Bereits als kleines Kind verbrachte Susann Wehrli unzählige Stunden im Wald und entdeckte zusammen mit ihrem Vater die heimische Natur. Die Liebe zur Natur veranlasste sie später Biologie zu studieren und brachte Sie vor 19 Jahren in die Abteilung Wald des Kantons Aargau. Unter anderem bestand ihr Auftrag darin, aus rund zehn Prozent der Aargauer Waldfläche Naturreservat zu schaffen. Naturwald heisst, dass die Waldfläche nicht holzwirtschaftlich genutzt wird und die Holzgewinnung untersagt ist. «Hier ist die Natur noch weitgehend sich selbst überlassen, der Mensch soll lediglich Beobachter sein», äussert sich Wehrli über den Naturschutz im Wald. Im Naturreservat dürfen die Bäume altern und absterben, ohne dass sie abgeholzt werden.

«Einfach war der Start nicht. Schritt um Schritt musste ich mir das Vertrauen der Förster erarbeiten», meint Susann Wehrli im Gespräch mit der Basler Zeitung zu ihren Anfangszeiten. Doch durch unzählige Gespräche, Diskussionen und mit viel Fachwissen, Beharrlichkeit und Geduld fand sie den Zugang zu den Förstern, Gemeinden und Privatwaldbesitzern. Immer mehr Waldfläche konnte Susann Wehrli so dem Naturwaldreservat zuführen. Für ihren erfolgreichen Einsatz erhielt Wehrli den Basler Walder-Preis 2011 von der Hermann und Elisabeth Walder-Bachmann Stiftung (wurde 1992 in enger Verbindung mit der Basler Christoph Merian Stiftung CMS errichtet).

Im Interview mit nachhaltigleben.ch spricht Susann Wehrli über ihren alltäglichen Einsatz für eine nachhaltigere Gesellschaft.

Wer ist Ihr ökologisches Vorbild? Und was zeichnet dieses Vorbild für Sie aus?

Da gibt es keine bestimmte Person. Für mich sind alle Menschen Vorbilder, die sich in ihrem Bereich bemühen, Natur und Umwelt zu achten und Zusammenhänge zu erkennen.

Wie stark hat die in den letzten Jahren zunehmende Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Ihr Leben verändert?

Grosse Veränderungen sind mir nicht bewusst. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der nachhaltiges Handeln schon seit meiner frühen Kindheit thematisiert wurde. Schon damals bin ich aufgefordert worden, mir Gedanken zu machen, was mein Handeln für Folgen hat.

Was motiviert Sie, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Ich brauche eigentlich keine Motivation, mir zu überlegen, welche Auswirkungen mein Handeln hat. Ich wuchs in einer Familie mit naturnaher Gedankenwelt auf und habe diese so verinnerlicht. Jetzt muss ich eher aufpassen, dass ich meine Familie, vor allem meine Kinder und meinen Lebenspartner, in solchen Fragen nicht schulmeistere. Das ist ja kontraproduktiv.

Wie verhält sich Ihre Familie, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Gibt es diesbezüglich Diskussionen am Familientisch?

Am Familientisch sitzen heute in der Regel nur noch mein Lebenspartner und ich. Unsere Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit ist eine sehr ähnliche. Wenn es zwischen uns Diskussionen gibt, ist der Auslöser meist eine konkrete Situation, in der wir mal nicht gleicher Meinung sind. Was wir schon auch mal am Tisch diskutieren sind politisches Denken und Handeln der verschiedenen Parteien und Politikern in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit. Wenn meine Kinder zu Besuch sind, diskutieren wir in der Regel nicht solche Themen. Das ist zurzeit auch schwierig, da die kleinen Enkelinnen das Geschehen am Tisch dominieren.

Für welche persönliche Öko-Sünde schämen Sie sich am meisten? Und warum begehen sie diese trotzdem?

Dass ich (selten, aber doch) ab und zu mal mit dem Flugzeug reise, wenn ich mal ein verlängertes Wochenende in einer anderen Stadt verbringe. Schämen tue ich mich aber deswegen nicht. Es sind halt einfach «niedrige» Beweggründe, die mich dazu bewegen: Bequemlichkeit, die Reise ist billiger mit dem Flieger und es bleibt (meist) mehr Zeit in der Stadt.

Angenommen, eine nachhaltigere Gesellschaft wäre nur mit persönlichem Verzicht machbar. Auf was würden Sie verzichten?

Aufs Auto (das wir schon heute selten brauchen), auf Flugreisen ganz sicher, auf Fernseher, Stereoanlage und weitere Elektrogeräte.

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

Eigentlich zuerst mal sehr handfeste, naheliegende Dinge. Das Angebot an saisonalen Früchten und Gemüsen soll von den Lebensmittelläden mehr und bewusster kommuniziert werden. Wenn wir nicht im Kleinen beginnen, werden wir auch die grossen Würfe nicht zu Stande bringen.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik zur Förderung einer nachhaltigeren Gesellschaft?

Ich bin ja froh, in einem sehr demokratisch organisierten Land zu leben. Diese Demokratie entwickelt sich aber im Bereich «Förderung einer nachhaltiger agierenden Gesellschaft» immer mehr zu einem Pferdefuss: Zu lange und unklare Entscheidungswege mit unendlich vielen Möglichkeiten, wieder auf alte Pfade abzweigen zu können.

Was planen Sie persönlich in den nächsten 2 Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Grad so kurz nach der Pensionierung habe ich noch keine konkreten und grossen Pläne. Mir ist es wichtig, dass ich mir genügend Zeit nehme zu überlegen, wofür ich die neu gewonnene Freiheit und Zeit einsetzen will. Im Kleinen gibt es in meinem persönlichen Umfeld vieles, dass sich verbessern und nachhaltiger gestalten lässt. Unter anderem gerade deshalb, weil ich mehr Zeit habe. Ich nehme mir beispielsweise vor, beim Einkaufen weniger bequem zu sein. Das heisst ich lege den Weg zu Fuss, mit dem Velo oder den ÖV zurück. Und ich möchte mehr darauf achten, dass ich Produkte einkaufe, die aus der Region und aus möglichst nachhaltig betriebener Produktion stammen.

Worin sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung?

Die allergrösste Herausforderung ist das rasante, exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung und dessen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Da kommen mir immer öfter auch sehr düstere Gedanken über unsere Zukunft.

Nachhaltige Lösungen haben oft ästhetische Beeinträchtigungen zur Folge, wie zum Beispiel Solarzellen im historischen Stadtbild. Wo sollte man die Grenze ziehen?

Mich stören Solaranlagen auf altehrwürdigen Gebäuden in der Regel nicht. Neues lässt sich viel öfter in Altes einfügen, als man denkt. Museales Denken in diesem Bereich ist aus dieser Sicht überholt. Bauen heisst auch immer Veränderung. Was mir viel Wichtiger ist: Bei aller Euphorie für alternative Energien gilt es, immer und viel ernsthafter als dies heute der Fall ist, zu bedenken, dass auch diese Energiegewinnung (negativen) Einfluss auf Lebensräume, aufs Mikroklima und direkt auf die Lebewesen hat. Mich stört an der heutigen Energiediskussion extrem, dass nicht in erster Linie darüber nachgedacht wird, wie wir unseren Energiekonsum deutlich reduzieren können. Und dass in diesem Bereich auch keine Entscheide durchgesetzt werden. Viel mehr geht man (wer das auch immer ist) davon aus, dass der Verbrauch an elektrischer Energie weiter ansteigen wird. Einschränkungen, ein Verzicht auf immer mehr Komfort und Automatisierung ist kein Thema. Wir tun im sogenannt entwickelten Teil der Welt so, als sei es ein Menschenrecht, Energie in unbeschränktem Ausmass zur Verfügung zu haben.

Wem würden Sie selbst die letzten 11 Fragen gern stellen? Und warum?

Jeder und jedem, der für den National- und Ständerat kandidiert. Und etwas bösartig angefügt, müssten sie ihre Antworten all ihren Kindern und Enkeln erklären. Denn sie sind die Zukunft und für sie lohnt es sich nachhaltiger zu denken und zu handeln.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar persönliche Gedanken zur Nachhaltigkeit im Wald anfügen. Der Begriff stammt ja ursprünglich auch aus der Forstwirtschaft. In meiner Arbeit war es mir ein grosses Anliegen, dass die vielgepriesene Nachhaltigkeit im Wirtschaftswald für alle Bereiche ernst genommen und umgesetzt wird. Hier sind die Herausforderungen auch sehr gross: Der Bodenfruchtbarkeit muss unbedingt mehr Beachtung geschenkt werden, auch wenn der Wald mit immer grösseren Maschinen immer rationeller bewirtschaftet wird. Dann- und das ist nun eher eine Naturschutzaufgabe – soll auch der Lebensraum Wald in all seinen Dimensionen nachhaltig gestaltet sein: Es soll, als Beispiel, in jedem Waldkomplex nicht nur hiebsreife und wirtschaftlich interessante, sondern auch alte, uralte und abgestorbene Bäume geben.

Quelle: Basler Zeitung, www.merianstiftung.ch, Text: Lea Schwer