Wann ist ein Fonds nur «grün» vermarktet – und wann wirklich substanziell nachhaltig? Theresa Keller Viele Fonds klingen heute verantwortungsvoll, klimafreundlich oder zukunftsfähig. Für Anleger:innen ist aber oft schwer erkennbar, ob dahinter echte Nachhaltigkeit steckt – oder vor allem gutes Marketing. Wenn du nachhaltige Fonds prüfen willst, hilft ein nüchterner Blick auf Methode, Zielsetzung und Transparenz: Gute Nachhaltigkeit ist belegbar, nicht bloss sympathisch. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Zwischen Marketing und Substanz liegt oft ein Blick in die Dokumente © Moment Makers Group / Getty Images Warum «nachhaltig» nicht gleich «nachhaltig» ist – Begriffsverwirrung entflechten Der Begriff «nachhaltig» wird im Fondsmarkt sehr unterschiedlich verwendet. Manchmal bedeutet er lediglich, dass gewisse ESG-Risiken – also Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken – in die Finanzanalyse einfliessen. Das kann sinnvoll sein, sagt aber noch wenig darüber aus, ob ein Fonds tatsächlich Kapital in Unternehmen lenkt, die ökologische oder soziale Probleme messbar besser adressieren. Genau hier liegt die zentrale Unterscheidung: ESG-Integration ist nicht automatisch dasselbe wie nachhaltige Anlagestrategie – und schon gar nicht dasselbe wie Wirkungsorientierung. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA hat 2024 in ihren Leitlinien zu Fondsnamen deshalb betont, dass Nachhaltigkeits- oder ESG-Begriffe im Namen mit substanziellen Anlagekriterien und Ausschlüssen unterlegt sein müssen. Das ist eine Reaktion auf ein Problem, das viele Anleger:innen kennen: Ein «grüner» Name kann Erwartungen wecken, die das Portfolio inhaltlich gar nicht erfüllt. Auch die Schweizer Selbstregulierung versucht, diese Unschärfe zu verringern. Die Asset Management Association Switzerland (AMAS) verlangt in ihrer Selbstregulierung von 2022, dass nachhaltigkeitsbezogene Fondsmerkmale, Ziele, Anlagemethoden und Kontrollen klar dokumentiert werden. Für dich als Leser:in ist das wichtig, weil damit der Massstab verschoben wird: weg von schönen Versprechen, hin zu prüfbaren Aussagen. Kurz gesagt: Ein Fonds ist nicht schon deshalb substanziell nachhaltig, weil er ESG-Daten nutzt, kontroverse Titel meidet oder sich sprachlich modern präsentiert. Entscheidend ist, wie tief Nachhaltigkeit die Anlagestrategie tatsächlich prägt. Vier Stufen nachhaltiger Substanz – Von minimaler ESG-Integration bis zu belastbarer Wirkung Stufe 1: ESG nur als Risikofilter – geringe Nachhaltigkeitstiefe Auf der ersten Stufe werden ESG-Faktoren vor allem genutzt, um finanzielle Risiken besser einzuschätzen. Ein Unternehmen mit hohem CO₂-Ausstoss, schwacher Arbeitssicherheit oder schlechter Unternehmensführung kann langfristig rechtliche, operative oder Reputationsrisiken tragen. Diese Sichtweise ist finanzwirtschaftlich sinnvoll und wird auch in der Forschung breit diskutiert. Sie bedeutet aber nicht automatisch, dass der Fonds ein Nachhaltigkeitsziel verfolgt. Für dich heisst das: Wenn ein Fonds sagt, ESG werde «im Investmentprozess berücksichtigt», ist das zunächst nur ein Hinweis darauf, dass Nachhaltigkeitsdaten in die Risikoanalyse einfliessen. Das kann nützlich sein – ist aber noch keine starke Nachhaltigkeitslogik. Ein solcher Fonds kann weiterhin in Sektoren oder Geschäftsmodelle investieren, die aus Nachhaltigkeitssicht problematisch sind, solange das finanzielle Chance-Risiko-Verhältnis aus Sicht des Managements stimmt. Stufe 2: Ausschlüsse und Basisscreening – Verbesserung, aber oft noch dünn Die zweite Stufe geht einen Schritt weiter. Hier schliesst ein Fonds bestimmte Bereiche aus, etwa Kohle, Waffen, Tabak oder schwere Verstösse gegen internationale Normen. Häufig kommen zusätzlich Mindeststandards oder einfache ESG-Schwellenwerte hinzu. Das ist für viele Anleger:innen intuitiv nachvollziehbar und oft der erste echte Schritt über blosses Marketing hinaus. Aber auch hier lohnt sich genaues Hinsehen. Ausschlüsse können eng oder weit definiert sein. Ein Fonds kann etwa «keine Kohle» versprechen, aber trotzdem in Öl- und Gasunternehmen investieren. Oder er toleriert einen gewissen Umsatzanteil aus problematischen Tätigkeiten. Nachhaltige Fonds prüfen bedeutet deshalb immer auch: Wie streng sind die Schwellenwerte? Welche Ausnahmen gibt es? Und wie vollständig wird darüber berichtet? Basisscreening verbessert die Mindestqualität eines Portfolios, ist aber noch nicht zwingend Ausdruck hoher Nachhaltigkeitstiefe. Es reduziert Schäden eher am Rand, statt das Kapital klar in besonders nachhaltige Geschäftsmodelle zu lenken. Stufe 3: Ambitionierte Selektion und Stewardship – mehr Substanz Auf der dritten Stufe wird Nachhaltigkeit zu einem zentralen Auswahlkriterium. Der Fonds investiert gezielt in Unternehmen, die innerhalb ihrer Branche überdurchschnittlich gute ökologische und soziale Leistungen zeigen, glaubwürdige Transformationspläne haben oder mit ihren Produkten Lösungen für reale Nachhaltigkeitsprobleme beitragen. Dazu kommt oft Stewardship: also aktiver Dialog mit Unternehmen, Ausübung von Stimmrechten und dokumentierte Einflussnahme. Das ist substanzieller, weil Nachhaltigkeit nicht nur Risiken begrenzt, sondern die Titelauswahl sichtbar prägt. Besonders relevant ist hier die Frage, ob das Fondsmanagement offenlegt, nach welchen Kriterien Unternehmen ausgewählt und wie Engagement-Massnahmen konkret umgesetzt werden. Gerade deshalb ist eine nachvollziehbare Stewardship-Strategie ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Stufe 4: Wirkungsorientierung und nachvollziehbare Ziele – höchste Transparenzanforderung Die vierte Stufe ist am anspruchsvollsten. Hier behauptet ein Fonds nicht nur, «besser» oder «verantwortungsvoller» zu investieren, sondern definiert überprüfbare Nachhaltigkeitsziele. Das kann zum Beispiel eine Ausrichtung auf Klimaschutz, Biodiversität, Kreislaufwirtschaft, bezahlbare Gesundheitsversorgung oder soziale Inklusion sein. Entscheidend ist, dass diese Ziele nicht abstrakt bleiben, sondern mit Methoden, Kennzahlen, Schwellenwerten und Fortschrittsberichten unterlegt werden. Wissenschaftlich und regulatorisch ist das der sensibelste Bereich, weil Wirkung im Finanzmarkt schwer sauber nachzuweisen ist. Es reicht nicht, einfach in ein Unternehmen mit «grünem» Produkt zu investieren. Ein Fonds muss darlegen, warum seine Auswahl und seine Einflussnahme plausibel zur angestrebten Wirkung beitragen. Für dich ist diese Stufe dann überzeugend, wenn ein Fonds nicht nur gute Geschichten erzählt, sondern Zielkonflikte offenlegt, Kennzahlen erklärt und auch Grenzen der eigenen Wirkung transparent benennt. Woran du die Stufe erkennst – Ein Kriterienraster Wenn du einen grünen Fonds oder Marketing voneinander unterscheiden willst, helfen ein paar einfache Prüfsteine. Du musst dafür keine Expert:in sein. Entscheidend ist, ob die Unterlagen konkrete, überprüfbare Antworten geben. Was ist das Nachhaltigkeitsversprechen? Geht es nur um ESG-Berücksichtigung, um Ausschlüsse, um Best-in-Class-Selektion oder um ein klar formuliertes Wirkungsziel? Wie wird ausgewählt? Sind Kriterien, Datenquellen, Schwellenwerte und Ausnahmen beschrieben – oder bleibt alles vage? Was ist ausgeschlossen? Gibt es verbindliche Ausschlusslisten für fossile Energien, Waffen, Tabak oder schwere Normverstösse? Wie streng sind die Umsatzgrenzen? Wie sieht das Portfolio tatsächlich aus? Passen die grössten Positionen zur Nachhaltigkeitserzählung des Fonds? Gibt es aktives Engagement? Werden Stimmrechte ausgeübt, Dialoge dokumentiert und Ergebnisse veröffentlicht? Welche Kennzahlen werden berichtet? Zum Beispiel CO₂-Fussabdruck, Taxonomie-Anteil, Übergangsziele oder andere klar definierte Nachhaltigkeitsindikatoren. Wie transparent ist der Fonds über Zielkonflikte? Seriöse Anbieter benennen auch Unsicherheiten, methodische Grenzen und Fälle, in denen Nachhaltigkeit und Renditeinteressen nicht deckungsgleich sind. Ein einfacher Praxistest lautet: Könntest du nach dem Lesen der Unterlagen jemand anderem in zwei Sätzen erklären, warum dieser Fonds nachhaltig sein soll – und woran man das nachprüfen kann? Wenn das nicht gelingt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Nachhaltigkeitslogik eher marketinggetrieben als substanziell ist. Besonders vorsichtig solltest du sein, wenn starke Begriffe wie «Impact», «Klima», «Transition», «grün» oder «nachhaltig» prominent verwendet werden, die Methode dazu aber nur allgemein beschrieben ist. Genau solche Fälle stehen im Fokus regulatorischer Verschärfungen, weil sie Greenwashing-Risiken erhöhen. Schweizer Besonderheit: Warum AMAS hier relevant ist – Verbindung zur Selbstregulierung In der Schweiz ist die AMAS besonders wichtig, weil sie mit der Selbstregulierung zur Transparenz und Offenlegung bei Kollektivvermögen mit Nachhaltigkeitsbezug einen praktischen Branchenrahmen gesetzt hat. Diese Selbstregulierung ist kein wissenschaftlicher Aufsatz, aber sie ist für die Einordnung von Fonds im Schweizer Markt sehr relevant: Sie verlangt, dass Nachhaltigkeitsansatz, Anlageziel, Messmethoden, Datenbasis und Kontrollen nachvollziehbar offengelegt werden. Für Anleger:innen ist das deshalb nützlich, weil sich daraus eine klare Erwartung ableiten lässt: Ein Fonds mit Nachhaltigkeitsbezug sollte nicht nur Werbebotschaften liefern, sondern belastbare Unterlagen, die sich prüfen lassen. Wenn du also nachhaltige Fonds prüfen willst, lohnt sich gerade in der Schweiz der Blick darauf, ob ein Anbieter sich an diese Offenlegungslogik hält. Das ersetzt keine eigene Beurteilung, macht sie aber deutlich einfacher. Fazit: Gute Nachhaltigkeit ist überprüfbar, nicht nur sympathisch Ein Fonds ist nicht schon dann überzeugend nachhaltig, wenn er modern klingt, ESG erwähnt oder einzelne problematische Branchen ausschliesst. Wirklich substanziell wird Nachhaltigkeit erst dann, wenn sie die Titelauswahl prägt, durch aktives Eigentümerverhalten unterstützt wird und – im besten Fall – mit nachvollziehbaren Zielen und transparenter Berichterstattung verbunden ist. Für deine Praxis heisst das: Verlass dich weniger auf Etiketten und mehr auf die Tiefe der Methode. Frage nicht nur ob ein Fonds nachhaltig genannt wird, sondern wie diese Nachhaltigkeit entsteht, woran sie gemessen wird und wo ihre Grenzen liegen. So erkennst du den Unterschied zwischen grünem Marketing und einem Fonds, der Nachhaltigkeit tatsächlich ernst nimmt.