Die UN-Klimakonferenz in Durban brachte zwar die Einigung auf eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls hervor, genaue Klimaziele wurden aber noch nicht vereinbart. Sind Sie enttäuscht von dem Endergebnis?

Nein. Die Ergebnisse der Klimakonferenz waren befriedigend. Die Alternative wäre letztlich der völlige Abbruch der international koordinierten Politik gewesen. Stattdessen haben jetzt alle Länder eingewilligt, bis spätestens 2015 ein globales Abkommen zur Emissionsvermeidung auszuhandeln und die ärmeren Länder in der Anpassung an den Klimawandel finanziell zu unterstützen.

Werden die Ergebnisse der Klimakonferenz Auswirkungen auf die Klimapolitik der Schweiz haben?

Die Schweiz wird ihre Ziele weiter verfolgen können. An den Verhandlungen in Durban ist die EU, zusammen mit Norwegen und der Schweiz, hart geblieben, was die Verlängerung des Kyoto-Protokolls anging: eine zweite Kyoto-Periode wurde von konkreten Zugeständnissen der grossen Emittenten abhängig gemacht.

Die Schweiz und die EU haben sich selbst hohe Ziele gesetzt mit einer CO2-Minderung um mindestens 20 Prozent bis 2020. Aber was nützen diese Anstrengungen, wenn viele andere Länder nicht mitziehen?

Die Schweiz hat sich mit der EU ein ambitioniertes Ziel gesetzt, aber ein realistisches. Dadurch können wir eine Vorbildfunktion einnehmen für alle bisher zurückhaltenden Staaten und ein positives Signal für die kommenden Verhandlungen setzen. Ausserdem sollten wir jetzt beweisen, dass eine wachsende Wirtschaft und CO2-Minderung sich nicht ausschliessen müssen. Die aktive Rolle der Schweiz in der Klimapolitik und an den Klimaverhandlungen fördert zudem das internationale Ansehen und die globale Einbindung unseres Landes, das in anderen Sachfragen wie beispielsweise der Steuerpolitik auf vermehrte Unterstützung angewiesen ist.

Kanada ist frühzeitig aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen, die USA nehmen generell nicht teil. Warum verweigern viele Länder, sich an einem verbindlichen Klimaziel zu beteiligen?

Oft haben Staaten bisher eine aktive Beteiligung an der Klimapolitik abgelehnt, weil nicht auch alle anderen Länder darin eingebunden sind. Mit dem Abkommen von Durban wurde nichts weniger als die Überwindung der Zweiteilung der Länder in Eingebundene und Nicht-Eingebundene erreicht. Alle Länder müssen sich in Zukunft gemäss ihren Emissionen, Möglichkeiten und Verpflichtungen an den festgelegten Klimazielen beteiligen, was bisher nicht der Fall war.

Im ETH-Klimablog schreiben Sie, dass es für viele Länder einfacher ist, sich über Anpassungen an den kommenden Klimawandel zu einigen als über die Minderung ihres CO2-Ausstosses. Warum ist das so?

Die Einigung über Anpassungen an den kommenden Klimawandel ermöglicht eine Aufschiebung des Handlungsbedarfs. Zudem weiss man nicht mit Sicherheit, wie gross die Schäden ausfallen werden. Einige, mehrheitlich reiche Länder werden viel weniger betroffen sein als andere. Daher bleibt es bisher weitgehend offen, welches Land wie viel für die Anpassungen leisten müsste. Oft wird auch angenommen, dass die CO2-Minderung generell finanziell aufwendiger wäre als die spätere Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Gerade mit dem Risiko von grossen Schäden in der Zukunft ist diese Annahme allerdings unrichtig.

Untersuchungen bestätigen, dass sich Klimaveränderungen zuerst in den Entwicklungsländern zeigen. Ist der Klimawandel für viele Länder daher noch zu weit weg?

Ja, das ist ein Teil des Problems. Für viele der Industrie- und Schwellenländer, die am meisten CO2 produzieren, sind die Veränderungen des Klimas noch nicht oder nur geringfügig zu spüren. Der Klimawandel ist damit sowohl zeitlich als auch geographisch zu weit entfernt, um ein direktes Handeln zu bewirken.

Haben die bisher stärker betroffenen Entwicklungsländer auch schlichtweg zu wenig Druckmittel, um die CO2-Minderung der grossen Industriestaaten und Schwellenländer einzufordern?

Viele der Industrie- und Schwellenländer verfolgen vorrangig andere, für sie wichtigere Interessen als die internationale Klimapolitik. Deshalb war die Entscheidung aller Staaten in Durban für eine globale Klimapolitik ein sehr respektables Resultat.

Durch den frühzeitigen Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll verhindert Kanada, ins Hintertreffen zu geraten, weil es die vereinbarte CO2-Reduktion bis 2012 nicht mehr schaffen kann. Wie viel Wert hat überhaupt eine solche Vereinbarung, wenn ein Ausstieg so ohne Weiteres möglich ist?

Am Beispiel Kanadas zeigt sich, dass in zukünftigen Verträgen keine Hintertüren mehr offen gelassen werden sollten. Eine globale Klimapolitik auf Kurs zu bringen, ist eine der grössten politischen Herausforderungen, die wir je hatten. Es ist ein langsamer Lernprozess, aber wir lernen immer weiter dazu.

Gibt es denn überhaupt Mittel, um die grossen Klimasünder wie die USA und China zu einem Umdenken zu bewegen?

Ja, wenn alle Länder sich zusammenschliessen, baut das für die aussen stehenden Länder Druck auf. Wenn einzelne Staaten als isoliert gelten, weil sie nicht an den gemeinsamen Klimazielen beteiligt sind, werden sie eher als bisher dazu bereit sein, aktiv zu werden.

Muss es zukünftig auch ergänzende oder andere Modelle als die UN-Klimakonferenz geben, um die Klimapolitik schneller voranzubringen?

Es steht bereits fest, dass es zusätzliche Gremien wie zum Beispiel das Board des Green Climate Funds geben wird, um die Klimapolitik in die Praxis umzusetzen. Globale und strategische Vereinbarungen werden allerdings immer noch am besten bei den UN-Klimakonferenzen getroffen werden.

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