen Nachricht nachfragen. Wichtig ist, dass deine Anfrage konkret bleibt. So erhöhst du die Chance auf eine brauchbare Antwort. «Guten Tag ich bin bei Ihrer Pensionskasse versichert und möchte gerne besser verstehen, wie Nachhaltigkeits- und Klimarisiken in der Anlagestrategie berücksichtigt werden. Könnten Sie mir bitte folgende Punkte kurz beantworten oder mir die passenden Unterlagen nennen: 1. Gibt es eine veröffentlichte Nachhaltigkeits- oder Klimastrategie? 2. Welche Ausschlüsse gelten für problematische Branchen oder Geschäftsfelder? 3. Wie werden Stimmrechte und Engagement wahrgenommen? 4. Gibt es messbare Klima- oder Dekarbonisierungsziele, insbesondere auch für Immobilien? 5. Wo finde ich Angaben zu Nachhaltigkeitsrisiken und deren Berücksichtigung im Risikomanagement? 6. Gibt es externe Beurteilungen oder Benchmarks, auf die Sie sich beziehen? Besten Dank für Ihre Rückmeldung.» Wenn du eine sehr allgemeine Antwort erhältst, lohnt sich eine zweite Nachfrage zu genau einem Punkt, etwa zu Immobilien oder Ausschlüssen. So bleibt der Dialog sachlich und zielgerichtet. FAQ für Versicherte Muss eine nachhaltige Pensionskasse auf Rendite verzichten? Nicht automatisch. Die entscheidende Frage ist, ob Nachhaltigkeitsaspekte finanziell relevante Risiken und Chancen betreffen. Gerade Klima- und Übergangsrisiken können langfristig materielle Auswirkungen haben. Nachhaltigkeit professionell zu berücksichtigen, kann daher Teil solider treuhänderischer Sorgfalt sein. Ist eine Pensionskasse ohne öffentlichen Nachhaltigkeitsbericht automatisch schlecht? Nein. Aber fehlende Transparenz erschwert die Beurteilung. In diesem Fall sind konkrete Nachfragen besonders wichtig. Reichen Ausschlüsse aus? Nein. Ausschlüsse sind nur ein Baustein. Ebenso wichtig sind Ziele, Risikomanagement, Engagement und Transparenz bei Immobilien. Kann ich als versicherte Person überhaupt etwas bewirken? Ja, auch wenn der Einfluss begrenzt sein kann. Sachliche Nachfragen, Rückmeldungen an die Arbeitnehmervertretung und wiederholtes Einfordern von Transparenz setzen Signale. Viele Verbesserungen in der Berichterstattung beginnen genau dort. Fazit Die Frage «Wie nachhaltig ist meine Pensionskasse?» ist in der Schweiz berechtigt – und sie ist konkreter beantwortbar, als es auf den ersten Blick scheint. Du musst dafür keine Finanzsprache beherrschen. Entscheidend ist, ob deine Kasse klar sagt, welche Regeln gelten, welche Ziele sie verfolgt, wie sie Risiken misst und wie transparent sie über Fortschritte berichtet. Wenn du mit den acht Prüf-Fragen arbeitest, erkennst du schnell, ob Nachhaltigkeit substanziell verankert ist oder vor allem aus allgemeinen Formeln besteht. Das stärkt nicht nur dein Verständnis, sondern auch deine Selbstwirksamkeit. Denn in der beruflichen Vorsorge ist Transparenz kein Luxus, sondern die Grundlage für Vertrauen.