Wie viel Schweiz braucht ein nachhaltiges Portfolio? Theresa Keller Viele Anleger:innen in der Schweiz greifen ganz selbstverständlich zu heimischen Aktien. Das fühlt sich oft sicher, vertraut und vernünftig an. Doch gerade bei nachhaltigem Investieren lohnt sich ein zweiter Blick: Ein hoher Schweiz-Anteil kann sinnvoll sein – aber auch Risiken schaffen, die im Alltag leicht übersehen werden. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Zu viel Schweiz im Depot kann nachhaltige Ziele unnötig einengen. © MicroStockHub / Getty Images Warum viele Schweizer Anleger:innen einen Home Bias haben Dass du Schweizer Aktien übergewichtet, ist kein ungewöhnlicher Fehler, sondern ein gut erforschtes Verhalten. In der Finanzwissenschaft spricht man von Home Bias: Anleger:innen halten deutlich mehr Titel aus dem eigenen Land, als es die globale Marktkapitalisierung eigentlich nahelegen würde. Studien der Schweizerischen Nationalbank zeigen, dass dieses Muster auch für die Schweiz relevant ist. Dahinter stehen keine «schlechten» Entscheidungen, sondern nachvollziehbare psychologische und praktische Gründe. Vertrautheit, Währung und bekannte Marken Heimische Unternehmen wirken greifbarer. Du kennst ihre Produkte, liest über sie in Schweizer Medien, bezahlst im Alltag in Franken und hast eher das Gefühl, ihre Entwicklung einschätzen zu können. Die Forschung zu Anlegerverhalten zeigt seit Jahren, dass Vertrautheit das Sicherheitsgefühl erhöht, auch wenn sie das Anlagerisiko nicht automatisch senkt. Genau hier entsteht Home Bias: Das Bekannte fühlt sich kontrollierbarer an als ein globales Portfolio mit Firmen aus den USA, Europa oder Asien. Hinzu kommt die Währung. Wer in der Schweiz lebt, spart meist in Franken und plant grosse Ausgaben ebenfalls in Franken. Deshalb erscheint ein stärkerer Schweiz-Bezug oft logisch. Tatsächlich kann ein gewisser Inlandanteil das Gefühl von Wechselkursrisiken reduzieren. Gleichzeitig ist wichtig zu verstehen: Währungsrisiko ist nur ein Teil des Gesamtrisikos. Wenn du fast nur in der Schweiz investierst, tauschst du nicht Risiko gegen Sicherheit ein, sondern wechselst häufig nur die Art des Risikos. Warum der Schweizer Markt trotzdem klein bleibt Die Schweiz ist wirtschaftlich bedeutend, ihr Aktienmarkt ist im globalen Vergleich aber klein. Gemessen an weltweiten Aktienindizes macht die Schweiz nur einen begrenzten Anteil aus. Aus Sicht der Portfoliotheorie, wie sie etwa in der Forschung der Universität Zürich und in internationaler Kapitalmarktforschung diskutiert wird, bedeutet das: Ein rein oder stark schweizlastiges Portfolio bildet die Weltwirtschaft nur sehr unvollständig ab. Für nachhaltige Anleger:innen ist das besonders relevant. Viele globale Nachhaltigkeitsthemen – etwa Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, Zugang zu Gesundheit, Wasserinfrastruktur oder soziale Lieferketten – spielen sich über Länder und Regionen hinweg ab. Wenn dein Portfolio fast nur auf die Schweiz fokussiert ist, verzichtest du auf einen grossen Teil dieser Chancen und streust Risiken weniger breit. Was ein hoher Schweiz-Anteil für Nachhaltigkeit und Risiko bedeutet Branchengewichtung im Schweizer Markt Der Schweizer Aktienmarkt ist stark konzentriert. Wenige grosse Unternehmen und wenige Sektoren prägen den Markt überdurchschnittlich stark. Besonders Gesundheitswesen, Basiskonsumgüter und Finanzwerte haben traditionell ein hohes Gewicht. Das kann stabilisierend wirken, weil einige dieser Unternehmen defensiver sind als zyklische Industrie- oder Technologietitel. Es bedeutet aber auch: Dein Portfolio hängt schneller an einzelnen Geschäftsmodellen, Regulierungen und globalen Wertschöpfungsketten, als es auf den ersten Blick scheint. Für nachhaltiges Investieren ist diese Sektorstruktur ambivalent. Ein hoher Anteil defensiver Qualitätsunternehmen kann ESG-Ratings im Durchschnitt verbessern. Doch Nachhaltigkeit ist mehr als ein gutes Rating oder ein Sitz in der Schweiz. Relevant sind unter anderem Emissionen entlang der Lieferkette, Steuertransparenz, Biodiversitätswirkung, Arbeitsrechte und die Frage, ob ein Geschäftsmodell tatsächlich zu ökologischen und sozialen Zielen beiträgt. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA und der Bundesrat haben in den letzten Jahren wiederholt betont, dass Greenwashing-Risiken real sind und Nachhaltigkeitsbehauptungen klar begründet werden müssen. Klumpenrisiken und globale Diversifikation Ein hoher Schweiz-Anteil erhöht das sogenannte Klumpenrisiko. Gemeint ist, dass zu viel Vermögen an wenigen Einzelfaktoren hängt: an einem Land, einer Währung, einigen dominanten Konzernen oder bestimmten Branchen. Genau das widerspricht einem Kernprinzip nachhaltiger Vermögensanlage: robust investieren, statt auf einzelne Annahmen zu wetten. Die moderne Portfoliotheorie und zahlreiche empirische Studien zeigen, dass breite Diversifikation das Verhältnis von Risiko und erwarteter Rendite verbessern kann. Auch wenn vergangene Renditen nie garantiert werden können, gilt wissenschaftlich als gut belegt: Wer global streut, reduziert das Risiko, dass ein einzelner Markt das ganze Portfolio prägt. Für dich heisst das praktisch: Ein Schweiz-Anteil kann sinnvoll sein, ein sehr hoher Schweiz-Anteil braucht aber eine gute Begründung. Einordnung: Schweiz-Anteil niedrig / mittel / hoch Schweiz-Anteil Einordnung Typische Stärke Typisches Risiko 0–10 % Niedrig Hohe globale Streuung Wenig Heimatbezug, Franken-Perspektive fühlt sich eventuell fremd an 10–25 % Mittel Pragmatischer Kompromiss aus Vertrautheit und Diversifikation Schweiz wird bereits deutlich übergewichtet Über 25 % Hoch Starker Heimat- und Franken-Bezug Klumpenrisiken bei Land, Branchen und Einzeltiteln Schweiz-Bezug ist nicht automatisch nachhaltiger Ein verbreitetes Missverständnis lautet: «Schweizer Aktien sind nachhaltiger, weil die Schweiz strenge Regeln hat.» Das kann im Einzelfall stimmen, ist aber als Faustregel zu grob. Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein aus dem Firmensitz ableiten. Gerade grosse Schweizer Konzerne erwirtschaften einen grossen Teil ihres Umsatzes im Ausland und sind in globale Lieferketten eingebunden. Ihre ökologische und soziale Wirkung entsteht also nicht nur in der Schweiz. Zudem zeigt die Forschung zu nachhaltigen Finanzprodukten, etwa in Arbeiten des Swiss Finance Institute und in Regulierungsanalysen des Bundes, dass ESG-Ansätze sehr unterschiedlich sind. Ein nachhaltiger Schweizer Aktienfonds kann fossilärmer sein als der Gesamtmarkt – oder auch nicht. Er kann streng auf Klimapfade achten – oder primär Ausschlüsse anwenden. Für deine Entscheidung ist deshalb wichtiger, wie Nachhaltigkeit umgesetzt wird, nicht nur wo investiert wird. Heimisch» ist keine Nachhaltigkeitskategorie. Entscheidend sind Geschäftsmodell, Lieferketten, Klimastrategie und Governance. 3 Denkfehler rund um Schweizer Aktien «Schweizer Aktien sind automatisch sicher.» Sie können defensiver wirken, bleiben aber Aktien mit Markt-, Bewertungs- und Klumpenrisiken. «Ein hoher Franken-Bezug reduziert alle Risiken.» Er reduziert vor allem einen Teil des Währungsrisikos, erhöht aber oft das Länder- und Sektorrisiko. «Schweiz ist gleich nachhaltig.» Nachhaltigkeit hängt von klaren Kriterien ab, nicht vom Firmensitz allein. Wie du deinen Schweiz-Anteil sinnvoll einordnest Für Einsteiger:innen Wenn du gerade erst beginnst, ist Einfachheit oft wichtiger als Perfektion. Für viele Einsteiger:innen ist ein global diversifiziertes nachhaltiges Kernportfolio der vernünftigste Start. Darin kann die Schweiz bewusst nur einen kleinen bis mittleren Zusatzbaustein erhalten. So profitierst du von breiter Streuung und kannst trotzdem deinem Bedürfnis nach Heimatbezug Rechnung tragen. Praktisch heisst das: Wenn dein Welt-ETF die Schweiz bereits enthält, musst du Schweizer Aktien nicht zwingend zusätzlich stark aufstocken. Ein kleiner Zusatz kann emotional angenehm sein. Ein grosser Zusatz führt dagegen schnell zu einer deutlichen Übergewichtung. Wenn du unsicher bist, hilft eine einfache Kontrollfrage: Würde ich denselben Anteil auch wählen, wenn die Unternehmen nicht aus meinem Heimatland kämen? Wenn die Antwort nein lautet, spricht viel für Home Bias statt für eine klare Anlagestrategie. Für Vorsorge-Portfolios In der Vorsorge ist ein moderater Schweiz-Anteil oft nachvollziehbar. Deine späteren Ausgaben fallen grösstenteils in Franken an, und viele Schweizer Vorsorgelösungen haben ohnehin einen gewissen Inlandfokus. Das ist nicht automatisch falsch. Entscheidend ist, dass der Schweiz-Anteil nicht unbemerkt in mehreren Schichten gleichzeitig zu hoch wird – etwa in Pensionskasse, Säule 3a und freiem Depot zusammen. Gerade in der Vorsorge lohnt sich ein Blick auf das Gesamtbild. Wenn du in mehreren Töpfen investierst, solltest du nicht jedes Depot isoliert betrachten, sondern alle Bestände zusammen. So erkennst du, ob du de facto bereits sehr stark auf die Schweiz setzt. Ein nachhaltiges Vorsorge-Portfolio darf Franken-Bezug haben, sollte aber trotzdem global diversifiziert bleiben. Für thematische Nachhaltigkeitsziele Wenn dir bestimmte Wirkungen besonders wichtig sind – etwa Klimaschutz, Biodiversität, soziale Standards oder Zugang zu Gesundheit – kann ein rein schweizlastiger Ansatz zu eng sein. Viele Nachhaltigkeitsthemen sind global verteilt. Erneuerbare Energien, Halbleiter für Effizienztechnologien, Wassertechnik oder Kreislaufwirtschaft finden oft in Märkten statt, die in der Schweiz nur begrenzt repräsentiert sind. In diesem Fall kann die Schweiz ein stabiler Qualitätsbaustein sein, aber kaum das ganze Nachhaltigkeitsspektrum abdecken. Ein thematischer Schwerpunkt sollte deshalb in ein globales Konzept eingebettet werden. So vermeidest du, dass deine Werte klar sind, dein Portfolio aber zu eng gebaut ist. Wenn du tiefer einsteigen möchtest, ist es sinnvoll, den Schweiz-Anteil zusammen mit der Wahl des passenden nachhaltigen ETF zu prüfen. Auch unser ETF-Guide und der Artikel zu verschiedenen Anlagewegen helfen dabei, die Frage nicht isoliert, sondern im Gesamtaufbau deines Portfolios zu beantworten. Eine pragmatische Entscheidungslogik statt Dogma Es gibt keine wissenschaftlich exakte Zahl, wie viel Schweiz ein nachhaltiges Portfolio «braucht». Sinnvoller als starre Regeln ist eine klare Entscheidungslogik. Der Bundesrat, die FINMA und akademische Forschung zu Sustainable Finance betonen in unterschiedlichen Zusammenhängen vor allem Transparenz, Risikoaufklärung und Nachvollziehbarkeit. Genau daran kannst du dich orientieren. Ein vernünftiger Ansatz sieht oft so aus: Zuerst definierst du dein globales nachhaltiges Kernportfolio. Danach prüfst du, ob du aus emotionalen, praktischen oder vorsorgebezogenen Gründen einen zusätzlichen Schweiz-Anteil möchtest. Anschliessend kontrollierst du, ob dieser Zusatz mit deinen Nachhaltigkeitszielen vereinbar ist und ob daraus Klumpenrisiken entstehen. Wenn du diesen Schritt bewusst gehst, wird Home Bias von einer unbewussten Gewohnheit zu einer informierten Entscheidung. Für viele private Anleger:innen ist ein kleiner bis mittlerer Schweiz-Anteil der pragmatischste Weg: genug Heimatbezug, um sich mit dem Portfolio wohlzufühlen, aber nicht so viel, dass Diversifikation und Nachhaltigkeitslogik leiden. Ein hoher Schweiz-Anteil kann passend sein, braucht jedoch starke Gründe – und die Bereitschaft, Konzentrationsrisiken bewusst zu tragen. Nachhaltig investieren heisst nicht, möglichst lokal oder möglichst global zu sein. Es heisst, Wirkung, Risiko, Transparenz und die eigene Lebensrealität zusammenzubringen. Wenn du deinen Schweiz-Anteil unter diesem Blickwinkel prüfst, wird die Frage «Wie viel Schweiz?» meist überraschend klar.