Welche nachhaltigen Anlagewege gibt es in der Schweiz? Theresa Keller Nachhaltig anlegen klingt für viele sinnvoll – und gleichzeitig etwas unübersichtlich. Zwischen ETFs, Fonds, Banklösungen und Vorsorgeprodukten ist oft nicht klar, was sich wirklich unterscheidet und welcher Weg zu den eigenen Zielen passt. Wenn du in der Schweiz nachhaltig investieren möchtest, hilft dir dieser Überblick, die wichtigsten Wege einzuordnen: nach Kosten, Aufwand, Einfluss und Nachhaltigkeitsanspruch. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nachhaltig investieren beginnt mit dem richtigen Anlageweg. © Andrzej Rostek / Getty Images Wichtig vorweg: Nachhaltige Anlagen sind kein einheitliches Produkt, sondern ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Ansätze. Laut dem Swiss Sustainable Investment Market Study 2024 von Swiss Sustainable Finance ist der Schweizer Markt stark gewachsen, gleichzeitig aber in den Methoden sehr heterogen. «Nachhaltig» kann zum Beispiel bedeuten, problematische Branchen auszuschliessen, Unternehmen mit guten ESG-Werten zu bevorzugen, gezielt in Themen wie erneuerbare Energien zu investieren oder mit Unternehmen über Stimmrechte und Dialog Einfluss zu nehmen. Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur auf den Namen eines Produkts zu schauen, sondern auf die konkrete Methode dahinter. Auch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA betont in ihrer Aufsichtskommunikation zu Greenwashing, dass Bezeichnungen rund um Nachhaltigkeit für Kund:innen verständlich und nachvollziehbar sein müssen. Für dich als Anleger:in heisst das: Nicht jedes «grüne» Produkt erfüllt automatisch einen hohen Nachhaltigkeitsanspruch. Welche Wege stehen Schweizer Anleger:innen offen? 1. Nachhaltige ETFs und Indexfonds Nachhaltige ETFs und Indexfonds gehören in der Schweiz zu den zugänglichsten Wegen, wenn du breit gestreut und vergleichsweise kostengünstig investieren willst. Sie bilden einen Nachhaltigkeitsindex nach. Dieser Index kann sehr unterschiedlich konstruiert sein: Manche schliessen nur wenige Branchen wie Kohle, Waffen oder Tabak aus, andere setzen strengere ESG-Kriterien ein oder verfolgen Paris-aligned- beziehungsweise Climate-Transition-Ziele. Der grosse Vorteil liegt in der breiten Diversifikation und in meist tiefen laufenden Kosten. Du kannst über viele Schweizer Banken, digitale Broker oder Anlage-Apps schon mit kleinen Beträgen starten. Der Nachteil: Du übernimmst den Index, wie er ist. Wenn der zugrunde liegende Nachhaltigkeitsfilter eher locker ist, investierst du unter Umständen trotzdem in grosse Konzerne, die zwar relativ besser bewertet sind, aber aus Sicht mancher Anleger:innen nicht wirklich nachhaltig wirken. Besonders wichtig ist hier der Blick auf die Methodik. Swiss Sustainable Finance zeigt in seiner Marktstudie 2024, dass ESG-Integration, Ausschlüsse, Stewardship und Impact Investing klar voneinander getrennt werden müssen. Ein ETF mit ESG-Screening ist deshalb nicht dasselbe wie ein Produkt mit messbarer Wirkungsabsicht. 2. Aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds Aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds wählen Titel nicht bloss nach einem festen Index aus, sondern durch ein Fondsmanagement. Das Team kann Unternehmen gezielt ausschliessen, Nachhaltigkeitsanalysen vertiefen oder Firmen bevorzugen, die glaubwürdige Transformationspfade verfolgen. Teilweise kommen auch thematische Strategien zum Einsatz, etwa Kreislaufwirtschaft, Wasser, Energieeffizienz oder soziale Infrastruktur. Das kann sinnvoll sein, wenn dir eine differenziertere Nachhaltigkeitsprüfung wichtig ist. Gute aktive Fonds legen offen, wie sie ESG-Daten prüfen, mit Unternehmen in den Dialog treten und abstimmen. Laut der ESMA-Leitlinie zu Fondsnamen mit ESG- oder nachhaltigkeitsbezogenen Begriffen aus dem Jahr 2024 steigt regulatorisch der Druck, dass Produktnamen und tatsächliche Anlagestrategie besser zusammenpassen. Das ist für Anleger:innen positiv, ersetzt aber nicht die eigene Prüfung. Der Haken liegt meist in den Kosten. Aktiv gemanagte nachhaltige Fonds sind im Durchschnitt teurer als ETFs. Höhere Kosten sind nicht automatisch schlecht, aber sie sollten durch klare Qualität im Auswahlprozess, Transparenz und ein schlüssiges Nachhaltigkeitskonzept gerechtfertigt sein. 3. Banklösungen, Vermögensverwaltung und Robo-Advisor Wenn du nicht selbst Fonds auswählen möchtest, findest du in der Schweiz viele Mandatslösungen: klassische Vermögensverwaltung bei Banken, digitale Vermögensverwaltung oder Robo-Advisor mit Nachhaltigkeitsprofil. Du beantwortest Fragen zu Risiko, Zeithorizont und teils zu deinen Nachhaltigkeitspräferenzen, danach wird ein Portfolio für dich zusammengestellt und laufend verwaltet. Das ist oft der einfachste Einstieg, besonders wenn du dich nicht laufend mit Rebalancing, Produktauswahl oder Steuerfragen beschäftigen möchtest. Der Preis für den Komfort ist, dass du zusätzlich zur Produktkostenebene oft Verwaltungsgebühren zahlst. Zudem ist die Nachhaltigkeitsqualität stark vom Anbieter abhängig. Manche Lösungen arbeiten mit relativ standardisierten ESG-Filtern, andere bieten detaillierte Ausschlüsse, Klimakriterien oder Stimmrechtsausübung. FINMA weist in ihrem Greenwashing-Fokus darauf hin, dass Institute verständlich erklären müssen, was unter Nachhaltigkeit konkret verstanden wird. Für dich bedeutet das: Frage nach, welche Kriterien verbindlich gelten und welche nur als Orientierung dienen. 4. Säule 3a und Vorsorgelösungen Für viele Menschen in der Schweiz ist die Säule 3a der praktischste Startpunkt, um nachhaltig zu investieren. Digitale 3a-Anbieter und Banken bieten heute Portfolios an, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen und gleichzeitig steuerliche Vorteile der gebundenen Vorsorge nutzen. Das ist besonders attraktiv, wenn du ohnehin fürs Alter vorsorgen willst und noch keinen 3a-Beitrag ausschöpfst. Der Unterschied zu einem normalen Wertschriftendepot: Das Geld ist grundsätzlich bis zu bestimmten gesetzlichen Ausnahmen gebunden. Dafür profitierst du von Steuerabzug und oft von einem strukturierten, disziplinierten Aufbau. Auch hier gilt: «Nachhaltige 3a» ist kein geschützter Qualitätsbegriff. Manche Lösungen nutzen breite ESG-Indizes, andere strengere Ausschlüsse oder aktive Ansätze. Wenn dir Klimawirkung, Ausschluss fossiler Energien oder soziale Standards besonders wichtig sind, solltest du die Produktunterlagen genauer lesen. Typische Zugänge für nachhaltige Anlagen in der Schweiz In der Schweiz kommst du meist über vier Wege zu nachhaltigen Anlagen: über deine Bank mit Fonds oder Vermögensverwaltung, über einen Broker für den eigenständigen Kauf von ETFs und Fonds, über eine Vorsorge-App oder digitale Anlagelösung mit Nachhaltigkeitsprofil sowie über die Säule 3a mit nachhaltigen Wertschriftenportfolios. Welcher Zugang passt, hängt weniger von Marketingbegriffen ab als von drei Fragen: Wie viel willst du selbst entscheiden? Wie tief willst du einsteigen? Und wie wichtig ist dir ein besonders strenger Nachhaltigkeitsfilter? Wie unterscheiden sich die Wege bei Kosten, Einfluss und Aufwand? Anlageweg Mindestwissen Kostenlogik Nachhaltigkeitsprüfung Für wen geeignet Nachhaltige ETFs / Indexfonds Niedrig bis mittel Meist tiefe laufende Produktkosten, ggf. Depot- und Handelskosten Abhängig vom Index; oft standardisiert, teils eher breit als streng Preisbewusste Selbstentscheider:innen Aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds Mittel Höhere laufende Gebühren, teils Ausgabe- oder Plattformkosten Oft vertiefter Auswahlprozess, aber stark anbieterabhängig Anleger:innen mit Wunsch nach differenzierter Selektion Banklösung / Vermögensverwaltung / Robo-Advisor Niedrig Produktkosten plus Verwaltungsgebühren Je nach Anbieter von Basis-ESG bis umfassender Nachhaltigkeitsstrategie Komfortorientierte Personen mit wenig Zeit Säule 3a nachhaltig Niedrig Produkt- und ggf. Verwaltungsgebühren, dazu Steuervorteil Sehr unterschiedlich; oft indexnah, teils aktiver Ansatz Vorsorgeorientierte Einsteiger:innen Was günstig ist Wenn du vor allem auf tiefe Kosten achtest, sind nachhaltige ETFs und indexnahe 3a-Lösungen häufig vorne. Kosten sind langfristig wichtig, weil sie deine Nettorendite direkt mindern. Ein kleiner Gebührenunterschied wirkt über viele Jahre deutlich. Aber günstig ist nicht automatisch besser, wenn dir der Nachhaltigkeitsanspruch zu oberflächlich erscheint. Achte deshalb auf die gesamte Kostenlogik: Produktgebühren, Depotkosten, Transaktionskosten, Währungsgebühren und bei Vermögensverwaltungen die All-in-Fee. Gerade bei digitalen Angeboten wirkt der Preis zunächst tief, kann aber je nach Produktmix oder Fremdwährungseffekten höher ausfallen als erwartet. Was einfacher ist Am einfachsten sind meist Robo-Advisor, Bankmandate und 3a-Lösungen. Du musst weniger selbst entscheiden, bekommst eine Risikoeinordnung und oft automatische Wiederanlage oder Rebalancing. Das reduziert Fehler, die in der Verhaltensforschung gut dokumentiert sind: Anleger:innen handeln häufig zu emotional, steigen nach Kursverlusten aus oder wechseln ihre Strategie zu oft. Gerade für Einsteiger:innen ist Einfachheit kein Nachteil, sondern oft ein Schutz vor Fehlentscheidungen. Ein gutes Produkt ist nicht das mit den meisten Auswahlmöglichkeiten, sondern das, das du langfristig durchhalten kannst. Wo der Nachhaltigkeitsanspruch oft höher oder tiefer ausfällt Hier lohnt sich differenziertes Hinschauen. ETF-Lösungen sind oft breit und transparent, aber der Nachhaltigkeitsfilter kann relativ mild sein. Aktive Fonds können strenger prüfen und stärker engagiert abstimmen, sind aber nicht automatisch glaubwürdiger. Bank- und Robo-Lösungen können sehr solide sein, wenn sie klare Ausschlüsse, Klimadaten und Stewardship offenlegen – oder eben eher marketingnah bleiben. Laut FINMA und ESMA ist Greenwashing gerade dort ein Risiko, wo Begriffe gross klingen, die Methode aber unklar bleibt. Wenn du deinen Anspruch einschätzen willst, helfen vor allem vier Fragen: Welche Branchen und Tätigkeiten sind verbindlich ausgeschlossen? Wird nur nach ESG-Ratings gefiltert oder zusätzlich aktiv selektiert? Werden Stimmrechte ausgeübt und Unternehmen aktiv beeinflusst? Gibt es messbare Nachhaltigkeitsziele, etwa zu Klima oder Wirkung? Welcher Anlageweg passt zu welchem Anlegertyp? 1. Einsteiger:in mit kleinem Betrag Wenn du klein anfangen willst, ist eine nachhaltige 3a-Lösung oder ein einfacher ETF-Sparansatz oft sinnvoll. Der Vorteil: Du musst nicht sofort ein komplexes Portfolio bauen. Besonders die Säule 3a eignet sich, wenn du zusätzlich Steuern sparen willst und einen langen Anlagehorizont hast. Für Einsteiger:innen ist nicht Perfektion entscheidend, sondern ein klarer Start mit nachvollziehbaren Regeln. Lieber ein verständliches Produkt, das du regelmässig besparst, als lange auf die «perfekte» nachhaltige Anlage zu warten. 2. Selbstentscheider:in mit ETF-Fokus Wenn du gerne selbst auswählst, Gebühren tief halten willst und bereit bist, Produktmethodiken zu vergleichen, passen nachhaltige ETFs oder Indexfonds gut zu dir. Du solltest aber akzeptieren, dass «ESG investieren Schweiz» in diesem Bereich oft bedeutet: systematische Filter statt tiefgehende Einzelfallprüfung. Sinnvoll ist ein nüchterner Blick auf den Index: Welche Ausschlüsse gibt es? Wie stark weicht er vom breiten Markt ab? Handelt es sich um ein Best-in-Class-Konzept, einen Paris-aligned Index oder nur um einen leichten ESG-Filter? So vermeidest du Enttäuschungen zwischen Erwartung und Realität. 3. Komfortorientierte Person mit Beratungsbedarf Wenn du Unterstützung schätzt, wenig Zeit hast oder Sicherheit im Prozess suchst, kann eine Banklösung, Vermögensverwaltung oder ein Robo-Advisor zu dir passen. Gute Beratung hilft dir, Risiko, Anlagehorizont und Nachhaltigkeitspräferenzen sauber zu trennen. Das ist wichtig, weil ein nachhaltiges Portfolio nur dann passend ist, wenn es auch finanziell zu dir passt. Gerade bei grösseren Beträgen oder wenn du dein Gesamtvermögen strukturieren möchtest, kann dieser Weg sinnvoller sein als einzelne Produkte selbst zusammenzusuchen. Achte aber darauf, dass die Beratung nicht bei allgemeinen Versprechen stehen bleibt. Bitte um konkrete Antworten zu Kriterien, Kosten und Portfolioaufbau. So findest du deinen Startpunkt Ein guter Startpunkt entsteht nicht aus dem «besten Produkt», sondern aus deiner persönlichen Kombination von Budget, Wissen, Zeit und Werten. Wenn du in der Schweiz nachhaltige Anlagen suchst, kannst du dich an drei einfachen Leitfragen orientieren: Wie viel willst du selbst entscheiden? Wenig Zeit spricht eher für 3a, Robo-Advisor oder Vermögensverwaltung; mehr Eigeninteresse eher für ETFs oder Fonds im eigenen Depot. Wie wichtig sind dir tiefe Kosten? Wenn Gebühren für dich zentral sind, prüfe nachhaltige ETFs oder kostengünstige Vorsorgelösungen zuerst. Wie streng soll Nachhaltigkeit verstanden werden? Wenn dir einfache ESG-Filter nicht reichen, suche nach klaren Ausschlüssen, aktiver Eigentümerrolle und nachvollziehbaren Klimazielen. Praktisch hilfreich ist es, zunächst nur zwei oder drei Angebote direkt miteinander zu vergleichen – nicht zehn. Lies die Produktunterlagen gezielt auf Methode, Kosten und Ausschlüsse. Wenn du dabei merkst, dass dir Nachhaltigkeit wichtiger ist als maximale Einfachheit, kann ein aktiver Fonds oder ein sorgfältig ausgewähltes Mandat besser passen als der günstigste ETF. Wenn du dagegen vor allem unkompliziert und regelmässig investieren willst, ist ein breiter nachhaltiger ETF oder eine gute 3a-Lösung oft der solidere Weg. Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass nachhaltiges Investieren nur dann «echt» sei, wenn es perfekt ist. In der Praxis gibt es fast immer Zielkonflikte zwischen Rendite, Diversifikation, Wirkung, Datenqualität und Kosten. Wissenschaftlich und regulatorisch zeigt sich derzeit vor allem eines: Transparenz ist wichtiger als Etiketten. Ein Produkt mit klar erklärter, konsequent umgesetzter Methode ist für dich meist wertvoller als ein gross beworbenes Nachhaltigkeitsversprechen ohne Substanz. Wenn du unsicher bist, starte klein, bleib kritisch und prüfe lieber verständlich als ideologisch. So findest du einen Anlageweg, der nicht nur nachhaltig heisst, sondern auch zu deinem Alltag und deinen Zielen passt.