Nachhaltige ETFs einfach erklärt: So funktionieren ESG-ETFs in der Schweiz Theresa Keller Viele Menschen möchten ihr Geld anlegen, ohne problematische Geschäftsmodelle unnötig zu fördern. Genau hier tauchen nachhaltige ETFs auf – oft mit Begriffen wie «ESG», «SRI» oder «Climate», die schnell technisch und unübersichtlich wirken. Dieser Artikel zeigt dir einfach und fundiert, was du mit einem nachhaltigen ETF tatsächlich kaufst, wie du Greenwashing besser erkennst und worauf du in der Schweiz besonders achten solltest. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nachhaltige ETFs sind für viele der einfachste Einstieg in nachhaltiges Investieren © NicoElNino / Getty Images Was ist ein nachhaltiger ETF? Definition & Abgrenzung Ein ETF ist ein börsengehandelter Fonds, der in der Regel einen Index nachbildet. Statt dass ein Fondsmanagement laufend einzelne Aktien auswählt, folgt der ETF einem vorher festgelegten Regelwerk. Das nennt man passives Investieren. Kaufst du einen ETF auf einen Weltindex, hältst du damit nicht eine einzelne Firma, sondern meist Anteile an vielen Unternehmen gleichzeitig. Ein nachhaltiger ETF funktioniert technisch gleich wie ein gewöhnlicher ETF. Der Unterschied liegt im Index, den er abbildet. Dieser Index schliesst zum Beispiel bestimmte Branchen aus, gewichtet Firmen nach ESG-Kriterien oder verfolgt einen Klimapfad. «ESG» steht für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. «SRI» wird meist strenger verwendet und arbeitet oft mit zusätzlichen Ausschlüssen. «Climate»- oder Paris-aligned-ETFs orientieren sich an definierten Klimazielen. Wichtig ist die Abgrenzung: Ein ETF ist nicht automatisch nachhaltig, nur weil im Namen «ESG» steht. Und ein nachhaltiger ETF ist nicht dasselbe wie ein Fonds mit direkter Wirkung vor Ort, etwa ein Mikrofinanz- oder Impact-Produkt. Nachhaltiges Investieren hat verschiedene Ansätze – von Ausschlüssen bis zu Stewardship und Impact. Ein ESG-ETF liegt meist im Bereich systematischer Auswahlregeln, nicht bei gezielter Projektfinanzierung. Was du also kaufst, ist in erster Linie ein regelbasiertes Aktien- oder Obligationenportfolio. Die Nachhaltigkeit ergibt sich nicht aus dem ETF-Mantel selbst, sondern aus den Kriterien des zugrunde liegenden Index. Was macht einen ETF «nachhaltig» – und was nicht? Definition & Abgrenzung Nachhaltigkeit im ETF bedeutet meist, dass der Index nach bestimmten Kriterien gefiltert oder umgebaut wurde. Die häufigsten Bausteine sind Ausschlüsse, Best-in-Class-Ansätze, Klimaziele und teilweise Engagement. Nach der AMAS-Selbstregulierung, 2023, müssen nachhaltigkeitsbezogene Merkmale und Ziele eines Fonds nachvollziehbar beschrieben werden. Das ist wichtig, weil Produkte sonst nachhaltiger wirken können, als sie methodisch tatsächlich sind. Ausschlüsse streichen bestimmte Tätigkeiten oder Firmen, etwa kontroverse Waffen, Tabak, Kohle oder schwere Verstösse gegen internationale Normen. Best-in-Class bedeutet, dass innerhalb einer Branche eher jene Unternehmen übrig bleiben, die im Vergleich zu direkten Konkurrenten bessere ESG-Werte haben. Das kann sinnvoll sein, führt aber auch dazu, dass ein Öl- oder Bergbaukonzern dennoch im Index bleibt, wenn er innerhalb seiner Branche «relativ besser» bewertet wird. Klimapfade gehen einen Schritt weiter. Bei Climate- oder Paris-aligned-Indizes wird das Portfolio so konstruiert, dass die Treibhausgasintensität sinkt und zusätzliche Dekarbonisierungsvorgaben eingehalten werden. Das ist methodisch oft klarer als ein allgemeines ESG-Label. Gleichzeitig bleibt auch hier ein Börsenprodukt ein Börsenprodukt: Du kaufst Anteile am Sekundärmarkt. Der direkte Einfluss auf die reale Wirtschaft entsteht eher indirekt – etwa über Kapitalkosten, Stimmrechtsausübung oder Signale an Emittenten. Engagement meint, dass Vermögensverwalter mit Unternehmen in Dialog treten und Stimmrechte nutzen. Bei ETFs ist das möglich, aber nicht jeder Anbieter setzt dies gleich aktiv um. Gerade deshalb gilt: «Nachhaltig vermarktet» heisst nicht automatisch «wirkungsstark». Die FINMA hat 2024 in ihrer Mitteilung zu Greenwashing-Risiken betont, dass Bezeichnungen und Dokumentation kohärent sein müssen und dass unklare Nachhaltigkeitsversprechen problematisch sind. Grenzen & Risiken Ein häufiger Irrtum ist, dass nachhaltige ETFs nur aus «guten» Unternehmen bestehen. In der Praxis enthalten viele Produkte weiterhin grosse Technologiekonzerne, Banken, Industrieunternehmen oder auch Firmen mit umstrittenen Lieferketten. Der Grund ist einfach: Nachhaltigkeit wird je nach Indexanbieter unterschiedlich gemessen. Zwei ESG-Indizes mit ähnlichem Namen können sich deutlich unterscheiden. Ebenso wichtig: Wenn du einen nachhaltigen ETF kaufst, fliessen deine Mittel im Normalfall nicht direkt in neue Solaranlagen oder Naturschutzprojekte. Du kaufst in der Regel bereits existierende Wertpapiere an der Börse. Das kann dennoch sinnvoll sein, aber es ist etwas anderes als direkte Wirkung im engeren Sinn. Welche Arten nachhaltiger ETFs gibt es? Definition & Abgrenzung Für Einsteiger:innen ist die Unterscheidung der Produktarten besonders hilfreich. In der Schweiz findest du an der SIX und über internationale Broker vor allem vier Gruppen. Breite ESG-Welt-ETFs: Sie basieren oft auf globalen Standardindizes und nehmen einige ESG-Anpassungen vor. Vorteil: breite Streuung und meist einfache Handhabung. Nachteil: oft nur moderate Nachhaltigkeitsfilter. SRI-ETFs: Diese Produkte sind meist strenger und nutzen zusätzliche Ausschlüsse oder ambitioniertere ESG-Screens. Vorteil: klarere Abgrenzung. Nachteil: stärkere Abweichung vom breiten Markt und teils kleinere Diversifikation. Klima- oder Paris-Aligned-ETFs: Sie richten sich stärker an Emissionsdaten und Dekarbonisierungspfaden aus. Vorteil: Klimafokus ist oft transparenter. Nachteil: andere Nachhaltigkeitsdimensionen wie Arbeitsrechte oder Steuertransparenz können weniger stark gewichtet sein. Themen-ETFs: Sie investieren etwa in Wasser, Kreislaufwirtschaft, erneuerbare Energien oder Clean Tech. Vorteil: klar verständliches Thema. Nachteil: oft höhere Konzentration, mehr Schwankung und weniger Eignung als alleinige Basisanlage. Wenn du langfristig breit investieren willst, sind breite ESG-, SRI- oder Climate-Welt-ETFs meist verständlicher als stark fokussierte Themenprodukte. Themen-ETFs können spannend sein, ersetzen aber selten ein breit gestreutes Kernportfolio. Welche Vorteile haben nachhaltige ETFs? Chancen & Nutzen Der grösste Vorteil ist oft die Kombination aus Einfachheit, Streuung und Kostenkontrolle. Mit einem einzigen ETF kannst du in Hunderte oder Tausende Titel investieren. Das senkt das Risiko gegenüber Einzelaktien. Gleichzeitig sind ETFs meist günstiger als aktiv verwaltete Fonds, weil sie einen Index regelbasiert nachbilden. Für viele Anleger:innen ist ausserdem wichtig, dass nachhaltige ETFs die persönliche Geldanlage besser mit eigenen Werten verbinden. Das ersetzt keine perfekte Lösung, kann aber ein pragmatischer Schritt sein: Du musst nicht jede einzelne Aktie selbst prüfen, sondern kannst mit einem klaren Mindeststandard starten. Ein weiterer Vorteil ist die Transparenz. Seriöse Anbieter veröffentlichen Indexmethodik, Fondsdokumente, Positionen und Nachhaltigkeitsberichte. Über Swiss Fund Data und die Anbieterunterlagen kannst du in der Schweiz oft rasch nachvollziehen, welcher Index verwendet wird, wie hoch die Kosten sind und welche Ausschlüsse gelten. Wo liegen die Grenzen? Grenzen & Risiken Nachhaltige ETFs sind keine magische Abkürzung. Erstens bleiben sie indexabhängig. Wenn die Indexmethodik lückenhaft ist, übernimmt der ETF diese Schwäche. Zweitens ist die Einflussnahme begrenzt: Ein ETF hält das, was der Index vorgibt. Er kann nicht frei aus allen Unternehmen nur die aus Sicht vieler Anleger:innen «besten» auswählen. Drittens arbeiten ESG-Ratings mit Daten, Schätzungen und unterschiedlichen Definitionen. Ob ein Unternehmen als nachhaltig gilt, hängt deshalb oft von der Methodik ab. Das ist kein Detail, sondern zentral. Viertens kannst du auch in nachhaltigen ETFs auf problematische Titel stossen. Das liegt nicht zwingend an einem Fehler, sondern an der Konstruktion: Ein ETF kann Kohle ausschliessen, aber in grosse Technologiefirmen mit hohem Energieverbrauch investiert sein. Oder ein Climate-ETF reduziert CO₂-Intensität, enthält aber Unternehmen mit sozialen Kontroversen. Nachhaltigkeit ist mehrdimensional – Klima allein ist nicht das ganze Bild. Schliesslich gilt wie bei allen Börsenanlagen: Es gibt Marktrisiken, Währungsrisiken und Kursschwankungen. Nachhaltig bedeutet nicht automatisch risikoarm. Worauf du in der Schweiz achten solltest So prüfst du das Produkt In der Schweiz lohnt es sich, nicht nur auf den Produktnamen zu schauen, sondern auf die Dokumente und den Handelskontext. Viele ETFs sind an der SIX kotiert, andere kaufst du über internationale Handelsplätze. Entscheidend ist nicht primär, wo du kaufst, sondern welchen Fonds und welchen Index du kaufst. Achte zuerst auf das KID beziehungsweise KIID, den Prospekt und die Indexmethodik. Dort steht, ob es sich um Ausschlüsse, ESG-Optimierung, SRI-Selektion oder einen Paris-aligned-Ansatz handelt. Ebenso relevant sind Domizil und Fondswährung. Das Domizil betrifft unter anderem die rechtliche Struktur und kann für Steuerthemen relevant sein. Die Fondswährung ist aber nicht dasselbe wie dein eigentliches Währungsrisiko: Dieses hängt vor allem davon ab, in welchen Ländern und Währungen die enthaltenen Unternehmen wirtschaftlich tätig sind. Ein kurzer Steuerhinweis reicht für den Einstieg: Steuerfragen sind wichtig, aber sie machen einen ETF nicht nachhaltiger oder weniger nachhaltig. Wenn du unsicher bist, kann eine unabhängige Fachperson für Schweizer Steuer- oder Vorsorgefragen sinnvoll sein. Für die Nachhaltigkeitsprüfung sind zuerst Index, Methodik und Portfolio entscheidend. Nützlich sind in der Schweiz besonders die Unterlagen von Swiss Fund Data, die Informationen der Fondsanbieter selbst sowie die regulatorische Einordnung durch FINMA und die Standards der AMAS. Swiss Sustainable Finance, 2024, bietet zudem gute Orientierung dazu, welche nachhaltigen Anlagestrategien sich begrifflich unterscheiden und worauf Anleger:innen achten sollten. Checkliste: So prüfst du einen nachhaltigen ETF So prüfst du das Produkt Wenn du wenig Zeit hast, hilft dir eine kurze, konsequente Prüfung. Sie schützt nicht vor allen Fehlentscheiden, aber vor vielen Missverständnissen. Indexname lesen: Steht dort nur «ESG Screened», «SRI», «Climate», «Paris Aligned» oder «Net Zero»? Der Name gibt einen ersten Hinweis auf die Strenge der Methode. Ausschlüsse prüfen: Sind kontroverse Waffen, Tabak, Kohle, Öl und Gas, schwere Normverstösse oder andere sensible Bereiche ausgeschlossen – und wie strikt? Methodik verstehen: Arbeitet der Index mit Best-in-Class, Optimierung oder klaren Mindestschwellen? Gibt es messbare Klimaziele oder nur allgemeine ESG-Claims? TER und Fondsgrösse anschauen: Niedrige Kosten sind positiv, aber extrem tiefe Kosten nützen wenig, wenn die Nachhaltigkeitsmethode nicht zu deinen Ansprüchen passt. Top-Positionen kontrollieren: Wenn dich die zehn grössten Beteiligungen überraschen, ist das ein Signal, genauer hinzusehen. Dokumente öffnen: KID/KIID, Prospekt, Factsheet und Indexmethodik sind wichtiger als die Werbeseite. Reporting prüfen: Gibt es Berichte zu CO₂-Fussabdruck, Ausschlüssen, Kontroversen oder Stimmrechtsausübung? Wenn nicht, ist Vorsicht angebracht. Typische Fragen von Leser:innen Definition & Abgrenzung «ESG-ETF – was ist das einfach erklärt?» Ein ESG-ETF ist ein börsengehandelter Fonds, der einen Index mit Nachhaltigkeitsregeln nachbildet. Du kaufst also einen Korb von Wertpapieren, der nach ESG-Kriterien gefiltert oder gewichtet wurde. «Sind nachhaltige ETFs in der Schweiz wirklich nachhaltig?» Manche sind sorgfältig konstruiert, andere eher oberflächlich. Entscheidend sind nicht Marketingbegriffe, sondern Indexregeln, Ausschlüsse, Transparenz und Reporting. Genau hier helfen FINMA, 2024, AMAS, 2023, und die Einordnungen von Swiss Sustainable Finance, 2024. «Ist SRI besser als ESG?» Nicht automatisch. SRI ist oft strenger, aber nicht zwingend passender für jedes Ziel. Wenn dir Klimaschutz besonders wichtig ist, kann ein Paris-aligned-ETF trotz weniger strenger sozialer Kriterien besser passen als ein allgemeiner ESG-ETF. «Sind Themen-ETFs nachhaltiger?» Sie sind thematischer, aber nicht immer nachhaltiger im Gesamtsinn. Ein ETF auf saubere Energie kann stark schwanken, konzentriert sein und trotzdem Firmen mit Governance- oder Lieferkettenproblemen enthalten. Fazit: Nachhaltige ETFs sind ein Werkzeug – kein Gütesiegel Nachhaltige ETFs können für viele Menschen ein sinnvoller Einstieg sein: Sie sind günstig, breit gestreut und relativ einfach zugänglich. Gleichzeitig solltest du sie nicht mit einer perfekten oder automatisch wirksamen Lösung verwechseln. Ein nachhaltiger ETF ist immer nur so glaubwürdig wie sein Index, seine Datenbasis und die Transparenz des Anbieters. Wenn du nachhaltige ETFs in der Schweiz beurteilen willst, reicht oft ein einfacher Grundsatz: Lies weniger Werbung und mehr Methodik. Prüfe den Indexnamen, die Ausschlüsse, die Top-Positionen und die Berichte. So erkennst du schneller, ob ein Produkt zu deinen Werten passt – oder nur nachhaltig klingt.