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Wie nachhaltig sind nachhaltige Fonds wirklich?

Viele Menschen wollen mit ihrem Geld nicht nur Rendite erzielen, sondern auch Klima, Umwelt und faire Arbeitsbedingungen fördern. Umso frustrierender ist es, wenn ein Fonds mit grünem Etikett plötzlich Ölkonzerne, Airlines oder andere umstrittene Titel enthält. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Nicht der Name eines Fonds zeigt dir, wie nachhaltig er ist, sondern seine Methode, seine Ausschlüsse und seine Transparenz.

Lupe über Fondsfactsheet
Bei nachhaltigen Fonds lohnt sich der Blick hinter das Label. © deepblue4you / Getty Images

Warum «nachhaltig» im Fondsnamen noch kein Beweis ist

Marketingbegriff statt einheitlicher Standard

Begriffe wie «nachhaltig», «ESG», «SRI», «Climate», «Responsible» oder «Impact» klingen klarer, als sie in der Praxis oft sind. In der Schweiz gibt es keinen einzigen, überall identischen Nachhaltigkeitsstandard, der automatisch gilt, nur weil ein Fonds so heisst. Das Schweizer Sustainable-Finance-Glossar zeigt, dass unter nachhaltigem Investieren verschiedene Ansätze fallen: Ausschlüsse, ESG-Integration, Best-in-Class, Stewardship, thematische Anlagen oder Impact Investing. Diese Methoden unterscheiden sich stark darin, wie streng sie sind und was sie tatsächlich bewirken sollen.

Für dich als Anleger:in heisst das: Zwei Fonds mit fast gleichem Namen können inhaltlich sehr verschieden sein. Der eine schliesst fossile Energien, Waffen und Tabak konsequent aus. Der andere berücksichtigt Nachhaltigkeitsdaten nur als einen von vielen Faktoren, ohne problematische Branchen vollständig auszuschliessen.

Wo Greenwashing beginnt

Von Greenwashing spricht man, wenn Nachhaltigkeit stärker behauptet als nachvollziehbar belegt wird. Die FINMA beschreibt in ihrem Greenwashing-Dossier das Grundproblem klar: Kund:innen dürfen nicht über Merkmale oder Ziele von Finanzprodukten getäuscht werden. Kritisch wird es also dann, wenn ein Fonds besonders grün beworben wird, die tatsächliche Anlagestrategie aber unklar, lückenhaft oder sehr weich formuliert ist.

Ein typisches Warnsignal sind Formulierungen wie «ESG wird berücksichtigt», ohne dass erklärt wird, wie das geschieht, welche Kriterien gelten und welche Titel ausgeschlossen werden. Ebenfalls heikel ist es, wenn Marketingunterlagen ehrgeizige Klimaversprechen machen, die offiziellen Fondsdokumente aber nur unverbindliche Absichtserklärungen enthalten.

«Nachhaltig» ist kein Qualitätsbeweis. Erst wenn du Methodik, Ausschlüsse und Portfolio prüfst, wird aus einem Versprechen eine überprüfbare Aussage.

Darum landen problematische Unternehmen trotzdem im Portfolio

Best-in-Class

Ein häufiger Grund ist der Best-in-Class-Ansatz. Dabei werden nicht zwingend ganze Branchen ausgeschlossen. Stattdessen werden innerhalb einer Branche jene Unternehmen bevorzugt, die im Vergleich zu ihren Konkurrenten bessere ESG-Werte haben. So kann es passieren, dass ein Öl- oder Bergbaukonzern im Fonds landet, weil er innerhalb seiner Branche als «relativ besser» gilt.

Das muss nicht automatisch falsch sein. Befürworter:innen argumentieren, dass so Wandel in emissionsintensiven Sektoren begleitet werden kann. Für viele private Anleger:innen fühlt sich das jedoch nicht stimmig an, wenn sie unter «nachhaltig» eigentlich eine klare Distanz zu fossilen Geschäftsmodellen verstehen. Darum ist es wichtig, den Ansatz vor dem Kauf zu kennen.

ESG-Integration ohne harte Ausschlüsse

Ein zweiter Grund ist die ESG-Integration. Dabei fliessen Umwelt-, Sozial- und Governance-Daten in die Finanzanalyse ein, meist neben klassischen Kennzahlen wie Gewinn, Verschuldung oder Marktrisiken. Das ist nützlich, weil Nachhaltigkeitsrisiken reale finanzielle Folgen haben können. ESG-Integration bedeutet aber nicht automatisch, dass problematische Unternehmen ausgeschlossen werden.

Ein Fonds kann also ESG-Risiken mitbewerten und trotzdem in Konzerne investieren, die in fossilen Energien tätig sind, kontroverse Lieferketten haben oder bei Menschenrechten in der Kritik stehen. Entscheidend ist, ob zusätzlich verbindliche Ausschlusskriterien gelten.

Unterschiedliche Daten und Ratings

Ein weiterer Grund liegt in den Daten selbst. Nachhaltigkeitsratings verschiedener Anbieter weichen teils deutlich voneinander ab. Die Forschung spricht hier von geringer Übereinstimmung zwischen ESG-Ratings. Gründe sind unterschiedliche Methoden, andere Gewichtungen und verschieden breite Datengrundlagen. Ein Unternehmen kann bei einem Anbieter relativ gut, bei einem anderen nur mittelmässig abschneiden.

Das ist für dich wichtig, weil ein Fonds oft mit guten ESG-Scores wirbt, diese Scores aber nicht objektiv und überall identisch sind. Wenn du nur auf ein Rating oder ein Label schaust, übersiehst du leicht, was im Portfolio tatsächlich enthalten ist.

So prüfst du einen nachhaltigen Fonds in 5 Schritten

Wenn du wissen willst, ob nachhaltige Fonds wirklich nachhaltig sind, hilft dir eine einfache Reihenfolge. Nimm dir dafür das Factsheet, den Prospekt, die Nachhaltigkeitsdokumentation und möglichst auch den letzten Bericht zur Stimmrechtsausübung oder zum Engagement vor.

  1. Anlageziel und Methodik lesen: Schau zuerst, was der Fonds genau verspricht. Geht es um ESG-Integration, Best-in-Class, Ausschlüsse, Klimaziele oder echte Wirkungsziele? Achte auf klare Formulierungen. «Berücksichtigung» ist schwächer als «verbindlicher Ausschluss» oder «messbares Ziel».
  2. Ausschlussliste prüfen: Gute Unterlagen nennen konkret, was ausgeschlossen wird, zum Beispiel Kohle, Öl und Gas, Tabak, kontroverse Waffen, schwere Verstösse gegen internationale Normen oder Kinderarbeit. Fehlen solche Listen, ist Vorsicht angebracht.
  3. Top-Positionen anschauen: Die grössten Positionen zeigen oft schnell, wie streng der Fonds wirklich ist. Wenn du dort Unternehmen findest, die klar nicht zu deinem Verständnis von Nachhaltigkeit passen, ist das ein starkes Signal.
  4. Engagement und Stimmrechte prüfen: Seriöse Anbieter erklären, wie sie mit Unternehmen in Dialog treten, welche Abstimmungen sie an Generalversammlungen unterstützen und was sie bei fehlendem Fortschritt tun. Reine Absichtserklärungen ohne Beispiele sind wenig aussagekräftig.
  5. Transparenz und Reporting bewerten: Ein glaubwürdiger Fonds berichtet regelmässig und nachvollziehbar über Methodik, Kennzahlen, Zielkonflikte und Änderungen im Portfolio. Je klarer und konkreter das Reporting, desto besser kannst du die Aussagen prüfen.

Eine einfache Merkhilfe lautet: Name, Note, Narrativ reichen nicht. Verlass dich also nicht nur auf den Fondsnamen, ein ESG-Rating oder schöne Werbesprache.

Woran du Greenwashing bei Fonds erkennen kannst

Greenwashing ist oft nicht laut, sondern vage. Achte besonders auf diese Muster: Der Fondsname wirkt deutlich grüner als die Unterlagen; Ausschlüsse fehlen oder betreffen nur sehr wenige Bereiche; die Methode bleibt unklar; grosse Portfolio-Positionen widersprechen dem Nachhaltigkeitsversprechen; Engagement wird behauptet, aber nicht belegt; Kennzahlen wirken beeindruckend, sind aber ohne Vergleich oder Methodik kaum einzuordnen. Je unpräziser die Aussagen, desto wichtiger ist dein kritischer Blick.

Was in der Schweiz wichtig ist

FINMA und Täuschungsverbot

In der Schweiz ist besonders relevant, dass die FINMA Greenwashing als Aufsichtsproblem einordnet, wenn Kund:innen über Eigenschaften von Finanzprodukten getäuscht oder irregeführt werden. Das bedeutet nicht, dass jeder fragwürdige Fonds automatisch verboten ist. Es bedeutet aber, dass Anbieter ihre Aussagen konsistent, nachvollziehbar und dokumentiert machen müssen. Für dich ist das hilfreich, weil du Werbeaussagen mit den offiziellen Dokumenten abgleichen kannst: Stimmen Anspruch und tatsächliche Strategie nicht überein, ist das ein ernstes Warnsignal.

AMAS-Selbstregulierung und Offenlegung

Zusätzlich ist in der Schweiz die Selbstregulierung der Asset Management Association Switzerland, kurz AMAS, wichtig. Sie verlangt für nachhaltig bezeichnete kollektive Kapitalanlagen klarere Angaben zur Nachhaltigkeitspolitik und zur Anlagestrategie. Zentral sind transparente Informationen dazu, welcher Nachhaltigkeitsansatz verwendet wird, wie dieser im Anlageprozess umgesetzt wird und wo Grenzen oder Zielkonflikte liegen.

Diese Offenlegung hilft dir vor allem praktisch: Wenn ein Fonds in der Schweiz vertrieben wird und sich nachhaltig nennt, solltest du entsprechende Angaben in den Unterlagen auch tatsächlich finden. Fehlen sie oder bleiben sie sehr oberflächlich, ist Skepsis angebracht.

Typische Leserfragen

«Kann ein nachhaltiger ETF trotzdem Öl- oder Rüstungstitel enthalten?»
Ja. Das kommt vor allem bei breiten ESG-Indizes vor, die nur leicht filtern oder mit Best-in-Class arbeiten. Ein ETF ist nicht automatisch strenger als ein aktiv gemanagter Fonds.

«Sind Impact-Fonds immer besser als ESG-Fonds?»
Nicht unbedingt. Impact-Fonds verfolgen meist konkretere Wirkungsziele, etwa in erneuerbaren Energien oder sozialer Infrastruktur. Aber auch hier musst du prüfen, wie Wirkung definiert, gemessen und berichtet wird. Ohne saubere Methodik bleibt auch Impact bloss ein Schlagwort.

«Genügen gute ESG-Ratings als Entscheidungshilfe?»
Nein. Ratings können ein Startpunkt sein, aber wegen methodischer Unterschiede nicht die einzige Grundlage. Wichtiger ist, ob der Fonds offenlegt, nach welchen Regeln investiert wird und welche Titel tatsächlich enthalten sind.

«Ist ein Fonds ohne fossile Energien automatisch nachhaltig?»
Ebenfalls nein. Ausschlüsse sind wichtig, aber nur ein Teil der Prüfung. Auch Themen wie Biodiversität, Menschenrechte, Lieferketten, Korruption, Stimmrechtsausübung und Transparenz zählen.

Fazit: Nicht die Etikette zählt, sondern die Methode

Woran Einsteiger:innen echte Qualität erkennen

Wenn du neu im Thema bist, musst du nicht jede Nachhaltigkeitsdebatte im Detail kennen. Für eine gute erste Einschätzung reichen oft wenige, aber klare Fragen: Was will der Fonds genau erreichen? Was schliesst er aus? Was hält er tatsächlich? Wie übt er Einfluss aus? Wie offen berichtet er darüber?

Nachhaltige Fonds können sinnvoll sein, aber nicht jedes ESG-Produkt ist automatisch grün. Gerade bei «nachhaltige Fonds wirklich nachhaltig» oder «nachhaltige ETFs wie grün» lautet die ehrliche Antwort: Manche ja, manche nur teilweise. Entscheidend ist, ob Anspruch, Methode und Portfolio zusammenpassen.

Wenn du dich an die 5-Schritte-Prüfung hältst, erkennst du schnell den Unterschied zwischen sauber dokumentierter Nachhaltigkeit und blossem Marketing. Das schützt nicht nur vor Enttäuschung, sondern hilft dir auch, Geld gezielter dort einzusetzen, wo es mit deinen Werten am ehesten übereinstimmt.

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