Biodiversität und Geldanlage: Das unterschätzte Nachhaltigkeitsthema Theresa Keller Wenn über nachhaltige Geldanlage gesprochen wird, steht meist das Klima im Mittelpunkt. Dabei ist der Verlust von Biodiversität längst auch ein Finanzthema: Er beeinflusst Ernten, Wasserverfügbarkeit, Lieferketten, Rohstoffpreise und damit die Risiken und Chancen von Unternehmen. Für dich als Anleger:in lohnt es sich deshalb, Natur nicht nur als Naturschutzfrage zu sehen, sondern als Faktor, der Portfolios und Vorsorge in der Schweiz zunehmend mitprägt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Biodiversität ist nicht nur ein Umweltthema - sie wird zunehmend auch zum Finanzthema. © Google Gemini / Google Gemini Warum Biodiversität für Anleger:innen mehr ist als Naturschutz Biodiversität meint die Vielfalt von Arten, Lebensräumen und genetischen Eigenschaften. Diese Vielfalt ist keine romantische Nebensache, sondern die Grundlage vieler wirtschaftlicher Leistungen: fruchtbare Böden, Bestäubung, sauberes Wasser, natürliche Schädlingskontrolle, Fischbestände oder widerstandsfähige Wälder. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat schon vor einigen Jahren gezeigt, dass der menschengemachte Naturverlust weltweit rasch voranschreitet. Neuere Arbeiten betonen noch stärker, dass daraus konkrete ökonomische Risiken entstehen, etwa durch sinkende Produktivität, höhere Inputkosten oder regulatorischen Druck. Für Anleger:innen ist das wichtig, weil Unternehmen nicht im luftleeren Raum wirtschaften. Wenn Ökosysteme geschädigt werden, können Geschäftsmodelle teurer, volatiler oder politisch angreifbarer werden. Ein Unternehmen kann also finanziell solide wirken und gleichzeitig stark davon abhängen, dass Böden fruchtbar bleiben, Flüsse genügend Wasser führen oder bestimmte Rohstoffe ohne Entwaldung beschafft werden können. Genau diese Abhängigkeiten rücken durch naturbezogene Finanzrisiken stärker in den Fokus. Das wird inzwischen auch von Finanzinstitutionen systematisch aufgegriffen. Die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures, kurz TNFD, hat 2023 einen Rahmen veröffentlicht, mit dem Unternehmen und Finanzmarktakteure naturbezogene Abhängigkeiten, Auswirkungen, Risiken und Chancen strukturierter erfassen können. Die Kernaussage dahinter ist einfach: Naturverlust kann bilanziell relevant werden – über Umsätze, Kosten, Vermögenswerte, Finanzierung oder Reputation. Wo Unternehmen von Ökosystemen abhängen Besonders deutlich wird die finanzielle Relevanz dort, wo Unternehmen direkt mit Land, Wasser oder biologischen Rohstoffen arbeiten. In der Landwirtschaft hängen Erträge von Bestäubern, Bodenfruchtbarkeit, funktionierenden Wasserkreisläufen und einem stabilen Klima ab. In der Lebensmittelindustrie setzen sich diese Risiken fort: Wenn Ernten ausfallen oder Qualität schwankt, verteuern sich Rohstoffe und Lieferverträge werden unsicherer. Auch die Chemieindustrie ist betroffen, etwa durch Wasserstress, strengere Anforderungen an Schadstoffeinträge oder den Zugang zu biobasierten Rohstoffen. Im Bau und in der Immobilienwirtschaft spielt Biodiversität auf den ersten Blick eine kleinere Rolle, tatsächlich aber sind Flächenverbrauch, Versiegelung, Materialgewinnung, Wasserverfügbarkeit und Hochwasserschutz eng mit Naturzustand und Ökosystemfunktionen verknüpft. Konsumgüterunternehmen wiederum sind oft über globale Lieferketten mit Waldverlust, Bodendegradation oder Übernutzung von Wasser verbunden. Wenn in einer Lieferkette Entwaldung vorkommt oder Wasserknappheit zunimmt, kann das nicht nur die Produktion stören, sondern auch regulatorische und reputative Folgen nach sich ziehen. Eine viel zitierte Studie von Dasgupta im Auftrag der britischen Regierung hat den wirtschaftlichen Kern dieser Entwicklung klar benannt: Unsere Volkswirtschaften sind in die Natur eingebettet, nicht umgekehrt. Wird Natur als gratis und unbegrenzt behandelt, entstehen Fehlanreize, die sich später in realen Kosten niederschlagen. Für Anleger:innen ist das ein Hinweis darauf, dass reine Finanzkennzahlen die tatsächliche Verletzlichkeit eines Geschäftsmodells oft nur unvollständig abbilden. Was naturbezogene Risiken für Portfolios bedeuten Naturbezogene Risiken lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Physische Risiken entstehen, wenn Ökosysteme geschädigt sind und dadurch reale Störungen auftreten, etwa Ernteeinbussen, Wasserknappheit, Erosion, Fischereiverluste oder höhere Schäden durch Überschwemmungen. Übergangsrisiken entstehen durch neue Regeln, Berichtspflichten, Schutzgebiete, strengere Lieferkettenanforderungen oder geänderte Marktstandards. Reputationsrisiken treffen Unternehmen, wenn sie mit Entwaldung, Gewässerverschmutzung oder dem Verlust wertvoller Lebensräume in Verbindung gebracht werden. Für ein Portfolio bedeutet das: Risiken können konzentriert sein, auch wenn sie auf den ersten Blick breit gestreut wirken. Ein globaler Aktienfonds kann gleichzeitig in Lebensmittelkonzerne, Chemieunternehmen, Baukonzerne und Detailhändler investieren, die alle auf ähnliche Naturleistungen angewiesen sind. Wenn Wasserstress, Bodendegradation oder Regulierung mehrere Branchen parallel treffen, kann daraus ein systemischer Effekt entstehen. Genau deshalb befassen sich Aufsichtsbehörden mit dem Thema. Die FINMA hat 2024 in ihrer Risikomonitoring-Publikation naturbezogene finanzielle Risiken ausdrücklich hervorgehoben. Sie weist darauf hin, dass Biodiversitätsverlust, Entwaldung, Bodenbelastung und Wasserknappheit über Kredit-, Markt-, Haftungs- und operationelle Risiken auf den Finanzsektor wirken können. Das ist für private Anleger:innen kein Grund zur Panik, aber ein klares Signal: Naturthemen wandern von der Nachhaltigkeitsbroschüre in das Risikomanagement. Wie man Biodiversität investierbar macht – und wo das schwierig bleibt Viele Menschen fragen sich zu Recht: Wenn Biodiversität so wichtig ist, warum gibt es dann nicht einfach einen klaren «Natur-Score» für Anlagen? Die kurze Antwort lautet: Weil Natur regional, vielschichtig und stark vom konkreten Ort abhängt. Während beim Klima mit Treibhausgasen eine global vergleichbare Messgrösse existiert, ist Biodiversität keine einzelne Zahl. Ein Unternehmen kann beim Wasserverbrauch Fortschritte machen und gleichzeitig an einem sensiblen Standort Lebensräume schädigen. Oder es reduziert Entwaldung in einer Lieferkette, ohne damit automatisch lokale Artenvielfalt zu verbessern. Trotzdem gibt es Ansätze, Biodiversität investierbar zu machen. Fonds und Strategien arbeiten häufig mit Ausschlüssen, zum Beispiel bei Unternehmen mit schweren Verstössen gegen Umweltstandards, mit Best-in-Class-Ansätzen, mit thematischen Schwerpunkten oder mit aktivem Dialog mit Unternehmen. Entscheidend ist, dass du nicht zu viel von einem Etikett erwartest. Ein Fonds mit «Nature» oder «Biodiversity» im Namen ist nicht automatisch wissenschaftlich robust oder wirkungsstark. Natur- und Biodiversitätsfonds, Wasser, Wald und Regeneration In der Praxis findest du vor allem vier Produktlogiken. Erstens gibt es Fonds, die gezielt in Unternehmen investieren, deren Produkte oder Dienstleistungen Natur schützen oder Ressourcen effizienter nutzen, etwa im Wassermanagement, in Kreislaufwirtschaft oder in Präzisionslandwirtschaft. Zweitens gibt es Strategien mit Fokus auf Wald, nachhaltige Forstwirtschaft oder Renaturierung. Drittens existieren breitere Umweltfonds, die Biodiversität als Teil mehrerer Nachhaltigkeitsthemen behandeln. Viertens setzen einige institutionelle Anleger auf Stewardship, also aktives Stimmverhalten und den Dialog mit Unternehmen, um naturbezogene Risiken zu verringern. Das kann sinnvoll sein, aber es gibt Grenzen. Ein Wasserfonds ist noch kein Biodiversitätsfonds, weil Wasserinfrastruktur, Entsalzung oder Effizienztechnologien zwar relevant sind, aber nicht automatisch Artenvielfalt fördern. Auch Investitionen in Wälder sind nicht per se positiv: Monokulturplantagen sind ökologisch etwas anderes als naturnahe, vielfältige Waldsysteme. Und «Regeneration» ist ein attraktiver Begriff, der in Produkten oft sehr unterschiedlich verwendet wird. Nützlich ist deshalb ein nüchterner Blick auf die Anlagelogik: Wovon lebt die Strategie? Von Ausschlüssen, positiven Auswahlkriterien, thematischen Umsätzen oder aktivem Engagement? Welche Naturthemen werden konkret erfasst? Wasser, Landnutzung, Entwaldung, Verschmutzung, Rohstoffe, Schutz von Lebensräumen? Wie wird mit Lieferketten umgegangen? Gerade dort entstehen viele naturbezogene Risiken. Gibt es Zielkonflikte? Etwa zwischen Ressourceneffizienz, Rohstoffgewinnung und lokalem Naturschutz. Wird Wirkung behauptet oder sauber eingegrenzt? Seriöse Anbieter benennen Unsicherheiten. Warum Messung und Wirkung komplexer sind als beim Klima Die grösste Schwierigkeit liegt in den Daten. Beim Klima gibt es mit CO₂-Äquivalenten eine gemeinsame Sprache. Bei Biodiversität gibt es viele Indikatoren, die je nach Branche, Region und Fragestellung variieren. Relevant sein können etwa Landnutzungsänderungen, Entwaldung, Wasserentnahme, Nährstoffeinträge, Pestizidbelastung oder Eingriffe in empfindliche Lebensräume. Diese Grössen sind nicht immer einheitlich erhoben und oft schwer miteinander zu vergleichen. Hinzu kommt der lokale Charakter von Natur. Ein Kubikmeter Wasserverbrauch sagt wenig aus, wenn nicht bekannt ist, ob er in einer wasserreichen oder wasserarmen Region anfällt. Eine Renaturierungsmassnahme kann ökologisch wertvoll sein, aber ihre Wirkung zeigt sich unter Umständen erst nach Jahren. Deshalb warnen Fachleute vor zu einfachen Versprechen. Auch die TNFD betont, dass naturbezogene Analysen ortsbezogen und kontextabhängig sein müssen. Für dich als Anleger:in heisst das nicht, dass du das Thema meiden solltest. Es heisst eher: Frage nach Richtung und Qualität statt nach einer magischen Zahl. Gute Strategien zeigen, wo wesentliche Abhängigkeiten liegen, welche negativen Einwirkungen besonders relevant sind und wie damit umgegangen wird. Weniger überzeugend sind Produkte, die Biodiversität nur im Marketing verwenden, ohne offenzulegen, was konkret gemessen oder verbessert werden soll. Was in der Schweiz wichtig wird In der Schweiz gewinnt das Thema auf mehreren Ebenen an Bedeutung. Erstens beobachten Aufsicht und Finanzmarkt naturbezogene Risiken genauer. Die FINMA hat klar signalisiert, dass Naturverlust für beaufsichtigte Institute finanziell relevant sein kann. Damit wächst der Druck auf Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter, ihre Exponierung gegenüber Wasserstress, Entwaldung, Landnutzungsrisiken oder biodiversitätssensitiven Lieferketten besser zu verstehen. Zweitens wird Biodiversität für die Vorsorge relevant. Gerade grosse institutionelle Anleger können das Thema nicht mehr als Nische behandeln, weil sie breit diversifiziert investieren und langfristige Verpflichtungen haben. PUBLICA, die Pensionskasse des Bundes, hat 2024 in ihren klimabezogenen Offenlegungen auch naturbezogene Aspekte aufgegriffen und Biodiversität als Teil der langfristigen Nachhaltigkeits- und Risikoperspektive erwähnt. Das ist wichtig, weil Pensionskassen nicht nur Renditen erwirtschaften, sondern auch systemische Risiken mitdenken müssen, die über Jahrzehnte wirken. Drittens betrifft das Thema auch Privatanleger:innen ganz praktisch. Wer in breit gestreute nachhaltige Fonds, die Säule 3a oder ein Vorsorgedepot investiert, wird künftig häufiger auf Begriffe wie «Natur», «Wasser», «Entwaldung» oder «biodiversitätssensitive Sektoren» stossen. Entscheidend ist dann nicht, ob ein Produkt perfekt ist, sondern ob es die wesentlichen Fragen ehrlich adressiert. Diese Fragen helfen dir im Schweizer Anlagealltag: Schau über das Klimathema hinaus. Ein Fonds kann beim CO₂-Profil gut aussehen und trotzdem hohe Naturrisiken in Lieferketten tragen. Beachte Sektoren mit hoher Abhängigkeit von Ökosystemen. Dazu zählen besonders Landwirtschaft, Lebensmittel, Forstwirtschaft, Chemie, Bergbau, Bau und Konsumgüter. Lies Nachhaltigkeitsberichte kritisch. Werden nur allgemeine Absichten genannt, oder auch konkrete Angaben zu Wasser, Landnutzung, Entwaldung und Lieferketten? Unterschätze die Vorsorge nicht. Gerade in Pensionskassen und 3a-Lösungen wirken langfristige Natur- und Ressourcenrisiken besonders stark. Erwarte keine Perfektion. Datenlücken sind real. Wichtiger ist, ob ein Anbieter transparent mit Unsicherheiten umgeht und kontinuierlich nachbessert. Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Biodiversität nur etwas für spezialisierte Impact-Anlagen sei. Tatsächlich ist sie auch für ganz normale, breit gestreute Portfolios relevant, weil Naturverlust wirtschaftliche Grundlagen betrifft. Ein zweites Missverständnis lautet, dass Biodiversität einfach ein Unterthema des Klimas sei. Beides hängt eng zusammen, ist aber nicht dasselbe: Klimaschutzmassnahmen können Biodiversität fördern, sie können ihr aber auch schaden, wenn etwa Flächen falsch genutzt werden. Umgekehrt stärkt intakte Natur oft auch die Klimaanpassung und Kohlenstoffspeicherung. Wenn du nachhaltige Geldanlage ernsthaft beurteilen willst, führt daher kaum noch ein Weg an der Naturfrage vorbei. Nicht weil jede Anlage ab sofort perfekt naturpositiv sein müsste, sondern weil Biodiversität hilft, Risiken vollständiger zu verstehen und Nachhaltigkeit weniger eindimensional zu denken. Genau darin liegt ihr Wert für Anleger:innen: Sie macht sichtbar, wie eng Rendite, reale Wirtschaft und ökologische Lebensgrundlagen miteinander verbunden sind.