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Erneuerbare Energien als Anlagethema: Chancen und Risiken

Erneuerbare Energien wirken auf viele Anleger:innen fast selbstverständlich attraktiv: Sie stehen für Klimaschutz, technologische Innovation und einen tiefgreifenden Umbau der Wirtschaft. Gerade deshalb ist es wichtig, nüchtern hinzuschauen. Wenn du nachhaltig investieren möchtest, lohnt sich ein genauer Blick auf Chancen, Volatilität und die Frage, wie viel Clean Energy in ein breit aufgestelltes Portfolio überhaupt sinnvoll hineinpasst.

Windräder, Solarpanels und Stromnetz mit Börsenkurve
Erneuerbare Energien bleiben ein Zukunftsthema - aber kein risikofreies Investment. © Google Gemini / Google Gemini

Warum Erneuerbare Energien ein starkes Investment-Narrativ haben

Das Grundargument hinter dem Thema ist stark: Die Welt elektrifiziert mehr Bereiche des Alltags und der Industrie, gleichzeitig sollen Emissionen sinken. Dafür braucht es neue Stromerzeugung aus Solar- und Windkraft, leistungsfähigere Netze, Speicher, Ladeinfrastruktur, Leistungselektronik und viele industrielle Vorprodukte. Aus Investorensicht heisst das: Der Kapitalbedarf ist enorm, und genau daraus entsteht das Narrativ für thematische Anlagen.

Laut der International Energy Agency steigen die weltweiten Energieinvestitionen seit Jahren deutlich, wobei ein immer grösserer Anteil in saubere Energietechnologien fliesst. Im Bericht World Energy Investment 2024 beschreibt die IEA, dass Investitionen in Clean Energy global höher liegen als Investitionen in fossile Energien und dass insbesondere Solar, Stromnetze, Speicher und Elektrifizierung zentrale Treiber sind. Das ist für Anleger:innen relevant, weil solche Investitionsströme oft anzeigen, wo politische Prioritäten, industrielle Wertschöpfung und zukünftige Nachfrage zusammenkommen.

Was die IEA zu globalen Investitionen sagt

Die IEA weist allerdings auch auf einen Punkt hin, der in Marketingunterlagen von Fonds oft zu kurz kommt: Nicht nur die Erzeugungskapazität zählt, sondern auch der Netzausbau. Neue Solar- und Windparks nützen weniger, wenn Stromnetze zu langsam erweitert werden, Genehmigungen stocken oder Speicher fehlen. Das bedeutet für Anleger:innen: Das Thema «erneuerbare Energien» ist breiter als Solarmodule oder Windturbinen. Es umfasst die gesamte Infrastruktur des Energieumbaus.

Aus analytischer Sicht ist das wichtig, weil sich damit Chancen auf mehrere Teilsegmente verteilen. Ein Unternehmen, das Netztechnik, Transformatoren oder Leistungshalbleiter liefert, kann ebenso vom Trend profitieren wie ein klassischer Betreiber von Windparks. Gleichzeitig unterscheiden sich Geschäftsmodelle stark bei Margen, Kapitalbedarf, Regulierung und Zinssensitivität.

Welche Segmente im Thema stecken

Wenn du in Clean Energy Fonds oder ETFs investierst, kaufst du meist kein einheitliches Thema, sondern ein Bündel sehr unterschiedlicher Teilmärkte. Typisch sind:

  • Solar: Modulhersteller, Wechselrichter, Projektentwickler, Zulieferer und Betreiber.
  • Wind: Turbinenhersteller, Komponentenlieferanten, Offshore- und Onshore-Entwickler.
  • Netze und Elektrifizierung: Netztechnik, Kabel, Transformatoren, Software für Stromsysteme.
  • Speicher: Batteriezellen, Systemintegratoren, stationäre Speicherlösungen.
  • Ausrüster und Materialien: Industrieunternehmen, die Maschinen, Halbleiter oder Spezialkomponenten liefern.

Für deine Anlageentscheidung ist das zentral: Clean Energy Fonds sind nicht automatisch reine Klimaschutzprodukte, sondern oft auch Industrie- und Technologiefonds mit zyklischen Eigenschaften. Rendite und Risiko hängen deshalb nicht nur davon ab, ob «mehr grüne Energie» gebaut wird, sondern auch von Weltkonjunktur, Rohstoffpreisen, Wettbewerb und Finanzierungskosten.

Wo die Risiken liegen

Ein verbreitetes Missverständnis lautet: «Grün» sei automatisch defensiv oder sicher. Das stimmt nicht. Ein nachhaltiges Thema kann volkswirtschaftlich sinnvoll sein und gleichzeitig an der Börse stark schwanken. Gerade Clean-Energy-Aktien haben in den letzten Jahren gezeigt, wie schnell Euphorie in Ernüchterung umschlagen kann.

Bewertungen, Zinsen, Politik und Lieferketten

Ein grosses Risiko sind hohe Bewertungen. Wenn ein Megatrend sehr populär wird, bezahlen Anleger:innen oft schon heute sehr viel für künftiges Wachstum. Bleiben Gewinne hinter den Erwartungen zurück oder steigen die Kapitalkosten, können Kurse stark korrigieren. Das hat man besonders in Phasen steigender Zinsen gesehen: Viele Clean-Energy-Unternehmen sind kapitalintensiv, finanzieren Projekte über Fremdkapital oder werden an der Börse stark über zukünftige Cashflows bewertet. Höhere Zinsen belasten dann sowohl das operative Geschäft als auch die Bewertung.

Die Europäische Zentralbank zeigt in ihren Analysen zur Transmission der Geldpolitik und zu Investitionen, wie stark Finanzierungsbedingungen reale Investitionen beeinflussen. Für den Sektor heisst das praktisch: Selbst wenn die langfristige Nachfrage intakt bleibt, können Projektverschiebungen, teurere Kredite und schwächere Margen die Börsenperformance über Jahre belasten.

Hinzu kommt die politische Abhängigkeit. Fördermechanismen, Ausschreibungen, Netzregeln, Importzölle oder lokale Produktionsvorgaben können Geschäftsmodelle verbessern oder verschlechtern. Die IEA betont in ihren Berichten, dass politische Planungssicherheit für die Beschleunigung sauberer Energietechnologien entscheidend ist. Für dich als Anleger:in bedeutet das, dass regulatorische Änderungen nicht nur Randthemen sind, sondern direkte Kurstreiber.

Ein weiterer Risikofaktor sind Lieferketten und industrielle Konkurrenz. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien, IRENA, beschreibt in ihrem Bericht Renewable Capacity Statistics 2024 zwar den starken Ausbau der Kapazitäten, doch Kapazitätswachstum auf globaler Ebene bedeutet nicht automatisch hohe Gewinne für alle Unternehmen entlang der Kette. In Segmenten wie Solar können Überkapazitäten, Preisdruck und harter internationaler Wettbewerb die Profitabilität stark verringern. Steigende Installationen und fallende Aktienkurse können also gleichzeitig vorkommen.

Klumpenrisiken in thematischen Fonds

Thematische Fonds wirken auf den ersten Blick diversifiziert, weil sie viele Titel enthalten. In der Praxis entstehen aber oft Klumpenrisiken. Manche Produkte sind stark auf wenige Länder konzentriert, etwa die USA, China oder Dänemark. Andere hängen stark an einzelnen Technologiepfaden oder an wenigen grossen Unternehmen. Wenn ein Sektor gerade besonders beliebt ist, können sich die Portfolios verschiedener Fonds zudem stark ähneln.

Das kann problematisch werden, wenn du glaubst, mit einem Themenfonds breit gestreut zu sein. Tatsächlich kaufst du häufig eine Wette auf einen engen Ausschnitt des Marktes. Besonders heikel wird es, wenn sich Technologiehypes bilden. Dann steigen Kurse nicht primär wegen bereits bewiesener Gewinne, sondern wegen Erwartungen an die Zukunft. Solche Erwartungen können berechtigt sein, aber sie machen Anlagen anfällig für Enttäuschungen.

«Ein guter Zukunftstrend ist nicht automatisch eine gute Aktie zum heutigen Preis.»

Genau dieser Unterschied wird bei nachhaltigen Anlagethemen oft unterschätzt. Dass die Energiewende stattfindet, ist etwas anderes als die Frage, welche Unternehmen daran dauerhaft überdurchschnittlich verdienen.

So ordnest du das Thema im Portfolio ein

Für viele Privatanleger:innen in der Schweiz ist deshalb ein All-in auf Clean Energy selten die robusteste Lösung. Sinnvoller ist meist eine thematische Beimischung innerhalb eines insgesamt breit diversifizierten Portfolios. So kannst du an einem langfristig relevanten Trend teilhaben, ohne deine Anlagestrategie vollständig von einem einzelnen Sektor abhängig zu machen.

Das passt auch zur Schweizer Perspektive: Wer Vermögen langfristig aufbauen will, fährt oft besser mit einer Kombination aus breit gestreuten globalen Aktienanlagen und kleineren thematischen Satellitenpositionen. Damit reduzierst du das Risiko, aus Überzeugung in ein Thema zu gross einzusteigen, das gerade in einer schwachen Phase steckt.

Praktisch heisst das vor allem, deine Erwartungen sauber zu kalibrieren. Erneuerbare Energien können ein starkes langfristiges Narrativ sein, aber kurzfristig und mittelfristig bleiben die Kurse oft zyklisch. Du solltest also nicht erwarten, dass ein Clean-Energy-Fonds «automatisch» stabiler, ethischer und renditestärker ist als ein breiter Weltaktienfonds.

Hilfreich sind dabei drei Fragen vor einem Kauf:

  1. Was steckt wirklich im Fonds? Prüfe Regionen, Top-Positionen, Teilsegmente und die Gewichtung einzelner Titel.
  2. Wie zinssensitiv ist das Portfolio? Kapitalintensive Geschäftsmodelle reagieren oft stark auf das Zinsumfeld.
  3. Ist es eine Beimischung oder mein Kernportfolio? Für die meisten Anleger:innen eignet sich das Thema eher als Ergänzung als als alleinige Aktienlösung.

Wenn du nachhaltig investieren möchtest, kann es zudem sinnvoll sein, zwischen thematischem Investieren und breit nachhaltigem Investieren zu unterscheiden. Ein global diversifizierter Fonds mit klaren Nachhaltigkeitskriterien kann das Portfolio breiter aufstellen als ein reiner Clean-Energy-Fonds. Das eine schliesst das andere nicht aus, erfüllt aber unterschiedliche Zwecke.

Unterm Strich bleibt das Thema attraktiv, gerade weil Dekarbonisierung, Elektrifizierung und Netzausbau über Jahre relevant bleiben dürften. Wissenschaftlich und ökonomisch spricht viel dafür, dass die Welt enorme Summen in saubere Energie investiert. Für dich als Anleger:in folgt daraus jedoch nicht, dass jede Aktie im Sektor ein Selbstläufer ist. Das Thema ist chancenreich, aber volatil – und genau deshalb oft am stärksten, wenn du es mit Disziplin, Diversifikation und realistischen Erwartungen einordnest.

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