In Kreislaufwirtschaft investieren: Lohnt sich das Thema? Theresa Keller Kreislaufwirtschaft klingt für viele nach einem grossen Nachhaltigkeitsbegriff, aber im Investmentalltag bleibt oft unklar, worin eigentlich investiert wird. Genau hier lohnt ein genauer Blick: Hinter dem Thema stehen handfeste Geschäftsmodelle, ökonomische Anreize und politische Vorgaben. Wenn du verstehen willst, ob «kreislaufwirtschaft investieren» mehr ist als ein Trendlabel, helfen dir ein paar klare Kriterien mehr als schöne Marketinggrafiken. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Kreislaufwirtschaft wird als Investment erst spannend, wenn das Geschäftsmodell klar erkennbar ist. © Google Gemini / Google Gemini Was Kreislaufwirtschaft im Investmentkontext bedeutet Im Kern beschreibt Kreislaufwirtschaft den Wechsel von einem linearen Modell – Rohstoffe abbauen, Produkte herstellen, nutzen, wegwerfen – zu einem zirkulären Modell. Dabei sollen Materialien, Komponenten und Produkte möglichst lange im Umlauf bleiben. Das geschieht durch langlebiges Produktdesign, Reparatur, Wiederverwendung, Aufbereitung, hochwertiges Recycling und effizienteren Materialeinsatz. Für Anleger:innen ist das wichtig, weil Kreislaufwirtschaft kein einzelner Sektor ist. Es ist vielmehr ein Querschnittsthema, das Industrie, Chemie, Logistik, Bau, Konsumgüter, Verpackung, Abfallwirtschaft und digitale Plattformen berührt. Ein «circular economy fonds» investiert deshalb oft nicht nur in klassische Recyclingfirmen, sondern auch in Unternehmen, die Materialverbrauch senken, Produkte modular bauen oder Rücknahmesysteme organisieren. Wissenschaftlich und politisch ist der Trend klar verankert. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen betont in seinem Global Resources Outlook 2024, dass der weltweite Ressourcenverbrauch weiter steigt und damit Klima-, Biodiversitäts- und Verschmutzungsprobleme verschärft. Die Europäische Umweltagentur zeigt zudem, dass Europas Wirtschaft zwar Fortschritte macht, aber weiterhin stark von Primärrohstoffen abhängt. Für Investor:innen heisst das: Kreislaufwirtschaft ist nicht bloss ein «grünes» Narrativ, sondern eine Antwort auf reale Knappheiten, Kostenrisiken und regulatorischen Druck. Welche Geschäftsmodelle dazugehören Damit das Thema greifbar wird, hilft ein Blick auf die typischen Geschäftsmodelle. Nicht jedes Unternehmen muss alles erfüllen. Entscheidend ist, ob ein relevanter Teil des Geschäfts dazu beiträgt, Materialien länger und produktiver zu nutzen. Recycling und Sortierung: Firmen, die Metalle, Kunststoffe, Batterien, Elektronik oder Baustoffe sammeln, sortieren und in den Kreislauf zurückführen. Reparatur und Refurbishment: Anbieter, die Geräte, Maschinen oder Komponenten instand setzen, aufbereiten und erneut vermarkten. Wiederverwendung und Mehrweg: Systeme für wiederverwendbare Verpackungen, Paletten, Behälter oder Textilien. Sharing- und Nutzungsmodelle: Plattformen oder Dienstleister, bei denen Nutzung statt Besitz im Vordergrund steht, etwa bei Mobilität, Werkzeugen oder Büroausstattung. Materialeffizienz: Unternehmen, die mit weniger Materialeinsatz dieselbe Leistung erreichen, Ausschuss reduzieren oder Sekundärrohstoffe integrieren. Zirkuläres Produktdesign: Hersteller, deren Produkte langlebig, modular, reparierbar und leichter zerlegbar sind. Wichtig ist dabei: Ein Unternehmen ist nicht automatisch «zirkulär», nur weil es ein wenig recycelt oder Nachhaltigkeitsziele publiziert. Im Investmentkontext zählt, ob Kreislauflogik wesentlich für Umsatz, Kostenstruktur oder Wettbewerbsvorteil ist. Warum das Thema wirtschaftlich relevant ist Kreislaufwirtschaft wird häufig moralisch begründet. Für Investments reicht das nicht. Interessant wird das Thema erst, wenn es ökonomisch tragfähig ist. Genau hier setzen mehrere anerkannte Institutionen an. Die Weltbank argumentiert, dass zirkuläre Strategien nicht nur Umweltbelastungen senken, sondern auch Versorgungssicherheit, Ressourceneffizienz und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit stärken können. Das ist besonders relevant in einer Zeit, in der Rohstoffpreise schwanken, Lieferketten störanfällig sind und geopolitische Spannungen zunehmen. Für Unternehmen entstehen daraus drei zentrale Hebel. Erstens können geringerer Materialeinsatz und weniger Abfall die Kosten senken. Zweitens kann der Zugang zu Sekundärrohstoffen die Abhängigkeit von volatilen Primärmärkten mindern. Drittens erhöhen Regulierung und Berichtspflichten den Druck, Produkte recyclingfähiger und ressourcenschonender zu gestalten. Die Europäische Umweltagentur verweist in ihrem oben zitierten Bericht darauf, dass Kreislaufwirtschaft in Europa eng mit Wettbewerbsfähigkeit, strategischer Autonomie und Dekarbonisierung verbunden ist. Das bedeutet aber nicht, dass jedes kreislaufbezogene Geschäftsmodell automatisch hohe Renditen bringt. Manche Bereiche sind kapitalintensiv, margenschwach oder stark von Energiepreisen abhängig. Gerade Recyclingunternehmen können unter Preisschwankungen bei Sekundärmaterialien leiden. Kreislaufwirtschaft ist deshalb ein strukturelles Thema mit echter Logik, aber kein Selbstläufer. Wie man in Kreislaufwirtschaft investiert Wenn du in Kreislaufwirtschaft investieren willst, begegnen dir meist zwei Wege: thematische Fonds beziehungsweise ETFs und der direkte Kauf einzelner Aktien. Für die meisten Privatanleger:innen sind Fonds einfacher, weil das Thema breit gestreut und fachlich komplex ist. Ein direkter Aktienkorb kann sinnvoll sein, verlangt aber deutlich mehr Analyse. Thematische Fonds und Aktienkörbe Thematische Fonds bündeln Unternehmen, die in irgendeiner Form von der Kreislaufwirtschaft profitieren sollen. Das kann praktisch sein, weil du nicht selbst jede Lieferkette und jedes Geschäftsmodell prüfen musst. Gleichzeitig liegt genau hier eine Schwäche: Viele Produkte mischen sehr unterschiedliche Teilthemen – etwa Recycling, Wasser, Energieeffizienz, Verpackung, industrielle Digitalisierung oder Abfallmanagement. Dadurch wird das Portfolio breiter, aber der reine Kreislauf-Fokus kann verwässern. Ein «circular economy fonds» kann also eine sinnvolle Beimischung sein, wenn du gezielt auf Ressourceneffizienz und zirkuläre Geschäftsmodelle setzen willst. Er ersetzt aber in der Regel kein breit diversifiziertes Kernportfolio. Thematische Fonds sind häufig konzentrierter, teilweise teurer und stärker von Markterzählungen abhängig als breite Welt-ETFs. Gerade in euphorischen Marktphasen werden Zukunftsthemen oft mit hohen Bewertungen gehandelt. Das erhöht das Risiko, selbst dann enttäuschende Renditen zu erzielen, wenn das Grundthema langfristig relevant bleibt. Anders gesagt: Ein gutes Thema ist nicht automatisch ein gutes Investment zum aktuellen Preis. Worauf du bei der Titelauswahl achten musst Ob Fonds oder Einzelaktie: Prüfe nicht nur das Etikett, sondern das Geschäftsmodell. Diese Fragen helfen dir bei der Einordnung: Wie gross ist der tatsächliche Themenbezug? Entscheidend ist, wie viel Umsatz oder operativer Gewinn wirklich aus kreislaufrelevanten Aktivitäten stammt. Liegt der Vorteil in der Technik oder in der Umsetzung? Gute Technologie allein reicht nicht, wenn Sammlung, Rücknahme oder Logistik nicht funktionieren. Wie robust ist das Geschäft bei schwankenden Rohstoff- und Energiepreisen? Gerade Recycling kann davon stark abhängen. Gibt es regulatorische Rückenwinde? Standards zu Verpackung, Reparierbarkeit, Produktrücknahme oder Sekundärmaterialquoten können Wachstum stützen. Ist das Portfolio thematisch konsistent? Wenn ein Fonds fast alles unter Nachhaltigkeit zusammenfasst, wird aus Kreislaufwirtschaft schnell ein Mischthema. Wie hoch sind Kosten und Konzentrationsrisiken? Thematische Fonds sind oft teurer und weniger breit gestreut. Ein häufiger Irrtum ist, Kreislaufwirtschaft mit Recycling gleichzusetzen. Recycling ist wichtig, aber aus wissenschaftlicher Sicht nur ein Teil der Lösung. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen betont, dass die grosse Hebelwirkung früher ansetzt: bei geringerem Materialverbrauch, längerer Nutzungsdauer und besserem Produktdesign. Für dich als Anleger:in kann das bedeuten, dass interessante Unternehmen nicht unbedingt die sichtbarsten Entsorger sind, sondern jene, die Materialien gar nicht erst verschwenden. Ein zweites Missverständnis: Je «grüner» ein Produkt klingt, desto nachhaltiger und finanziell attraktiver sei es. In der Praxis musst du unterscheiden zwischen ökologischer Wirkung, wirtschaftlicher Qualität und Bewertung an der Börse. Erst wenn diese drei Ebenen halbwegs zusammenpassen, wird aus einem guten Narrativ ein vernünftiges Investment. Fazit für Schweizer Anleger:innen Kreislaufwirtschaft ist als Investmentthema grundsätzlich plausibel. Sie knüpft an reale Probleme an: knapper werdende Ressourcen, volatile Lieferketten, steigende regulatorische Anforderungen und den Druck, Emissionen und Abfall zu senken. Institutionen wie die Weltbank, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und die Europäische Umweltagentur beschreiben das Thema deshalb nicht nur als Umweltstrategie, sondern auch als wirtschaftliche Notwendigkeit. Für dich heisst das: Beimischung ja, Heilsversprechen nein. Wenn du bereits ein solides, breit diversifiziertes Portfolio hast, kann ein thematischer Baustein zur Kreislaufwirtschaft sinnvoll sein. Er passt besonders dann, wenn du Nachhaltigkeit konkret abbilden und gleichzeitig auf strukturelle Veränderungen in Industrie und Konsum setzen willst. Was du nicht erwarten solltest: eine einfache Abkürzung zu überdurchschnittlichen Renditen. Das Thema ist breit, teils unscharf definiert und anfällig für Marketing. Besser fährst du, wenn du auf nachvollziehbare Geschäftsmodelle, moderate Kosten, echte thematische Stringenz und einen langen Anlagehorizont achtest. Kurz gesagt: In Kreislaufwirtschaft zu investieren kann sich lohnen – wenn du das Thema nüchtern betrachtest, sauber auswählst und es als Ergänzung statt als Wundermittel verstehst.