Kriterien für Nachhaltige Geldanlagen auf dem Prüfstand

Das Forum Nachhaltige Geldanlagen Schweiz hat eine qualifiziert besetzte Podiumsdiskussion zum Thema «ESG-Integration – Mainstreaming oder Mogelpackung» organisiert. In der Diskussion wurden die verschiedenen Ansätze von Kaiser Partner, Vontobel sowie der ZKB beleuchtet und mit den Anforderungen eines Investment-Consultants gespiegelt. Finanzexpertin Dr. Ingeborg Schumacher analysiert für nachhaltigleben die Ergebnisse der Diskussion.

Dr. Ingeborg Schumacher.
Dr. Ingeborg Schumacher, Director Responsible Investing bei Kaiser Partner sowie Vorstandsmitglied im Forum Nachhaltige Geldanlagen.
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James Gifford, der Executive Director der Investoreninitiative hat die Gesprächsrunde mit einigen interessanten Statements eröffnet. Bei der Investoreninitiative Principles for Responsible Investment (PRI) haben sich bis zum Februar 2012 mehr als 800 institutionelle Investoren verpflichtet, die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) in ihre Investment-Entscheidungsprozesse zu integrieren.

James Gifford hat deutlich gemacht, dass zumindest nach der Selbsteinschätzung der Unterzeichner schon viel passiert ist. Knapp 80% der institutionellen Investoren sowie 95% der Investment Manager wenden «zu einem gewissen Grad» ESG Kriterien bei intern verwalteten, aktiven Mandate von Aktien in Industrieländern an. Das Volumen von Geldern, das «zu einem gewissen Grad» nach ESG Kriterien verwaltet wird, verdreifachte sich zwischen 2009 und 2010 auf USD 10 Billionen.

Raster für ökologische, soziale und Governance-Faktoren

Aufgrund der beeindruckenden Zahlen stellt sich die Frage, was hinter solchen Ansätzen steht. Bei der Diskussionsrunde haben die drei Finanzvertreter auf dem Podium aufzeigen können, wie sie ESG-Kriterien in ihr Anlagegeschäft integrieren. Die Unterschiede in den Ansätzen lassen sich auch aus den jeweiligen Zielen ableiten. Vontobel hat sich hier engagiert, um eine bessere Performance der aktiv gemanagten Portfolios zu erreichen. Die Sektorverantwortlichen haben sektorspezifische Raster entwickelt für ökologische, soziale und Governance-Faktoren. Dabei soll eine Fokussierung auf relevante Kernkriterien und eine variable Gewichtung auch die finanziell relevanten Parameter betonen. Wichtig ist eine Fokussierung der Ressourcen, da diese Aufgaben mittlerweile komplett in den Händen der Finanzanalysten liegt. Der Chief Investment Advisor von Kaiser Partner erläutert, dass mit der Strategie Responsible Investing zwei Ziele verfolgt werden: Im Vordergrund steht die Erfassung und Vermeidung von Risiken in den Portfolios, zusätzlich sollen die Werte der Kunden abgebildet werden. Das Ziel, in jeder Anlagekategorie mindestens 40% in überdurchschnittliche ESG-Titel und Fonds zu investieren, funktioniert bei Aktien und Obligationen sehr gut, bei alternativen Anlagen wie Commodities gibt es zu wenig adäquate Produkte auf dem Markt. Mit der quantitativen und qualitativen ESG-Analyse auch konventioneller Fonds hat man zumindest das Universum verfügbarer Investments vergrössert.

ZKB arbeitet mit Nachhaltigkeitsindikator

Die Zürcher KantonalBank unterscheidet in diesem Themenkomplex zwischen einer Integration von finanzrelevanten Informationen von der Nachhaltigkeitsanalyse in das Portfoliomanagement, die sich durch die enge Kooperation zwischen Analysten und Portfoliomanagern in einer besseren Performance der Nachhaltigkeitsfonds auswirken soll und einem Mainstreaming von ESG-Informationen: Die ZKB hat auf der Basis von drei Parametern wie dem CO2-Ausstoss, dem Reputationsrisiko durch ESG-Verstösse sowie einer Masszahl der Corporate Governance einen Nachhaltigkeitsindikator entwickelt. Seit Ende letzten Jahres wurden hiermit über 500 Anlagefonds bewertet und in einer Skala zwischen A bis G eingestuft. Durch dieses Label auf den Fondsfactsheets erhalten Kunden und Berater eine zusätzliche Entscheidungshilfe.

Der Investment Consultant Beat Zaugg von der Firma Ecofin hat die ESG-Bewegung kritisch hinterfragt, indem er den bottom-line Effekt klarer identifizieren möchte. Bezüglich der Asset Classes gibt es bisher viele Ansätze im Bereich von Aktien und Obligationen. In diesem Bereich hat sich die Datenqualität und –verfügbarkeit nicht zuletzt durch Initiativen wie die PRI klar verbessert. Hier sollte jedoch noch die Auswirkung auf die Performance noch klarer herausgearbeitet werden. Auch die Messung und die Berichterstattung über die ökologischen und sozialen Konsequenzen der Ansätze sollte systematischer erfolgen. Die Tatsache, dass bisher relativ wenige Ansätze im Bereich alternativer Anlagen bestehen, sieht er auch als Chance: Für ihn bedeutet das Segment «Impact Investment» wie Microfinance oder Infrastrukturinvestments eine Möglichkeit, den Markt nachhaltiger Investments auszudehnen. Die PRI Initiative hat hier bereits verschiedene Tools für den Markt erarbeitet. Den Asset Managern legt er ans Herz, auch die Kosten im Griff zu halten, dass ESG-integrierte Ansätze nicht automatisch höhere Verwaltungsgebühren bedeuten müssen.

Folgende Erfolgsfaktoren konnten bei allen Referenten identifiziert werden:

  • Gute Kommunikation zwischen den Nachhaltigkeitsexperten und den klassischen Finanzanalysten, um das jeweilige Know-How auszutauschen. Bei Vontobel werden regelmässige Sitzungen organisiert, um offene Punkte und Probleme zu diskutieren. Als weitere Erfolgsfaktoren wurden geschultes Know How sowie eine gemeinsame Verantwortung genannt.
  • Eine erfolgreiche ESG-Integration muss zu einer guten finanziellen Performance führen, von institutionellen Investoren werden keine exotischen Benchmarks akzeptiert. Dabei scheint es einfacher zu sein, mit Hilfe von ESG-Kriterien risikobehaftete Firmen zu eliminieren, eine Auswahl von „Gewinnern“ scheint schwieriger.
  • Der Anlageprozess sollte auch mit einer Berücksichtigung von ESG-Kriterien systematisch aufgebaut sein. Mit sauber aufgebauten Prozessen ist es auch möglich, in klassischen Auswahlprozessen institutioneller Investoren zu punkten.

In der Diskussion mit dem Publikum kamen noch einige interessante Aussagen zutage: Aus empirischer Perspektive sind Unternehmen, sie sich (auch in der ESG-Perspektive) von einem tiefen Niveau verbessern, attraktiver. Hier gibt es die Schwierigkeit, entsprechende Daten zu erhalten, die Materialität und daraufhin das Potential zu bewerten. Bei der Frage, welche Qualität man der ESG-Integration bei oft unzureichenden Daten zusprechen kann, wurde relativierend eingebracht: auch die Finanzanalyse beruht auf persönlichem Ermessen. Wichtig ist die Systematik des Prozesses und die Fähigkeit der Akteure, die sektorrelevanten Fragen zu stellen.

Trotz der eindeutig finanziellen Ziele haben immer mehr Finanzakteure auch in der Schweiz einige moralisch bedenkliche Investitionen wie die Produktion von Streubomben aus ihren Portfolios verbannt bzw. sich dazu strategisch klar positioniert.

Die Antwort der im Titel der Veranstaltung gestellten Frage nach der Mogelpackung wurde relativ pragmatisch gesehen: Wenn das Ziel der ESG-Integration wie bei Vontobel darin besteht, die finanzielle Performance der Investments positiv zu beeinflussen, dann muss sie auch daran gemessen werden. Die ZKB hat mit ihrem Labelling zwischen A und G primär die Absicht, die Transparenz am Markt zu erhöhen. Dabei ist natürlich beabsichtigt, dass Berater und Kunden sich mit dem Thema auseinandersetzen und das Interesse an nachhaltigen Produkten steigt.

Bei der Frage des Moderators, wieweit eine stärkere ESG-Integration durch Finanzdienstleister die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz absichern kann, kam keine Euphorie auf: Wer erst jetzt auf ESG aufspringe, betreibe «greenwashing», ESG alleine reiche nicht. Es wurden klare Forderungen nach einer Weissgeldstrategie am Finanzplatz laut, auch sollten Governance-Strukturen Anreizstrukturen auf eine wieder langfristig ausgerichtete Perspektive lenken.

Autor: Dr. Ingeborg Schumacher, Director Responsible Investing bei Kaiser Partner sowie Vorstandsmitglied im Forum Nachhaltige Geldanlagen