Ausschlüsse, Engagement, Stimmrechte: Welche Hebel wirklich zählen Theresa Keller Viele nachhaltige Fonds versprechen Wirkung – doch nicht jeder Hebel verändert Unternehmen gleich stark. Wenn du wissen willst, ob ein Fonds vor allem «sauber aussieht» oder tatsächlich Einfluss ausübt, lohnt sich der Blick hinter die Etikette. Entscheidend ist meist nicht ein einzelnes Kriterium, sondern wie Ausschlüsse, aktives Aktionärstum und transparente Berichterstattung zusammenspielen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nachhaltigkeit zeigt sich oft dort, wo ein Fonds wirklich abstimmt © Ljupco / Getty Images Die wichtigsten Hebel nachhaltiger Fonds im Überblick Nachhaltige Fonds nutzen heute meist mehrere Instrumente gleichzeitig. Im Kern geht es um die Frage, wie Kapitalallokation und Eigentumsrechte genutzt werden, um ökologische und soziale Verbesserungen anzustossen. Die wissenschaftliche Literatur unterscheidet dabei grob zwischen Auswahlmechanismen im Portfolio und Einflussmechanismen nach dem Kauf von Wertpapieren. Auswahlmechanismen umfassen etwa Ausschlüsse und positive Selektion. Einflussmechanismen sind vor allem Engagement und Stimmrechtsausübung. Hinzu kommen Themen- und Impact-Ansätze, die Kapital gezielt in Unternehmen oder Projekte mit messbarem Nachhaltigkeitsbeitrag lenken. Aktives Eigentum und nachvollziehbare Zielsetzung sind zentrale Elemente glaubwürdiger Nachhaltigkeitsstrategien. Für dich als Leser:in heisst das: Ein Fonds ist nicht automatisch wirksamer, nur weil er viele ESG-Filter nennt. Entscheidend ist,welche Hebel konkret eingesetzt werden, wie konsequent sie angewendet werden und ob Resultate offengelegt werden. Was Ausschlüsse leisten – und wo ihre Grenzen liegen Ausschlüsse sind der verständlichste Hebel. Ein Fonds kann etwa Kohle, kontroverse Waffen, Tabak oder schwere Verstösse gegen internationale Normen aus dem Anlageuniversum entfernen. Das ist für viele Anleger:innen intuitiv plausibel: Du willst dein Geld nicht in Geschäftsmodelle lenken, die deinen Werten klar widersprechen. Ausschlüsse können durchaus sinnvoll sein. Sie setzen klare rote Linien, senken Reputationsrisiken und machen ein Produkt für Anleger:innen transparent. Besonders bei Bereichen mit breitem gesellschaftlichem Konsens – etwa geächteten Waffen – sind Ausschlüsse oft der glaubwürdigste Mindeststandard. Forschung zu nachhaltigem Investieren zeigt zudem, dass normbasierte und sektorale Ausschlüsse die Portfoliokonstruktion sichtbar prägen können, auch wenn ihre direkte Realwirtschaftswirkung schwieriger zu belegen ist. Genau hier liegt aber die wichtigste Grenze: Ein Ausschluss verändert ein Unternehmen nicht automatisch. Wenn ein Fonds eine Aktie verkauft oder gar nicht erst kauft, geht das Wertpapier an andere Investor:innen über. Solange genügend Kapitalmarktteilnehmende bereit sind, das Unternehmen zu finanzieren, bleibt der unmittelbare Druck häufig begrenzt. Ausschlüsse werden deshalb häufig überschätzt, wenn sie als alleiniger Wirkungsnachweis präsentiert werden. Sie sind vor allem ein ethischer Filter und ein wichtiges Risikoinstrument – aber nicht automatisch ein transformativer Hebel. Warum Engagement wichtig ist Unter Engagement versteht man den strukturierten Dialog mit Unternehmen. Fondsanbieter oder beauftragte Stewardship-Teams sprechen mit Verwaltungsrat und Management über konkrete Themen wie Emissionsziele, Entwaldung, Lieferketten, Arbeitsstandards, Lobbying oder Vergütungssysteme. Gute Engagement-Prozesse sind nicht unverbindlich, sondern folgen einer klaren Logik: Thema definieren, Ziele setzen, Fortschritt messen, bei ausbleibender Reaktion eskalieren. Aus wissenschaftlicher Sicht ist Engagement einer der plausibelsten Hebel, weil Investor:innen hier ihre Eigentümerrolle aktiv nutzen. Zielgerichtetes, langfristiges und kollaboratives Engagement können wirksamer sein als eine allgemeine Gesprächsbereitschaft ohne Konsequenzen. Für dich ist wichtig: Nicht jedes «Wir stehen im Dialog» bedeutet echten Einfluss. Viele Fonds erwähnen Gespräche, ohne zu sagen, worum es konkret ging oder was sich dadurch verändert hat. Echte Qualität erkennst du eher an folgenden Merkmalen: Klare Themenwahl: Der Fonds nennt prioritäre Nachhaltigkeitsrisiken und erklärt, warum genau diese adressiert werden. Messbare Ziele: Zum Beispiel eine bessere Offenlegung von Klimarisiken, wissenschaftsbasierte Klimaziele oder strengere Lieferkettenkontrollen. Zeitplan und Eskalation: Wenn Unternehmen nicht reagieren, folgen Gegenstimmen an Generalversammlungen, gemeinsame Initiativen mit anderen Investor:innen oder im Extremfall ein Verkauf. Berichtete Resultate: Nicht nur Anzahl Gespräche, sondern konkrete Fortschritte, Rückschläge und offene Fälle. Engagement ist allerdings kein Wundermittel. Es braucht Zeit, Fachwissen und Beharrlichkeit. Bei Unternehmen mit strukturell problematischen Geschäftsmodellen kann auch intensiver Dialog an Grenzen stossen. Gerade deshalb ist die Kombination mit klaren Ausschlusskriterien oft sinnvoll. Woran du echte Stimmrechtsausübung erkennst Stimmrechte nachhaltiger Fonds sind ein zentraler, aber häufig unterschätzter Hebel. Wer Aktien hält, kann an Generalversammlungen über Verwaltungsrat, Vergütung, Klimaberichte, Aktionärsanträge und weitere Governance-Themen abstimmen. Das klingt technisch, ist aber praktisch sehr wichtig: Über Abstimmungen lässt sich Druck ausüben, wenn Worte allein nicht reichen. Die Wirksamkeit hängt stark davon ab, ob ein Fonds überhaupt aktiv abstimmt und wie transparent er das tut. Laut ESMA und auch nach den Erwartungen des Schweizerischen Vereins für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen SVVK-ASIR ist Transparenz über Abstimmungsverhalten ein zentrales Qualitätsmerkmal von Stewardship. Wenn ein Anbieter lediglich sagt, er «nimmt Stimmrechte wahr», ohne Abstimmungsdetails offenzulegen, bleibt offen, wie konsequent er tatsächlich handelt. Besonders aussagekräftig ist, wenn ein Fondsanbieter eine öffentliche Voting Policy hat und später offenlegt, wann er gegen das Management gestimmt hat. Gegenstimmen sind kein Selbstzweck, aber sie zeigen, dass Stimmrechte nicht bloss formal ausgeübt werden. Relevant sind etwa Gegenstimmen bei ungenügenden Klimastrategien, bei mangelhafter Unabhängigkeit des Verwaltungsrats oder bei Vergütungssystemen, die Nachhaltigkeitsrisiken ignorieren. Achte auf vier Fragen: Gibt es eine nachvollziehbare Abstimmungspolitik? Werden Abstimmungsresultate auf Einzeltitelebene veröffentlicht? Kommt es tatsächlich zu Gegenstimmen oder Enthaltungen bei kritischen Themen? Und folgt auf problematische Abstimmungen ein weiterer Dialog mit dem Unternehmen? Erst diese Verbindung aus Policy, Entscheidung und Nachverfolgung macht Stimmrechtsausübung glaubwürdig. Wie du Stewardship-Berichte liest Stewardship-Berichte wirken oft umfangreich und technisch. Mit ein paar Leitfragen kannst du sie dennoch gut einschätzen. Ziel ist nicht, jedes Detail zu prüfen, sondern zu erkennen, ob ein Fondsanbieter substanziell arbeitet oder vor allem allgemein formuliert. Ein guter Bericht erklärt zuerst den Rahmen: Welche Themen sind prioritär, wie werden Unternehmen ausgewählt, wer führt den Dialog, und wie wird entschieden, wann eskaliert wird? Danach sollten konkrete Fallbeispiele folgen. Die OECD empfiehlt in ihren Leitlinien ausdrücklich, dass institutionelle Anleger ihre Sorgfaltsprozesse, Prioritäten und Reaktionen auf festgestellte Risiken transparent machen. Besonders hilfreich ist, wenn Berichte nicht nur Erfolge nennen, sondern auch Grenzen. Wenn ein Unternehmen Zusagen nicht einhält, sollte das sichtbar werden. Das erhöht die Glaubwürdigkeit mehr als reine Erfolgsrhetorik. Du kannst beim Lesen auf diese Punkte achten: Sind die Ziele konkret? «Verbesserung des Dialogs» ist schwach. «Einführung eines Entwaldungsmonitorings bis Ende Jahr» ist prüfbar. Gibt es Outcome statt nur Output? Viele Berichte nennen die Zahl der Gespräche. Aussagekräftiger sind veränderte Unternehmensrichtlinien, neue Ziele oder personelle Konsequenzen. Wird Eskalation beschrieben? Ein glaubwürdiger Bericht zeigt, was passiert, wenn ein Unternehmen nicht kooperiert. Sind Abstimmungsdaten sichtbar? Ohne Voting-Daten bleibt unklar, ob der Fonds seine Eigentümerrechte tatsächlich nutzt. Ist die Berichterstattung konsistent? Wenn starke Nachhaltigkeitsversprechen gemacht werden, aber kaum konkrete Fälle dokumentiert sind, ist Vorsicht angebracht. Welche Kombination oft am glaubwürdigsten ist In der Praxis ist selten ein einzelner Hebel entscheidend. Am glaubwürdigsten wirkt meist eine Kombination aus Mindeststandards, aktivem Eigentum und transparenter Rechenschaft. Ausschlüsse definieren Grenzen. Engagement schafft Einflussmöglichkeiten. Stimmrechte setzen Forderungen durch. Reporting macht all das überprüfbar. Für dich als Anleger:in heisst das: Ein Fonds ist oft dann besonders plausibel, wenn er problematische Bereiche klar ausschliesst, bei verbleibenden Beteiligungen aktiv Einfluss nimmt und dir nachvollziehbar zeigt, was daraus geworden ist. Misstrauisch solltest du werden, wenn ein Produkt vor allem mit Schlagworten arbeitet, aber weder Abstimmungsdaten noch belastbare Engagement-Ergebnisse offenlegt. Was du konkret prüfen kannst, bevor du investierst Wenn du nachhaltige Fonds vergleichst, musst du kein:e Spezialist:in sein. Schon wenige Dokumente geben oft ein überraschend klares Bild: Verkaufsprospekt, Nachhaltigkeitskonzept, Stewardship-Bericht und Voting-Report. Prüfe zuerst, ob der Fonds nur Nachhaltigkeitsrisiken integriert oder ob er ausdrücklich nachhaltige Ziele verfolgt. Danach lohnt sich der Blick auf die Umsetzung. Eine einfache Faustregel lautet: Je konkreter und überprüfbarer die Aussagen, desto glaubwürdiger die Strategie. «Wir berücksichtigen ESG-Faktoren» sagt fast nichts. «Wir schliessen Kohle ab 5 Prozent Umsatz aus, stimmen gegen ungenügende Klimapläne und berichten alle Abstimmungen quartalsweise» ist deutlich aussagekräftiger. Wenn dir Wirkung wichtig ist, frage dich am Ende nicht nur «Was ist ausgeschlossen?», sondern vor allem: «Wo und wie wird Einfluss ausgeübt?» Genau dort trennt sich nachhaltige Kommunikation von nachhaltiger Praxis.