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Kann mein Geld wirklich zum Klimaschutz beitragen?

Viele Menschen möchten mit ihrer Geldanlage nicht nur Rendite erzielen, sondern auch die Klimakrise nicht weiter anheizen. Die ehrliche Antwort auf die Leitfrage lautet: Ja, dein Geld kann zum Klimaschutz beitragen – aber auf unterschiedlichen Wegen, und nicht jede nachhaltige Anlage wirkt gleich stark. Entscheidend ist, ob dein Geld tatsächlich neue klimafreundliche Aktivitäten finanziert, Unternehmen zu besseren Übergangsplänen bewegt oder vor allem nur bestehende Wertpapiere zwischen Anleger:innen weiterreicht.

Hand mit Stimmrechtskarte vor Hauptversammlung, Klimagrafik im Hintergrund
Nicht nur Kapital, auch Aktionärsdruck kann Klimaeffekte auslösen. © Google Gemini / Google Gemini

Auf welchen Wegen Geldanlagen überhaupt Klimaeffekte haben können

Wenn über geldanlage klimaschutz oder nachhaltig investieren klima gesprochen wird, werden oft sehr verschiedene Mechanismen durcheinandergebracht. Für dich als Anleger:in ist diese Unterscheidung wichtig, weil sie hilft, grosse Versprechen realistischer einzuordnen. Fachlich lässt sich grob zwischen drei Hebeln unterscheiden:

(1) zusätzlicher Finanzierung für neue Projekte,

(2) Einfluss auf Unternehmen über Eigentumsrechte sowie

(3) Marktsignale über Preise und Nachfrage.

1. Kapital für neue Projekte: Wo zusätzliche Finanzierung wirklich relevant ist

Der direkteste Klimahebel entsteht dort, wo Unternehmen, Banken oder Projektträger neues Kapital aufnehmen. Das ist am Primärmarkt der Fall, etwa bei Kapitalerhöhungen, Neuemissionen von Anleihen, Green Bonds oder bei Projektfinanzierungen für erneuerbare Energien, Netze, Gebäudesanierungen oder saubere Mobilität. Hier fliesst dein Geld nicht an andere Anleger:innen, sondern in die Finanzierung realer Investitionen.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind glaubwürdige Transformationspfade kapitalintensiv und benötigen hohe Investitionen in emissionsarme Infrastrukturen. Genau deshalb ist die Frage nach zusätzlicher Finanzierung so zentral: Wenn eine Anlage hilft, dass ein Windpark gebaut, ein Fernwärmenetz ausgebaut oder ein Industrieprozess elektrifiziert wird, ist der potenzielle Klimaeffekt grundsätzlich plausibler als beim blossen Kauf bereits bestehender Aktien im Alltagshandel.

Das heisst allerdings nicht, dass jedes «grüne» Produkt automatisch wirksam ist. Auch bei Green Bonds kommt es darauf an, welche Projekte finanziert werden, wie ambitioniert die Emissionsziele sind und ob die Mittelverwendung sauber dokumentiert wird. Ein klimarelevanter Effekt ist wahrscheinlicher, wenn die Emissionserlöse klar zweckgebunden sind, Fortschritte messbar offengelegt werden und die Finanzierung Teil einer nachvollziehbaren Übergangsstrategie ist.

2. Druck auf Unternehmen: Stimmrechte, Engagement und Übergangspläne

Ein zweiter Hebel ist Stewardship, also die aktive Einflussnahme auf Unternehmen durch Eigentümerrechte. Dazu gehören Stimmrechte an Generalversammlungen, Gespräche mit dem Management, konkrete Forderungen an Klima- und Übergangspläne sowie das Einreichen oder Unterstützen von Aktionärsanträgen. Dieser Weg ist vor allem dann plausibel, wenn grosse Vermögensverwalter oder institutionelle Anleger:innen konsequent vorgehen, Ziele klar benennen und bei ausbleibendem Fortschritt auch Druck aufbauen.

Wissenschaftlich ist dieser Hebel gut begründbar, weil Unternehmen auf Kapitaleigner reagieren, wenn diese glaubwürdig und langfristig auftreten. Doch auch hier gilt: Nicht jedes Nachhaltigkeitslabel bedeutet automatisch wirksames Engagement. Manche Fonds werben mit «Dialog», ohne offenzulegen, wie oft abgestimmt wird, welche Forderungen gestellt wurden und welche Ergebnisse erzielt wurden. Für dich ist deshalb entscheidend, ob ein Produkt transparent zeigt, wie es abstimmt, worauf es drängt und welche Konsequenzen es bei mangelndem Fortschritt zieht.

Besonders relevant ist Engagement bei Unternehmen mit hohem Umbaupotenzial. Ein Energie-, Zement- oder Stahlunternehmen mit einem überprüfbaren Übergangsplan kann aus Klimasicht interessanter sein als ein formal «sauberes» Unternehmen ohne grossen Hebel. Nachhaltig investieren heisst also nicht nur, Emissionen im Portfolio möglichst hübsch aussehen zu lassen, sondern auch reale Dekarbonisierung in der Wirtschaft zu unterstützen.

3. Signale am Markt: Was der Kauf eines ETF nur begrenzt leisten kann

Viele Menschen investieren über ETF oder Fonds am Sekundärmarkt. Dort kaufst du in der Regel Wertpapiere von anderen Anleger:innen, nicht direkt vom Unternehmen. Deshalb ist der unmittelbare Klimaeffekt begrenzt. Ein einzelner ETF-Kauf baut noch kein Solardach und ersetzt kein Gaskraftwerk.

Ganz wirkungslos ist der Sekundärmarkt trotzdem nicht. Wenn viele Anleger:innen klimafreundlichere Unternehmen bevorzugen und emissionsintensive Titel meiden, können sich langfristig Finanzierungskosten und Bewertungen verändern. Die Forschung zeigt aber: Dieser Effekt ist meist indirekt, graduell und kleiner als in Werbebroschüren suggeriert. Vor allem bei sehr grossen, liquiden Märkten ist der Einfluss einer einzelnen Transaktion gering.

Daraus folgt kein Grund zur Resignation, sondern eine realistische Einordnung: Ein ETF kann sinnvoll sein, wenn er in eine klar definierte Klimastrategie eingebettet ist, glaubwürdige Ausschlüsse hat, Übergangspläne berücksichtigt und aktives Stimmrechtsverhalten ermöglicht. Wer aber glaubt, jeder «grüne ETF» wirke automatisch stark auf das Klima, unterschätzt die Grenzen des Sekundärmarkts.

Gute Absichten reichen nicht. Entscheidend ist, über welchen Mechanismus deine Anlage tatsächlich Wirkung entfalten soll.

Was in der Schweiz wichtig ist

In der Schweiz ist das Thema besonders relevant, weil der Finanzplatz international gross ist und damit auch sein Einfluss auf klimarelevante Kapitalströme. Gleichzeitig gibt es hier wichtige Instrumente für Transparenz und Aufsicht. Sie helfen dir, Marketingaussagen besser einzuordnen, ersetzen aber nicht die eigene Prüfung.

PACTA-Klimatest, Swiss Climate Scores und freiwillige Klimatransparenz

Das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen und das Bundesamt für Umwelt verweisen mit dem PACTA-Klimatest auf ein Instrument, das Portfolios mit Klimaszenarien und Technologiesektoren abgleicht. Für Anleger:innen ist das nützlich, weil sichtbar wird, wie stark ein Portfolio mit einem Pfad Richtung Netto-Null vereinbar ist oder wo deutliche Abweichungen bestehen. PACTA sagt dir also eher, wie klimakompatibel ein Portfolio aufgestellt ist, nicht automatisch, wie stark es die reale Wirtschaft verändert.

Ähnlich verhält es sich mit den Swiss Climate Scores, die der Bund als Orientierung für mehr Vergleichbarkeit und Transparenz entwickelt hat. Sie sollen sichtbar machen, wie Portfolios in Bezug auf Emissionen, Klimaziele, fossile Exposition und Ausrichtung auf den Übergang dastehen. Für dich ist das hilfreich, weil schwammige Begriffe wie «klimafreundlich» oder «Paris-aligned» dadurch etwas konkreter werden. Aber auch gute Scores sind noch kein Beweis für reale Zusatzwirkung. Sie sind vor allem ein Werkzeug, um besser zu prüfen und Produkte besser zu vergleichen.

Praktisch heisst das: Transparenzinstrumente helfen dir, schlechte Produkte schneller zu erkennen. Sie beantworten aber nicht allein die Frage, ob dein Geld tatsächlich neue Klimaprojekte finanziert oder Unternehmen wirksam unter Druck setzt. Dafür musst du tiefer hinschauen.

Greenwashing-Risiken laut FINMA

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA hat in den letzten Jahren mehrfach auf Greenwashing-Risiken hingewiesen. Problematisch ist vor allem, wenn Anbieter Klimasprache verwenden, ohne Anlagestrategie, Kriterien, Datenbasis und Umsetzung ausreichend klar offenzulegen. Dann klingt ein Produkt nach grosser Wirkung, obwohl es nur leicht von einem herkömmlichen Fonds abweicht.

Für dich ist das besonders wichtig, weil Greenwashing oft nicht in eindeutig falschen Aussagen besteht, sondern in Auslassungen und Unschärfen. Ein Fonds kann zum Beispiel fossile Unternehmen nicht komplett ausschliessen, aber trotzdem mit einem sehr grünen Gesamtbild werben. Oder er betont tiefe Portfolioemissionen, obwohl kaum aktive Eigentümerarbeit stattfindet und kaum frisches Kapital in Transformation fliesst.

Die FINMA-Perspektive ist deshalb klar hilfreich: Klimaversprechen müssen nachvollziehbar, konsistent und überprüfbar sein. Wo diese Elemente fehlen, ist Skepsis angebracht.

Fazit: So wird aus guter Absicht eine bessere Anlageentscheidung

Wenn du mit deiner Geldanlage etwas fürs Klima tun möchtest, ist die gute Nachricht: Dein Geld kann einen Beitrag leisten. Die weniger bequeme, aber wichtigere Wahrheit ist: Die Wirkung hängt stark vom Anlagevehikel und seinem Mechanismus ab. Besonders plausibel ist Klimawirkung dort, wo neues Kapital in den Ausbau klimafreundlicher Aktivitäten fliesst oder wo Eigentümerrechte konsequent genutzt werden, um Unternehmen zu glaubwürdigen Übergangsplänen zu bewegen. Reine Sekundärmarktprodukte können Teil der Lösung sein, sollten aber nicht überschätzt werden.

Für eine bessere Entscheidung helfen dir ein paar einfache Prüffragen:

  • Finanziert das Produkt neue Projekte oder Unternehmen direkt, etwa über Green Bonds, Kapitalerhöhungen oder Infrastruktur?
  • Gibt es transparentes Engagement: Abstimmungsverhalten, Forderungen an Unternehmen, messbare Ergebnisse?
  • Werden Klimaaussagen mit anerkannten Instrumenten wie PACTA oder den Swiss Climate Scores nachvollziehbar gemacht?
  • Sind Ausschlüsse, Übergangskriterien und Zielpfade klar beschrieben – oder bleibt vieles vage?
  • Passt die Anlage auch zu deinem Risiko, Zeithorizont und deiner gesamten Finanzplanung?

Gerade der letzte Punkt ist wichtig: Eine klimabezogene Geldanlage ist nicht automatisch eine gute Anlage für jede Lebenssituation. Nachhaltigkeit ersetzt keine saubere Diversifikation, keine Kostenprüfung und keinen Blick auf Risiken. Wenn du diese Ebenen zusammendenkst, wird aus einer guten Absicht eher eine robuste Entscheidung.

Wenn dich das Thema weiter interessiert, lohnt sich als nächster Schritt ein genauer Blick auf die Unterschiede zwischen nachhaltigen Fonds, Impact-Investing, Green Bonds und Vorsorgelösungen mit Klimastrategie. Denn nicht jedes Produkt, das grün klingt, arbeitet mit demselben Hebel.

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