Was Schweizer Anleger über Regulierung und Greenwashing wissen sollten Theresa Keller Nachhaltig investieren klingt nach einer guten Sache: für dein Vermögen, aber auch für Klima, Umwelt und Gesellschaft. Genau deshalb ist Greenwashing bei Finanzprodukten so heikel – denn grüne Versprechen wirken vertrauenswürdig, sind aber nicht immer sauber belegt. Wenn du in der Schweiz anlegst, hilft dir ein Grundverständnis von Regulierung und Selbstregulierung dabei, Werbeaussagen besser einzuordnen und Produkte kritischer zu prüfen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Regulierung schafft Orientierung – ersetzt aber nicht den kritischen Blick. © JLGutierrez / Getty Images Warum Greenwashing bei nachhaltigen Finanzprodukten ein reales Problem ist Was mit Greenwashing in der Finanzwelt gemeint ist In der Finanzwelt bedeutet Greenwashing, dass ein Produkt, eine Strategie oder ein Anbieter nachhaltiger erscheint, als es die tatsächliche Anlagetätigkeit rechtfertigt. Das kann sehr offen geschehen – etwa mit grossen Versprechen ohne belastbare Daten – oder subtil, zum Beispiel über unklare Begriffe, selektive Kennzahlen oder Hochglanzberichte, die wenig über das Portfolio selbst verraten. Das Problem ist nicht nur moralisch, sondern auch praktisch: Wenn Anleger:innen Nachhaltigkeit bezahlen, aber nicht bekommen, leidet das Vertrauen in den ganzen Markt. Genau darauf weisen internationale Aufsichts- und Standardsetzungsinstitutionen seit einigen Jahren hin. Warum Begriffe wie ESG und nachhaltig nicht automatisch reichen Viele Missverständnisse beginnen bei der Sprache. ESG steht für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. Das sagt aber zunächst nur, dass solche Faktoren in irgendeiner Form berücksichtigt werden – nicht wie streng, mit welchem Ziel und mit welchen Folgen fürs Portfolio. Ein Fonds kann ESG-Daten nutzen und trotzdem in Branchen investieren, die du persönlich klar ausschliessen würdest. Auch das Wort nachhaltig ist für sich allein wenig aussagekräftig. Entscheidend ist, welche Methode dahintersteht: Werden problematische Sektoren ausgeschlossen? Wird nur innerhalb einer Branche in die relativ besseren Unternehmen investiert? Gibt es ein messbares Nachhaltigkeitsziel? Oder beruht die Einstufung vor allem auf internen Ratings? Hier ist ein wichtiger Punkt: Nachhaltigkeit ist bei Finanzprodukten kein einheitliches Etikett. Laut den 2024 aktualisierten Swiss Climate Scores sollen Anleger:innen deshalb nachvollziehen können, wie klimabezogen ein Portfolio tatsächlich ist – etwa über Emissionen, Exposition gegenüber fossilen Energien und die Ausrichtung auf Klimaziele. Das zeigt gut, worauf es ankommt: nicht auf ein Label allein, sondern auf überprüfbare Informationen. Wie der Schweizer Rahmen funktioniert Rolle von Bundesrat/SIF In der Schweiz setzt der Bund die politische Richtung. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen, kurz SIF. Es begleitet die finanzpolitische Strategie des Bundes und arbeitet an Rahmenbedingungen für einen glaubwürdigen nachhaltigen Finanzplatz. Der Bundesrat hat in mehreren Berichten und Positionspapieren klargemacht, dass Greenwashing im Finanzsektor eingedämmt werden soll und dass Kund:innen vor irreführenden Nachhaltigkeitsangaben geschützt werden müssen. Wichtig für dich: Der Bundesrat definiert nicht einfach für jedes Produkt ein starres Nachhaltigkeitssiegel. Vielmehr geht es um Grundsätze, Transparenz und darum, wie Begriffe und Informationen im Markt verwendet werden. Der Bericht des Bundesrats von 2025 zur Verhinderung von Greenwashing im Finanzmarkt hat diese Linie weiter konkretisiert. Für Anleger:innen heisst das: Der Staat schafft Orientierung und Druck in Richtung Klarheit, aber er nimmt dir die Prüfung eines Produkts nicht vollständig ab. Rolle von FINMA Die FINMA ist die Schweizer Finanzmarktaufsicht. Sie ist nicht dafür da, jedes Produkt inhaltlich als «wirklich nachhaltig» zu zertifizieren. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die Aufsicht über beaufsichtigte Institute wahrzunehmen und dabei auch irreführende Kommunikation, Organisationsmängel oder Verstösse gegen finanzmarktrechtliche Pflichten im Blick zu haben. Besonders relevant ist das bei Fonds, Vermögensverwaltung und Vertrieb. Wenn ein Institut Nachhaltigkeit stark vermarktet, müssen Aussagen konsistent, nachvollziehbar und organisatorisch abgestützt sein. Die FINMA hat in ihrer Kommunikation zu Greenwashing mehrmals aufgezeigt, dass sie das Thema als Aufsichtsrisiko betrachtet. Damit ist klar: Nachhaltig vermarkten ist nicht einfach eine Marketingfrage, sondern kann aufsichtsrechtliche Bedeutung haben. Branchen-Selbstregulierung und Produkttransparenz Neben Staat und Aufsicht spielt in der Schweiz die Selbstregulierung der Branche eine grosse Rolle. Besonders wichtig ist die Asset Management Association Switzerland. Ihre Selbstregulierung zur Transparenz und Offenlegung bei Kollektivvermögen mit Nachhaltigkeitsbezug wurde 2022 veröffentlicht und später weiterentwickelt. Sie verlangt unter anderem, dass nachhaltigkeitsbezogene Merkmale, Ziele, Ansätze und Prozesse nachvollziehbar beschrieben werden. Diese Selbstregulierung ersetzt keine Wunderwaffe, ist aber für dich nützlich: Sie erhöht den Standard, nach dem Fondsanbieter erklären müssen, was sie tun. Je konkreter ein Produkt seine Methodik, Ausschlüsse, Datenquellen und Kontrollmechanismen offenlegt, desto eher kannst du beurteilen, ob das Nachhaltigkeitsversprechen Substanz hat. Wer macht was in der Schweiz? Bundesrat / SIF: setzt die strategische Richtung und entwickelt Rahmenbedingungen gegen Greenwashing. FINMA: beaufsichtigt Institute und achtet darauf, dass Nachhaltigkeitsaussagen nicht irreführend oder organisatorisch ungenügend abgestützt sind. Branchenverbände: konkretisieren über Selbstregulierung, wie Transparenz bei nachhaltigen Produkten aussehen soll. Du als Anleger:in: prüfst, ob Versprechen, Methode und Portfolio tatsächlich zusammenpassen. So prüfst du ein Produkt trotz grüner Versprechen Methodik, Ausschlüsse und Engagement Der erste Blick sollte nie auf das Werbewort, sondern auf die Methode gehen. Ein glaubwürdiges Produkt erklärt klar, wie Nachhaltigkeit umgesetzt wird. Dazu gehören Ausschlüsse, Auswahlkriterien, Stimmrechtsausübung und Engagement mit Unternehmen. Engagement bedeutet, dass ein Anbieter Unternehmen aktiv zu Verbesserungen bewegen will – etwa bei Emissionen, Lieferketten oder Governance. Das kann sinnvoll sein, ist aber nur dann überzeugend, wenn es dokumentiert wird und nicht als Ausrede dient, um praktisch alles im Portfolio zu behalten. Frag dich deshalb: Welche Sektoren oder Praktiken sind ausgeschlossen? Wie verbindlich sind die Kriterien? Werden nur ESG-Risiken berücksichtigt, oder gibt es ein echtes Nachhaltigkeitsziel? Und wird offengelegt, was im Dialog mit Unternehmen konkret erreicht wurde? Portfoliobestandteile und Nachweise Entscheidend ist, was tatsächlich im Produkt steckt. Ein Fonds kann sehr grün beworben werden und dennoch Beteiligungen an Unternehmen halten, die nicht zu deinen Erwartungen passen. Darum lohnt sich ein Blick in die grössten Positionen, in den vollständigen Portfoliobericht und in die Beschreibung des Referenzindex, falls es sich um einen ETF handelt. Achte auch auf die Qualität der Nachweise. Gute Produkte nennen Kennzahlen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Methode und Ziel. Die Swiss Climate Scores, zuletzt 2024 aktualisiert, sind hier ein nützlicher Referenzrahmen: Sie zeigen, dass Klimainformationen dann hilfreich sind, wenn sie vergleichbar, transparent und portfolio-bezogen sind. Einzelne schöne Kennzahlen ohne Kontext sagen dagegen wenig aus. Wann Vorsicht angebracht ist Vage Sprache: Formulierungen wie «grün», «verantwortungsvoll» oder «ESG-integriert» ohne genaue Erklärung der Methode. Kein klares Anlageziel: Es bleibt offen, ob das Produkt Risiken managt, Wirkung anstrebt oder nur einzelne ESG-Daten nutzt. Keine nachvollziehbaren Ausschlüsse: Du findest keine klare Liste dazu, was ausgeschlossen ist und warum. Wenig Einblick ins Portfolio: Positionen, Indexmethodik oder Datenquellen werden nur bruchstückhaft offengelegt. Selektive Kennzahlen: Hervorgehoben werden nur einzelne positive Werte, ohne Zielkonflikte oder Grenzen zu erwähnen. Engagement ohne Belege: Der Anbieter spricht von Einfluss, zeigt aber keine Aktivitäten, Abstimmungen oder Ergebnisse. Unklare Zuständigkeiten: Es ist nicht erkennbar, wer Nachhaltigkeitsanalysen durchführt und wie sie kontrolliert werden. Was Regulierung kann – und was du trotzdem selbst prüfen musst Regulierung und Selbstregulierung können viel bewirken: Sie schaffen Mindeststandards, begrenzen irreführende Aussagen und verbessern Transparenz. Genau das ist wichtig, damit nachhaltige Finanzprodukte in der Schweiz glaubwürdiger werden. Aber sie lösen nicht jedes Problem. Nachhaltigkeit bleibt ein Feld mit Interpretationsspielräumen, unterschiedlichen Methoden und teilweise noch uneinheitlichen Daten. Für dich bedeutet das: Regulierung ist ein Schutznetz, kein Ersatz für kritisches Lesen. Wenn du ein Produkt auswählst, solltest du immer prüfen, ob dein persönliches Nachhaltigkeitsverständnis zur tatsächlichen Strategie passt. Vielleicht willst du fossile Energien strikt ausschliessen. Vielleicht ist dir Klimawirkung wichtiger als breite ESG-Abdeckung. Vielleicht suchst du eher kostengünstige ETFs mit transparenten Regeln. Ein gutes Produkt ist nicht einfach «nachhaltig», sondern passend zu deinen Zielen und sauber erklärt. Gerade bei «commercial investigation» – also wenn du kurz vor einer Anlageentscheidung stehst – helfen drei einfache Fragen: Was verspricht das Produkt genau? Woran lässt sich das überprüfen? Und was bleibt unklar? Wenn auf diese Fragen keine klaren Antworten kommen, ist Zurückhaltung oft vernünftiger als Vertrauen. Wenn du tiefer einsteigen willst, helfen dir ergänzend ein ETF-Guide für die Frage nach Indexmethodik und Kosten, ein Bankguide für die Beurteilung von Nachhaltigkeitsversprechen auf Institutsebene sowie ein Überblick zur Säule 3a, wenn du Nachhaltigkeit mit langfristiger Vorsorge verbinden möchtest.