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Best-in-Class: Warum auch problematische Branchen in ESG-Fonds landen können

Viele Menschen erleben beim Blick in einen ESG-Fonds einen kleinen Schock: Warum tauchen dort ausgerechnet Ölkonzerne, Fluggesellschaften oder grosse Banken auf? Die kurze Antwort lautet: weil nicht jedes Nachhaltigkeitslabel dasselbe meint. Wenn du verstehst, wie die Best-in-Class-Methode funktioniert, lassen sich viele Missverständnisse auflösen – und du kannst Fonds deutlich gezielter auswählen.

Ölplattform und grünes Fondsdiagramm in einer kontrastreichen Montage
Best-in-Class bewertet oft relativ – nicht absolut. © e-crow / Getty Images

Was Best-in-Class bedeutet

Best-in-Class ist eine verbreitete ESG-Methodik. Gemeint ist damit kein Ansatz, der nur «rundum nachhaltige» Unternehmen auswählt. Stattdessen werden Unternehmen innerhalb derselben Branche miteinander verglichen. In ein Portfolio kommen dann jene Firmen, die bei Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung besser abschneiden als ihre direkten Konkurrenten.

Vergleich innerhalb derselben Branche

Genau hier liegt der Kern des Konzepts: Ein Ölkonzern wird nicht mit einem Solarunternehmen verglichen, sondern mit anderen Öl- und Gaskonzernen. Eine Airline wird mit anderen Airlines verglichen, ein Autohersteller mit anderen Autoherstellern. Das Schweizer Sustainable Finance Glossary beschreibt nachhaltige Anlagestrategien als klar definierte Auswahl- und Bewertungsverfahren; bei Best-in-Class geht es dabei um die relative Selektion innerhalb eines Sektors und nicht um einen absoluten Nachhaltigkeitsstempel.

In der Praxis fliessen dafür ESG-Daten in die Bewertung ein, etwa zu CO₂-Intensität, Arbeitssicherheit, Lieferkettenstandards, Korruptionsrisiken oder Qualität der Unternehmensführung. Solche ESG-Merkmale sind laut CFA Institute Teil eines strukturierten Investmentprozesses und sollen helfen, finanzielle und nichtfinanzielle Risiken besser zu erfassen.

Relativ besser statt absolut nachhaltig

Der wichtigste Merksatz lautet deshalb: Relativ besser ≠ uneingeschränkt nachhaltig. Ein Unternehmen kann im Branchenvergleich zu den «besseren» gehören und trotzdem in einem Sektor tätig sein, den du persönlich ablehnst oder der aus ökologischer Sicht erhebliche Probleme verursacht.

«Best-in-Class» bedeutet meist: die vergleichsweise besseren Unternehmen eines Sektors. Es bedeutet nicht automatisch: frei von problematischen Geschäftsmodellen.

Das ist kein Nebendetail, sondern die zentrale Erklärung dafür, warum der Name eines Fonds manchmal mehr Nachhaltigkeit suggeriert, als seine Methode tatsächlich leisten kann.

Warum deshalb auch problematische Branchen im Fonds landen können

Wenn ein Fonds Best-in-Class nutzt, schliesst er nicht zwingend ganze Branchen aus. Er kann weiterhin Energie, Luftfahrt, Zement, Chemie, Banken oder Automobil enthalten – nur eben in einer ESG-gefilterten Auswahl. Gerade bei breit diversifizierten Fonds ist das häufig so, weil der Ansatz Marktabdeckung erhalten will.

Das Beispiel Energie

Stell dir zwei grosse Energiekonzerne vor, die beide weiterhin Öl und Gas fördern. Konzern A hat einen höheren Anteil erneuerbarer Investitionen, strengere Methanregeln, bessere Sicherheitsstandards und transparentere Klimaziele als Konzern B. In einem Best-in-Class-Ansatz kann Konzern A aufgenommen werden, obwohl das Geschäftsmodell aus Sicht vieler Anleger:innen weiterhin problematisch bleibt.

Aus ESG-Sicht lautet die Logik dann nicht: «Dieses Unternehmen ist nachhaltig», sondern eher: «Innerhalb einer emissionsintensiven Branche schneidet es in relevanten Nachhaltigkeitskriterien besser ab als andere.» Das kann für Investor:innen sinnvoll sein, die Übergänge in der Realwirtschaft begleiten wollen. Für Menschen mit klaren Ausschlusskriterien ist es oft unbefriedigend.

Das Beispiel Automobil

Ähnlich funktioniert es bei Autoherstellern. Ein Hersteller kann wegen besserer Flotteneffizienz, schnellerem Ausbau von Elektrofahrzeugen, klareren Lieferkettenstandards oder besserer Corporate Governance in einem ESG-Fonds landen – obwohl das Unternehmen weiterhin Verbrenner verkauft, hohe Ressourcenverbräuche verursacht oder in kontroverse Rohstoffketten eingebunden ist.

Auch hier geht es also um einen Vergleich im selben Industriefeld. Für Leser:innen, die unter «nachhaltig» vor allem «möglichst frei von fossilen oder ressourcenintensiven Geschäftsmodellen» verstehen, wirkt das oft widersprüchlich. Methodisch ist es jedoch konsequent.

Wo die Methode sinnvoll ist

Diversifikation

Ein Vorteil von Best-in-Class ist die breite Streuung. Weil nicht ganze Branchen automatisch ausgeschlossen werden, bleiben grosse Teile des Markts investierbar. Das kann das Portfolio robuster machen und verhindert, dass sich ein Fonds nur auf wenige «grüne» Sektoren konzentriert. Laut CFA Institute ist die Integration von ESG-Faktoren gerade deshalb für viele Investor:innen attraktiv, weil sie Nachhaltigkeitsinformationen in klassische Risiko-Rendite-Überlegungen einbettet, statt das Anlageuniversum drastisch zu verkleinern.

Für dich kann das sinnvoll sein, wenn du einen Fonds suchst, der sich an der Gesamtwirtschaft orientiert und dennoch Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt. Dann ist Best-in-Class oft ein pragmatischer Kompromiss.

Übergangs- und Transformationslogik

Ein zweiter Grund ist die sogenannte Transformationslogik. Dahinter steht die Idee, dass auch emissionsintensive Sektoren sich verändern müssen – und dass Kapital jene Unternehmen bevorzugen sollte, die sich in diese Richtung glaubwürdiger bewegen. Die EU-Plattform für nachhaltige Finanzen betont in ihrem Bericht zu Transition Finance, dass der Übergang zu einer klimaverträglichen Wirtschaft nicht nur durch bereits «grüne» Aktivitäten gelingt, sondern auch durch die Finanzierung glaubwürdiger Transformation in schwer zu dekarbonisierenden Bereichen.

Best-in-Class kann hier als Brückenstrategie verstanden werden: Nicht perfekt, aber darauf ausgerichtet, innerhalb problematischer Branchen Verbesserungen zu belohnen. Ob das in der Praxis immer ausreichend streng umgesetzt wird, ist eine andere Frage.

Wo die Methode an ihre Grenzen kommt

Wertekonflikte

Der grösste Schwachpunkt ist der Wertekonflikt. Wenn du bestimmte Branchen grundsätzlich nicht mit deinem Geld finanzieren willst, löst Best-in-Class dieses Anliegen nicht. Die Methode beantwortet vor allem die Frage: «Wer ist in einer Branche ESG-seitig besser?» Sie beantwortet nicht automatisch die Frage: «Soll diese Branche überhaupt im Portfolio sein?»

Deshalb reicht es oft nicht, nur auf Begriffe wie «ESG», «Sustainable» oder «Responsible» im Fondsnamen zu schauen. Du musst prüfen, ob zusätzlich Ausschlusskriterien gelten, etwa für fossile Energien, Kohle, Waffen, Tabak oder schwere Verstösse gegen internationale Normen.

Missverständnisse bei Fondsnamen

Viele Missverständnisse entstehen, weil Marketingbegriffe sehr allgemein klingen. Wissenschaftlich und regulatorisch relevant ist aber die konkrete Methodik: Nutzt der Fonds Ausschlüsse, Best-in-Class, ESG-Integration, Engagement, thematische Nachhaltigkeitsziele oder eine Kombination daraus?

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde hat 2024 Leitlinien für Fondsnamen mit ESG- oder Nachhaltigkeitsbegriffen veröffentlicht. Der Hintergrund ist klar: Bezeichnungen sollen Anleger:innen nicht in die Irre führen. Ein nachhaltiger klingender Fondsname sagt allein noch nicht zuverlässig, wie streng oder wie wertebasiert ein Produkt tatsächlich investiert.

Für wen Best-in-Class geeignet ist – und für wen eher nicht

Anleger:innen mit Fokus auf Marktabdeckung

Best-in-Class kann gut zu dir passen, wenn du breit investieren möchtest, Nachhaltigkeit aber nicht ausschliesslich als kategorisches Ausschlussprinzip verstehst. Besonders geeignet ist der Ansatz oft für Menschen, die

  • eine möglichst breite Diversifikation wünschen,
  • ESG eher als Risikomanagement und Qualitätsfilter sehen,
  • auch Transformationsunternehmen berücksichtigen wollen,
  • nicht erwarten, dass ein ESG-Fonds automatisch frei von kontroversen Branchen ist.

Anleger:innen mit strengen No-Go-Branchen

Weniger passend ist Best-in-Class, wenn du klare ethische Grenzen hast, etwa bei fossilen Energien, Flugverkehr, Rüstung oder bestimmten Finanzpraktiken. Dann sind Fonds mit expliziten sektoralen Ausschlüssen meist näher an deinen Werten.

Wenn du unsicher bist, helfen dir vor einer Investition vor allem diese vier Prüffragen:

  1. Vergleicht der Fonds Unternehmen nur innerhalb ihrer Branche oder schliesst er ganze Branchen aus?
  2. Welche No-Go-Bereiche sind konkret ausgeschlossen – und welche nicht?
  3. Wie transparent erklärt der Anbieter seine ESG-Methodik, Datenquellen und Schwellenwerte?
  4. Passt die Fondslogik zu deinem Ziel: Wertekonsequenz, Risikoreduktion, Transformation oder Marktnähe?

FAQ: Die häufigsten Fragen kurz beantwortet

Ist ein Best-in-Class-ESG-Fonds wirklich nachhaltig?

Er ist nach einer bestimmten Methode nachhaltiger ausgerichtet, aber nicht automatisch in einem absoluten Sinn nachhaltig. Ob er zu deinem Verständnis von Nachhaltigkeit passt, hängt davon ab, ob du relative Verbesserungen genügen lässt oder strikte Ausschlüsse erwartest.

Warum sind Ölkonzerne in ESG-Fonds?

Weil manche ESG-Fonds problematische Branchen nicht komplett ausschliessen, sondern die vergleichsweise besser bewerteten Unternehmen innerhalb dieser Branchen auswählen. Das ist typisch für Best-in-Class und positive Screening-Ansätze.

Was ist der Unterschied zwischen Best-in-Class und Ausschlussverfahren?

Beim Ausschlussverfahren werden bestimmte Branchen oder Aktivitäten von vornherein aus dem investierbaren Universum entfernt. Bei Best-in-Class bleiben diese Branchen grundsätzlich investierbar; ausgewählt werden dort die relativ besseren Unternehmen.

Ist positive Screening dasselbe wie Best-in-Class?

Nicht ganz. Positive Screening ist der Oberbegriff für die gezielte Auswahl von Unternehmen mit besseren Nachhaltigkeitsmerkmalen. Best-in-Class ist eine konkrete Form davon: die Auswahl der besten oder besseren Titel innerhalb eines Sektors.

Wie erkenne ich, ob ein Fonds eher streng oder eher locker ist?

Schau in die Fondsdokumente und suche nach den Begriffen «Ausschlüsse», «Investment Policy», «Sustainability Approach», «Methodology» oder «Principal Adverse Impacts». Entscheidend ist nicht das Label auf der Verpackung, sondern das Regelwerk dahinter.

Unterm Strich ist Best-in-Class weder Etikettenschwindel noch Königsweg. Es ist eine relative Methode mit klarer Logik und ebenso klaren Grenzen. Wenn du das einmal verstanden hast, wird die entscheidende Frage viel einfacher: Suchst du einen Fonds, der die «besseren» Unternehmen des Markts bündelt – oder einen, der bestimmte Geschäftsmodelle konsequent draussen lässt?

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