Susann Wehrli: «Wir müssen unseren Energiekonsum reduzieren»

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

Eigentlich zuerst mal sehr handfeste, naheliegende Dinge. Das Angebot an saisonalen Früchten und Gemüsen soll von den Lebensmittelläden mehr und bewusster kommuniziert werden. Wenn wir nicht im Kleinen beginnen, werden wir auch die grossen Würfe nicht zu Stande bringen.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik zur Förderung einer nachhaltigeren Gesellschaft?

Ich bin ja froh, in einem sehr demokratisch organisierten Land zu leben. Diese Demokratie entwickelt sich aber im Bereich «Förderung einer nachhaltiger agierenden Gesellschaft» immer mehr zu einem Pferdefuss: Zu lange und unklare Entscheidungswege mit unendlich vielen Möglichkeiten, wieder auf alte Pfade abzweigen zu können.

Was planen Sie persönlich in den nächsten 2 Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Grad so kurz nach der Pensionierung habe ich noch keine konkreten und grossen Pläne. Mir ist es wichtig, dass ich mir genügend Zeit nehme zu überlegen, wofür ich die neu gewonnene Freiheit und Zeit einsetzen will. Im Kleinen gibt es in meinem persönlichen Umfeld vieles, dass sich verbessern und nachhaltiger gestalten lässt. Unter anderem gerade deshalb, weil ich mehr Zeit habe. Ich nehme mir beispielsweise vor, beim Einkaufen weniger bequem zu sein. Das heisst ich lege den Weg zu Fuss, mit dem Velo oder den ÖV zurück. Und ich möchte mehr darauf achten, dass ich Produkte einkaufe, die aus der Region und aus möglichst nachhaltig betriebener Produktion stammen.

Worin sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung?

Die allergrösste Herausforderung ist das rasante, exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung und dessen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Da kommen mir immer öfter auch sehr düstere Gedanken über unsere Zukunft.

Nachhaltige Lösungen haben oft ästhetische Beeinträchtigungen zur Folge, wie zum Beispiel Solarzellen im historischen Stadtbild. Wo sollte man die Grenze ziehen?

Mich stören Solaranlagen auf altehrwürdigen Gebäuden in der Regel nicht. Neues lässt sich viel öfter in Altes einfügen, als man denkt. Museales Denken in diesem Bereich ist aus dieser Sicht überholt. Bauen heisst auch immer Veränderung. Was mir viel Wichtiger ist: Bei aller Euphorie für alternative Energien gilt es, immer und viel ernsthafter als dies heute der Fall ist, zu bedenken, dass auch diese Energiegewinnung (negativen) Einfluss auf Lebensräume, aufs Mikroklima und direkt auf die Lebewesen hat. Mich stört an der heutigen Energiediskussion extrem, dass nicht in erster Linie darüber nachgedacht wird, wie wir unseren Energiekonsum deutlich reduzieren können. Und dass in diesem Bereich auch keine Entscheide durchgesetzt werden. Viel mehr geht man (wer das auch immer ist) davon aus, dass der Verbrauch an elektrischer Energie weiter ansteigen wird. Einschränkungen, ein Verzicht auf immer mehr Komfort und Automatisierung ist kein Thema. Wir tun im sogenannt entwickelten Teil der Welt so, als sei es ein Menschenrecht, Energie in unbeschränktem Ausmass zur Verfügung zu haben.

Wem würden Sie selbst die letzten 11 Fragen gern stellen? Und warum?

Jeder und jedem, der für den National- und Ständerat kandidiert. Und etwas bösartig angefügt, müssten sie ihre Antworten all ihren Kindern und Enkeln erklären. Denn sie sind die Zukunft und für sie lohnt es sich nachhaltiger zu denken und zu handeln.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar persönliche Gedanken zur Nachhaltigkeit im Wald anfügen. Der Begriff stammt ja ursprünglich auch aus der Forstwirtschaft. In meiner Arbeit war es mir ein grosses Anliegen, dass die vielgepriesene Nachhaltigkeit im Wirtschaftswald für alle Bereiche ernst genommen und umgesetzt wird. Hier sind die Herausforderungen auch sehr gross: Der Bodenfruchtbarkeit muss unbedingt mehr Beachtung geschenkt werden, auch wenn der Wald mit immer grösseren Maschinen immer rationeller bewirtschaftet wird. Dann- und das ist nun eher eine Naturschutzaufgabe – soll auch der Lebensraum Wald in all seinen Dimensionen nachhaltig gestaltet sein: Es soll, als Beispiel, in jedem Waldkomplex nicht nur hiebsreife und wirtschaftlich interessante, sondern auch alte, uralte und abgestorbene Bäume geben.

Quelle: Basler Zeitung, www.merianstiftung.ch, Text: Lea Schwer