Solarstrom im Mehrfamilienhaus fair verteilen: so geht’s Theresa Keller Solarstrom vom eigenen Dach klingt nach einer einfachen Win-win-Idee: tiefere Stromkosten für Mieter:innen, bessere Wirtschaftlichkeit für Eigentümer:innen, weniger CO₂. In der Praxis entsteht Fairness aber nicht von selbst. Sie braucht klare Regeln für Preis, Messung, Kommunikation und Abrechnung – damit alle nachvollziehen können, wer wofür bezahlt und warum. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Fairness beim Solarstrom beginnt bei Messung und verständlicher Abrechnung © Gemini / Google Was «fair» beim lokalen Solarstrom überhaupt bedeutet Fairness heisst im Mehrfamilienhaus nicht, dass jede Partei exakt gleich viel profitiert. Fair ist ein Modell dann, wenn es verständlich, überprüfbar und konsistent ist. Du solltest als Mieter:in oder Eigentümer:in jederzeit erkennen können, wie sich der Strompreis zusammensetzt, welcher Anteil aus der Photovoltaikanlage stammt, welcher aus dem Netz bezogen wurde und welche zusätzlichen Kosten für Messung oder Verwaltung anfallen. In der Schweiz ist das besonders relevant, wenn ein Zusammenschluss zum Eigenverbrauch, kurz ZEV, betrieben wird. Das Bundesamt für Energie erklärt in seinen Informationen zum Eigenverbrauch, dass lokal produzierter Strom innerhalb eines Gebäudes oder Areals gemeinsam genutzt werden kann, solange die organisatorischen und messtechnischen Regeln eingehalten werden. Fairness entsteht hier vor allem über vier Punkte: Preislogik, Transparenz, Wahlfreiheit und Nachvollziehbarkeit. Preislogik bedeutet: Der interne Preis für Solarstrom darf nicht beliebig angesetzt werden. Transparenz bedeutet: Die Abrechnung muss verständlich sein, nicht nur formal korrekt. Wahlfreiheit heisst: Beteiligte sollten wissen, in welchem Modell sie sich befinden und welche Folgen das für ihre Stromkosten hat. Nachvollziehbarkeit meint: Die Datenbasis muss stimmen, etwa durch saubere Zählerstrukturen und klar definierte Abrechnungsperioden. Wer zahlt welchen Strom? Ein häufiger Streitpunkt ist die Vermischung von ganz unterschiedlichen Kostenarten. Für eine faire Lösung musst du mindestens drei Ebenen sauber trennen: den lokal erzeugten Solarstrom, den zusätzlich benötigten Netzstrom und die Dienstleistungskosten für Messung, Abrechnung oder Verwaltung. Solarstrom ist der Strom, der auf dem Dach produziert und direkt im Haus verbraucht wird. Netzstrom ist jener Anteil, der dann bezogen wird, wenn die Solaranlage nicht genug liefert, zum Beispiel nachts oder bei hohem Verbrauch. Dazu kommen Kosten für den Betrieb des Systems: Zähler, Datenaufbereitung, Rechnungsstellung, Support bei Rückfragen und gegebenenfalls der Umgang mit Ein- und Auszügen. Genau diese Trennung ist nicht nur technisch sinnvoll, sondern auch psychologisch wichtig. Forschung zur Akzeptanz von Energiesystemen zeigt seit Jahren, dass Menschen neue Modelle eher annehmen, wenn Verfahren als fair und verständlich erlebt werden. Warum eine verständliche Abrechnung wichtiger ist als ein «billiger» Eindruck Viele Konflikte entstehen nicht, weil die Kosten objektiv zu hoch sind, sondern weil die Rechnung unklar ist. Wenn auf einer Abrechnung nur ein Gesamtbetrag erscheint, ohne Unterscheidung zwischen Solarstrom, Netzstrom und Servicekosten, wirkt selbst ein günstiger Tarif schnell willkürlich. Umgekehrt erhöht eine gut erklärte Rechnung die Akzeptanz auch dann, wenn der Preisvorteil gegenüber dem Standardprodukt des Versorgers einmal kleiner ausfällt. Für Eigentümer:innen ist das ebenso wichtig: Reklamationen, Misstrauen und wiederkehrende Erklärungsrunden kosten Zeit und Geld. Eine faire Abrechnung ist deshalb nicht nur mieterfreundlich, sondern auch wirtschaftlich vernünftig. Sie reduziert Konflikte und macht das Modell langfristig tragfähig. Welche Preisgrenzen und Spielregeln in der Schweiz wichtig sind In der Schweiz darf lokaler Strom im ZEV nicht einfach zu irgendeinem Fantasiepreis verkauft werden. Die gesetzlichen Leitplanken orientieren sich daran, dass Eigenverbrauch attraktiv sein kann, aber nicht zur unfairen Belastung von Mieter:innen führen soll. Das Bundesamt für Energie und Informationen aus dem Umfeld von EnergieSchweiz machen deutlich, dass der intern verrechnete Strompreis sich am Preisniveau orientieren muss, das Kund:innen sonst für Elektrizität bezahlen würden. Entscheidend ist in der Praxis häufig der Vergleich mit dem Standardprodukt des lokalen Versorgers. Das heisst für dich: Ein faires Modell liegt meist dann vor, wenn Solarstrom für Bewohner:innen nicht teurer ist als der übliche Netzstrombezug im Standardprodukt – und wenn zusätzlich offengelegt wird, welche Kosten separat verrechnet werden. Problematisch wird es, wenn günstiger Solarstrom beworben wird, aber gleichzeitig hohe, kaum verständliche Nebenkosten auftauchen. Auch die Nebenkostenfrage ist heikel. Nicht alles, was organisatorisch anfällt, darf einfach pauschal versteckt weitergegeben werden. Gerade deshalb lohnt sich eine klare Tariflogik: Energiepreis pro Kilowattstunde, Netzstrompreis pro Kilowattstunde und allfällige fixe oder variable Dienstleistungskosten separat. So wird sichtbar, ob ein Modell wirklich fair ist oder nur auf den ersten Blick günstig wirkt. Drei faire Verteilmodelle für die Praxis Welches Modell passt, hängt von der Grösse des Hauses, der Zahl der Parteien, der Messinfrastruktur und dem Verwaltungsaufwand ab. Es gibt nicht die eine perfekte Lösung für alle. Fair ist ein Modell dann, wenn es zum Gebäude passt und von den Beteiligten verstanden wird. Einfaches Modell: Der gesamte intern genutzte Solarstrom wird zu einem einheitlichen Preis pro Kilowattstunde verrechnet, der unter oder höchstens auf Höhe des Standardprodukts des Versorgers liegt. Netzstrom wird separat zum tatsächlichen Bezugspreis abgerechnet. Dieses Modell ist leicht verständlich und eignet sich gut für kleinere Häuser. Verbrauchsabhängiges Modell: Jede Partei zahlt genau nach gemessenem Anteil an internem Solarstrom und zusätzlichem Netzstrom. Dieses Modell ist technisch präziser und besonders fair bei stark unterschiedlichen Verbrauchsmustern, setzt aber eine saubere Messung und gute Datenaufbereitung voraus. Mischmodell: Ein Teil der Kosten wird verbrauchsabhängig verrechnet, ein kleiner Teil als fixer Beitrag für Messung und Administration. Das ist oft sinnvoll in grösseren Liegenschaften, wenn die Abrechnung sonst unverhältnismässig komplex oder teuer würde. Wann ein Fixkostenanteil sinnvoll ist Ein fixer Kostenanteil ist nicht automatisch unfair. Er kann sogar helfen, die Verteilung realistischer zu machen. Denn Messsysteme, Abrechnung, Software, Betreuung von Ein- und Auszügen oder Leerständen verursachen Kosten, die nicht vollständig vom individuellen Verbrauch abhängen. Besonders bei sehr kleinen Verbräuchen kann eine rein kilowattstundenbasierte Verrechnung dazu führen, dass einzelne Parteien kaum etwas zu den realen Systemkosten beitragen. Fair ist ein Fixkostenanteil aber nur, wenn er begründet, moderat und offengelegt ist. Er sollte nicht dazu dienen, Investitionskosten der Solaranlage intransparent in laufende Stromrechnungen zu verschieben. Ein guter Richtwert für die Praxis ist: So viel Pauschale wie nötig, so wenig wie möglich. Typische Streitpunkte – und wie du sie entschärfst Konflikte entstehen oft an denselben Stellen. Wenn du sie früh ansprichst, lassen sich viele Probleme vermeiden. Hoher Verbrauch einzelner Parteien: Wer viel Strom nutzt, profitiert häufig stärker vom Eigenverbrauch. Das ist nicht per se unfair, solange die Verrechnung am tatsächlichen Verbrauch orientiert ist. Unfair wird es erst, wenn geringe Verbräuche einen überproportional hohen Anteil an Fixkosten tragen müssen. Nicht-Teilnahme oder Widerstand: Manche Bewohner:innen sind skeptisch, vor allem wenn sie das Modell nicht kennen. Hier hilft keine Werbesprache, sondern eine einfache Beispielrechnung mit einem Vergleich zum bisherigen Strombezug. Das stärkt die Verfahrensgerechtigkeit – ein Punkt, der in der Akzeptanzforschung immer wieder als zentral beschrieben wird, unter anderem vom Paul Scherrer Institut. Auszug mitten in der Abrechnungsperiode: Ohne klare Regeln wird das schnell mühsam. Sinnvoll sind Stichtage, Zwischenablesungen und eine schriftlich definierte Behandlung offener Saldi. Je genauer das vorab geregelt ist, desto weniger Konflikte gibt es später. Datenverständnis: Viele Menschen kennen ihren jährlichen Stromverbrauch kaum. Deshalb sollte eine Abrechnung nicht nur Zahlen auflisten, sondern kurz erklären, was sie bedeuten: Wie viel Solarstrom wurde direkt verbraucht? Wie viel kam aus dem Netz? Wie setzt sich der Endpreis zusammen? Gute Information ist kein Luxus, sondern Teil eines fairen Systems. Checkliste für eine faire Einführung Wenn du als Eigentümer:in, Verwaltung oder engagierte Mieter:in ein Modell beurteilen oder vorbereiten willst, helfen diese Punkte: Dokumentation: Halte schriftlich fest, wie Preisbildung, Messung, Abrechnungsperiode und Zuständigkeiten geregelt sind. Beispielrechnung: Zeige vor dem Start anhand realistischer Verbräuche, wie sich die Kosten im Vergleich zum bisherigen Strombezug verändern können. Trennung der Kosten: Solarstrom, Netzstrom und Dienstleistungskosten müssen auf der Rechnung getrennt ausgewiesen sein. Ansprechperson: Benenne klar, wer bei Fragen zuständig ist – Verwaltung, Energiedienstleister oder Eigentümer:in. Reklamationsweg: Lege fest, wie Rückfragen geprüft werden, welche Fristen gelten und auf welcher Datenbasis korrigiert wird. Unterm Strich gilt: Eigenverbrauch ist nicht automatisch fair, aber gut gestalteter Eigenverbrauch kann sehr fair sein. Entscheidend sind keine Hochglanzversprechen, sondern eine nachvollziehbare Tariflogik, korrekte Messdaten und eine Kommunikation, die Menschen ernst nimmt. Wenn du auf klare Regeln bestehst, schützt du nicht nur dein Budget, sondern stärkst auch das Vertrauen in eine nachhaltige Energiezukunft im Mehrfamilienhaus.