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Klimafonds erklärt: Was steckt dahinter?

Klimafonds klingen nach einer einfachen Antwort auf die Frage, wie du dein Geld klimafreundlicher anlegen kannst. In der Praxis steckt dahinter aber kein einheitliches Produkt, sondern eine ganze Gruppe sehr unterschiedlicher Fondsstrategien. Wenn du verstehst, was genau ein Fonds verspricht, woran er gemessen wird und was tatsächlich im Portfolio liegt, kannst du Marketing besser von Substanz unterscheiden.

Fondsfactsheet mit Begriffen Paris aligned, low carbon, transition markiert
Klimafonds klingen ähnlich - verfolgen aber oft sehr unterschiedliche Strategien. © Google Gemini / Google Gemini

Klimafonds ist nicht gleich Klimafonds

Der Begriff Klimafonds ist rechtlich nicht so eindeutig wie viele Anleger:innen vermuten. Er sagt zunächst nur, dass ein Fonds einen Bezug zum Thema Klima herstellt. Dieser Bezug kann sehr verschieden aussehen: Ein Fonds kann Emissionen im Vergleich zum Gesamtmarkt senken, gezielt Firmen für die Energiewende auswählen, auf einen Paris-kompatiblen Index setzen oder in einen engen Sektor wie erneuerbare Energien investieren. Das ist wichtig, denn ein Klimafonds bedeutet nicht automatisch reale Klimawirkung.

Wissenschaftliche und regulatorische Orientierung liefern hier vor allem europäische und schweizerische Rahmenwerke. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA hat 2024 Leitlinien für Fondsnamen mit ESG- oder Nachhaltigkeitsbegriffen veröffentlicht, um irreführende Bezeichnungen einzudämmen. Das hilft auch Schweizer Anleger:innen, weil viele in der Schweiz angebotene Fonds nach EU-Regeln aufgelegt oder vertrieben werden. Zusätzlich schaffen in der Schweiz die Swiss Climate Scores des Bundes mehr Vergleichbarkeit bei klimabezogenen Informationen.

Paris-aligned, climate transition, clean energy, low carbon: die Unterschiede

Hinter ähnlichen Begriffen verbergen sich unterschiedliche Anlageansätze. Besonders häufig sind vier Typen:

  • Paris-aligned-Fonds: Diese Fonds orientieren sich oft an einem Index, der die Anforderungen an EU-Paris-Aligned Benchmarks anlehnt oder sie direkt nutzt. Ziel ist ein Portfolio, das deutlich geringere Emissionen als der breite Markt aufweist und einen klaren Dekarbonisierungspfad verfolgt. Nach den Regeln der EU-Kommission müssen solche Benchmarks unter anderem hohe Emissionsintensitäten stärker reduzieren und gewisse fossile Aktivitäten ausschliessen.
  • Climate-transition-Fonds: Sie sollen Unternehmen abbilden, die sich auf dem Weg der Dekarbonisierung befinden. Das Portfolio ist häufig breiter als bei Paris-aligned-Ansätzen und schliesst Übergangsbranchen nicht zwingend vollständig aus. Entscheidend ist, ob der Fonds glaubwürdig prüft, wie ernst Emissionsziele, Investitionspläne und Transformationspfade der Unternehmen sind.
  • Clean-energy-Fonds: Diese Fonds investieren meist konzentriert in Sektoren wie Solar, Wind, Netzinfrastruktur, Speicher, Effizienztechnik oder Elektrifizierung. Sie können thematisch sehr passend sein, sind aber oft weniger breit diversifiziert und deshalb schwankungsanfälliger.
  • Low-carbon-Fonds: Hier geht es vor allem darum, den CO₂-Fussabdruck gegenüber einem Standardindex zu senken. Das ist nicht dasselbe wie ein Paris-kompatibler Pfad. Ein Fonds kann «low carbon» sein, ohne streng auf 1,5-Grad-Ziele, glaubwürdige Übergangspläne oder fossile Ausschlüsse ausgerichtet zu sein.

Für dich als Anleger:in heisst das: Frage immer zuerst, welches Problem der Fonds lösen will. Geht es um geringere aktuelle Emissionen, um Finanzierung von Klimalösungen, um Transformation bestehender Unternehmen oder um eine Kombination daraus? Erst dann lässt sich beurteilen, ob der Fonds zu deinen Zielen passt.

Aktiv gemanagt oder ETF?

Auch die Fondslogik selbst macht einen Unterschied. Ein ETF folgt in der Regel einem Index. Das bringt oft tiefere Kosten und hohe Transparenz, weil die Indexregeln und die Zusammensetzung meist gut dokumentiert sind. Bei klimabezogenen ETFs ist deshalb besonders wichtig, welchen Index sie abbilden: ein Paris-aligned-Index, ein Transition-Index, ein Low-Carbon-Index oder nur eine leicht angepasste ESG-Variante.

Aktiv gemanagte Klimafonds sind teurer, können dafür aber gezielter vorgehen. Sie können Unternehmen anhand eigener Analysen auswählen, Emissionsdaten kritischer prüfen, Managementgespräche führen und Stimmrechte aktiver nutzen. Ob das in der Praxis einen Vorteil bringt, hängt stark von der Qualität des Teams, der Methodik und der Offenlegung ab. Ein aktiver Fonds ist nicht automatisch glaubwürdiger, aber er hat theoretisch mehr Spielraum, Übergangspläne und klimabezogene Kontroversen differenziert zu beurteilen.

Kurz gesagt: Wenn dir Kosten, Breite und Regelklarheit besonders wichtig sind, ist ein ETF oft attraktiv. Wenn du erwartest, dass der Fonds gezielt Einfluss ausübt, Übergangsdynamiken analysiert und nicht nur einem Regelwerk folgt, kann ein aktiver Fonds sinnvoll sein. In beiden Fällen gilt: Der Name allein sagt wenig.

Woran du einen Klimafonds prüfst

Der zuverlässigste Schutz vor Greenwashing ist ein nüchterner Blick in die Unterlagen. Gute Klimafonds erklären nicht nur ihre Absicht, sondern auch die Methode, die Messgrössen und die Grenzen des Ansatzes. Die FINMA weist in ihrem Guidance-Bericht zu Greenwashing im Asset Management darauf hin, dass Transparenz über Anlageziele, Prozesse und tatsächliche Portfolios zentral ist. Genau dort solltest du ansetzen.

Anlageziel, Ausschlüsse, Benchmark und Top-Positionen

Lies zuerst das Anlageziel. Formulierungen wie «berücksichtigt Klimafaktoren» oder «fördert den Übergang» sind sehr offen. Aussagekräftiger ist, wenn ein Fonds messbare Vorgaben nennt, zum Beispiel Emissionsreduktion gegenüber der Benchmark, Mindestanteil an Taxonomie-konformen Umsätzen oder einen jährlichen Dekarbonisierungspfad.

Danach prüfst du die Ausschlüsse. Viele Anleger:innen erwarten bei einem Klimafonds, dass Kohle, neue Öl- und Gaserschliessung oder besonders emissionsintensive Geschäftsmodelle ausgeschlossen sind. Das ist aber keineswegs immer der Fall. Manche Fonds schliessen nur kontroverse Waffen aus und nennen sich trotzdem klimabezogen. Andere erlauben fossile Unternehmen, wenn diese Übergangspläne vorlegen. Beides kann legitim sein, aber es sollte klar benannt sein.

Sehr wichtig ist auch die Benchmark. Ein Fonds wirkt schnell «grün», wenn er sich mit einem besonders emissionsintensiven Standardindex vergleicht. Aussagekräftiger ist, ob die Benchmark selbst klimabezogen ist und wie stark die Abweichungen zum Gesamtmarkt tatsächlich sind. Wenn ein ETF etwa einen «Paris-aligned»-Namen trägt, die Unterlagen aber nur einen allgemein optimierten ESG-Index zeigen, lohnt sich kritisches Nachfragen.

Schau schliesslich auf die Top-Positionen. Das ist oft der schnellste Realitätstest. Wenn die grössten Positionen Firmen sind, deren Geschäftsmodell kaum zur Fondsstory passt, stimmt etwas nicht. Gleichzeitig solltest du nicht vorschnell urteilen: Ein Transition-Fonds kann bewusst Unternehmen aus Industrie, Transport oder Versorgung halten, wenn diese nachweislich ernsthafte Transformationspfade verfolgen. Entscheidend ist, ob der Fonds das nachvollziehbar begründet.

Swiss Climate Scores und andere Transparenzsignale

In der Schweiz sind die Swiss Climate Scores eine besonders nützliche Orientierung. Der Bundesrat hat sie 2022 als Best-Practice-Transparenzrahmen eingeführt. Sie sollen zeigen, wie klimaverträglich ein Portfolio ist, etwa über Emissionen, Exponierung gegenüber fossilen Energieträgern, Glaubwürdigkeit von Netto-Null-Zielen, Managementqualität und Ausrichtung auf die Transition. Für dich heisst das: Wenn ein Fonds oder Mandat solche Kennzahlen offenlegt, ist das ein gutes Signal für Ernsthaftigkeit und Vergleichbarkeit.

Hilfreich sind ausserdem Hinweise darauf, wie Klimadaten zustande kommen. Arbeiten Anbieter mit geschätzten Emissionsdaten? Wie gehen sie mit fehlenden Daten um? Werden Scope-3-Emissionen einbezogen oder nur direkte Emissionen? Gerade bei Fonds, die stark mit Klimawirkung werben, sollte diese Methodik offen erklärt sein. Die Forschung und auch die Praxis zeigen, dass Klimadaten je nach Anbieter und Berechnungsmethode erheblich variieren können. Transparenz ist deshalb oft wichtiger als eine einzelne Hochglanz-Kennzahl.

Achte zusätzlich auf folgende Signale:

  • Regelmässiges Reporting: Nicht nur einmal im Jahr, sondern wiederkehrend und mit klaren Kennzahlen.
  • Nachvollziehbare Stewardship-Politik: Wie stimmt der Fonds ab, wie führt er Engagement und was passiert, wenn Unternehmen Klimaziele verfehlen?
  • Konsistenz zwischen Name, Strategie und Portfolio: Ein thematischer Klimafonds sollte anders aussehen als ein breit diversifizierter Low-Carbon-Fonds.
  • Ehrliche Darstellung von Grenzen: Seriöse Anbieter sagen offen, dass ein börsengehandelter Fonds nicht automatisch neue Klimaprojekte finanziert, sondern vor allem Eigentumsrechte an bestehenden Unternehmen bündelt.

Für wen Klimafonds sinnvoll sind – und für wen nicht

Klimafonds können sinnvoll sein, wenn du dein Depot breiter an deinen Werten ausrichten möchtest und dabei akzeptierst, dass es nicht die eine perfekte Klimaanlage gibt. Sie können helfen, fossile Risiken zu reduzieren, Übergangsgewinner stärker zu gewichten oder gezielt in Klimalösungen zu investieren. Besonders für langfristig orientierte Anleger:innen kann das interessant sein, weil der Übergang zu einer emissionsärmeren Wirtschaft auch finanzielle Risiken und Chancen neu verteilt.

Gleichzeitig sind Klimafonds nicht für jede Erwartung geeignet. Wenn du eine direkt messbare zusätzliche Klimawirkung suchst, etwa weil neues Kapital in konkrete Projekte fliessen soll, reichen klassische Publikumsfonds oft nicht aus. Der Kauf eines Fondsanteils am Sekundärmarkt verändert in vielen Fällen nicht unmittelbar die Finanzierung eines Unternehmens. Wirkung kann eher indirekt entstehen, etwa über Eigentümerdruck, Kapitalallokation bei Neuemissionen oder langfristige Signale an den Markt.

Weniger passend sind Klimafonds auch dann, wenn du geringe Schwankungen erwartest, aber einen eng fokussierten Clean-Energy-Fonds auswählst. Solche Produkte können stark von Zinsen, Technologiezyklen und politischen Förderbedingungen abhängen. Für viele Anleger:innen ist deshalb ein breit diversifizierter Klima- oder Transition-Fonds als Teil eines Gesamtportfolios sinnvoller als eine einseitige Sektorwette.

Praktisch hilft dir eine einfache Reihenfolge:

1. Zuerst klärst du dein Ziel: Willst du Emissionen im Depot senken, fossile Aktivitäten meiden, die Transition begleiten oder Klimalösungen übergewichten?

2. Danach vergleichst du Strategie, Benchmark, Ausschlüsse und Top-Positionen. Anschliessend prüfst du Kosten, Diversifikation und Reportingqualität.

3. Und erst am Schluss entscheidest du, ob ein ETF oder ein aktiv gemanagter Fonds besser zu dir passt.

Wenn du unsicher bist, ist ein nüchterner Grundsatz oft am besten:

«Je klarer ein Klimafonds messbar erklärt, was er tut – und was er nicht tut –, desto eher kannst du ihm vertrauen.»

So wird aus einem gut klingenden Schlagwort eine fundierte Anlageentscheidung.

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