Welche neuen Effizienzdienstleistungen der EVU auf Konsument:innen zukommen – mit Praxisbeispielen für Haushalt, kleines Gewerbe und MFH Theresa Keller Strom sparen klingt oft nach Verzicht. In der Praxis geht es aber immer häufiger um etwas anderes: um bessere Daten, klügere Steuerung und Services, die dir Entscheidungen abnehmen. Für Privathaushalte, kleine Betriebe und Mehrfamilienhäuser in der Schweiz kann das hilfreich sein – solange Angebote transparent sind, echten Nutzen bringen und nicht nur neue Kosten verstecken. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Gute Effizienz-Services übersetzen Technik in konkrete Alltagsentscheidungen. © Gemini / Google Warum EVU künftig stärker auf Effizienz setzen Schweizer Elektrizitätsversorger, oft kurz EVU genannt, stehen unter wachsendem Druck, nicht nur genügend Strom zu liefern, sondern den Verbrauch auch effizienter zu machen. Der Hintergrund ist energiepolitisch klar: Die Schweiz will Strom besser nutzen, Lastspitzen reduzieren, Winterlücken entschärfen und den Ausbau von Elektromobilität, Wärmepumpen und dezentraler Photovoltaik in das Gesamtsystem integrieren. Übersetzt in den Alltag bedeutet das: Statt nur allgemeine Spartipps zu verschicken, könnten EVU künftig stärker konkrete Massnahmen fördern oder selbst als Dienstleistung anbieten. Dazu gehören zum Beispiel die Analyse von Verbrauchsdaten, das Erkennen ineffizienter Geräte, die Optimierung von Wärmepumpen, steuerbares Laden von Elektroautos oder Programme, die Lasten zeitlich verschieben. Wichtig ist: Effizienz ist nicht dasselbe wie blosses «Weniger». In vielen Fällen geht es darum, dieselbe Leistung mit weniger Energie oder zum besseren Zeitpunkt zu erbringen. Ein Kühlsystem im Laden, das in Spitzenzeiten etwas anders gefahren wird, eine Wärmepumpe, die sauber eingestellt ist, oder ein Boiler, der Solarstrom besser nutzt, senken nicht zwingend den Komfort – aber oft die Kosten und die Netzbelastung. Welche Dienstleistungen naheliegend sind Am wahrscheinlichsten sind Services, die mit bereits vorhandenen Technologien kombinierbar sind. Dazu zählen Smart Meter, Wärmepumpen, Ladepunkte, Gebäudeautomation und digitale Kund:innenportale. EVU müssen solche Angebote nicht immer selbst entwickeln; häufig werden sie mit Installationsbetrieben, Softwarefirmen, Herstellern oder Energiedienstleister:innen umgesetzt. Energieberatung mit konkretem Massnahmenplan: nicht nur allgemeine Tipps, sondern Auswertung deiner Verbrauchsdaten, Prioritätenliste und Abschätzung von Einsparung, Aufwand und Amortisation. Monitoring und Alarmfunktionen: Apps oder Portale, die ungewöhnlichen Stromverbrauch, Stand-by-Verluste oder defekte Geräte erkennen und melden. Anreizprogramme: Gutscheine, Bonusmodelle oder befristete Beiträge für besonders effiziente Geräte, Pumpen, Kühlmöbel, Ladeboxen oder Steuerungen. Smart Charging: intelligentes Laden von Elektroautos, das günstige oder netzdienliche Zeitfenster nutzt, ohne dass du jeden Ladevorgang manuell planen musst. Wärmepumpen- und Boiler-Optimierung: Feineinstellung, Laufzeitverschiebung, Einbindung von PV-Strom und Erkennung von Fehlkonfigurationen. Datenservices für MFH und Gewerbe: Vergleich von Zählern, Lastgängen, Baselines und Kennzahlen, damit Hauswartung, Verwaltung oder Betrieb gezielter handeln können. Was das für Privathaushalte bedeuten kann Für dich als Privatperson werden Effizienzdienstleistungen dann interessant, wenn sie ein konkretes Problem lösen. Hast du stark schwankende Stromrechnungen, eine neue Wärmepumpe, ein Elektroauto oder eine PV-Anlage, ist der Nutzen oft greifbar. Weniger sinnvoll sind Angebote, die nur mit grossen Einsparversprechen werben, aber weder Ausgangslage noch Grenzen offenlegen. Praxisbeispiel Einfamilienhaus mit Wärmepumpe und E-Auto Ein EVU bietet ein Paket aus Smart Meter-Auswertung, Ladeoptimierung und Wärmepumpen-Check an. Dabei wird zuerst sichtbar, wann hohe Lastspitzen entstehen: zum Beispiel am Abend, wenn gleichzeitig gekocht, geladen und geheizt wird. Anschliessend wird die Wallbox so eingestellt, dass das Auto bevorzugt in Stunden mit tieferem Tarif oder höherem PV-Ertrag lädt. Zusätzlich erhält die Wärmepumpe optimierte Sollwerte und Laufzeiten. Der Vorteil: Du musst nicht laufend manuell eingreifen. Die Grenzen: Die Einsparung hängt stark vom Gebäude, vom Fahrprofil und vom Tarifmodell ab. Wenn der Service nur «intelligentes Laden» verspricht, aber keine Transparenz über Komfortgrenzen, Datennutzung oder monatliche Gebühren liefert, solltest du kritisch nachfragen. Praxisbeispiel Wohnung ohne eigene Haustechnik In einer Mietwohnung sind die Spielräume oft kleiner. Trotzdem können Monitoring-Services sinnvoll sein, etwa wenn dir ein Portal zeigt, dass ein alter Tiefkühler oder ein ständig laufender Entfeuchter unnötig viel Strom braucht. Für Mieter:innen relevant sind vor allem einfache Angebote: Lastprofil-Feedback, Gerätetauschprogramme, Sparhilfen für Stand-by und Beratung bei der Auswahl effizienter Haushaltsgeräte. Hier gilt eine einfache Faustregel: Je geringer dein Einfluss auf die Gebäudetechnik, desto wichtiger ist die Ehrlichkeit des Angebots. Wenn nur wenige Kilowattstunden realistisch beeinflussbar sind, sollte dir niemand grosse Wunder versprechen. Praxisbeispiel kleines Gewerbe Kleine Gewerbebetriebe haben oft überraschend viel Potenzial, obwohl sie kein professionelles Energiemanagement betreiben. Typische Kandidaten sind Läden, Coiffeursalons, Arztpraxen, Büros, Bäckereien, Werkstätten oder kleine Gastronomiebetriebe. Ein realistisches Beispiel ist ein Quartierladen mit Kühlung, Beleuchtung und kleiner Ladeinfrastruktur. Ein EVU oder Partner analysiert die Viertelstundenwerte und erkennt: Die höchste Last fällt nicht tagsüber an, sondern frühmorgens beim gleichzeitigen Hochfahren von Kühlmöbeln, Backofen und Lüftung. Die vorgeschlagene Lösung ist kein teurer Totalumbau, sondern eine gestaffelte Inbetriebnahme, optimierte Solltemperaturen in der Kälte und eine Ladefreigabe für das Lieferfahrzeug ausserhalb der Lastspitze. Der Nutzen solcher Services ist oft doppelt. Erstens sinkt der Energieverbrauch oder zumindest die Spitzenlast. Zweitens werden Betriebsabläufe transparenter. Für kleine Betriebe ist das besonders wertvoll, weil intern meist die Zeit fehlt, Lastgänge selbst zu interpretieren. Wissenschaftlich ist gut belegt, dass Energieeffizienz in KMU oft nicht am fehlenden technischen Potenzial scheitert, sondern an knappen Ressourcen, Unsicherheit und fehlender Priorisierung. Achten solltest du als Kleinunternehmer:in auf drei Punkte. Erstens: Wird der Nutzen vorab möglichst realistisch geschätzt oder nur pauschal behauptet? Zweitens: Bleiben die Systeme offen für verschiedene Hersteller? Drittens: Werden nicht nur Investitionen verkauft, sondern auch einfache organisatorische Massnahmen geprüft? Gerade bei Lüftung, Kälte und Ladeinfrastruktur ist gutes Betriebsmanagement oft der schnellste Hebel. Praxisbeispiel MFH und Stockwerkeigentum Im Mehrfamilienhaus wird Effizienz schnell komplex, weil mehrere Interessen zusammenkommen: Eigentümerschaft, Verwaltung, Hauswartung, Mieter:innen und teils auch Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch. Genau deshalb können EVU-Services hier besonders nützlich sein – wenn sie die organisatorische Seite mitdenken. Ein typisches MFH mit Wärmepumpe, zentralem Warmwasser, Photovoltaik und neuer Ladeinfrastruktur hat mehrere gemeinsame Lasten. Ohne Monitoring sieht die Verwaltung oft nur die Gesamtstromrechnung. Mit einem guten Datenservice lassen sich hingegen Grundlast, Ladeverhalten, Warmwasserbereitung und PV-Eigenverbrauch sauber trennen. Daraus ergeben sich konkrete Fragen: Läuft der Boiler zur falschen Zeit? Wird Solarstrom tagsüber schlecht genutzt? Entstehen abends unnötige Lastspitzen, weil mehrere Fahrzeuge sofort mit voller Leistung laden? Ein plausibles Servicepaket für ein MFH wäre deshalb: Zähler- und Lastdatenanalyse, ein Regelkonzept für Warmwasser und Wärmepumpe, Priorisierung von PV-Eigenverbrauch sowie ein Lade-Management für Einstellhallenplätze. Für Stockwerkeigentum ist besonders wichtig, dass Zuständigkeiten klar geregelt sind. Wer entscheidet über Investitionen? Wer trägt die Kosten? Wer darf auf welche Daten zugreifen? Ohne klare Governance wird selbst gute Technik oft blockiert. In der Praxis sind MFH-Angebote dann vertrauenswürdig, wenn sie nicht nur «smarte» Technik verkaufen, sondern die Entscheidungskette mitbedienen: verständliche Berichte für die Verwaltung, nachvollziehbare Wirtschaftlichkeit für die Eigentümerschaft und faire Regeln für Nutzer:innen. Gerade bei Ladeinfrastruktur ist das zentral. Ein System, das zwar technisch funktioniert, aber einzelne Parteien benachteiligt oder spätere Erweiterungen erschwert, wird schnell zum Konfliktthema. Wer am Ende zahlt – und worauf du achten solltest Die vielleicht wichtigste Frage lautet: Wenn EVU mehr Effizienzdienstleistungen anbieten, werden diese am Ende günstiger, neutral oder schlicht über Gebühren und Tarife bezahlt? Die ehrliche Antwort ist: Es kommt auf das Modell an. Manche Angebote werden über Förderprogramme, Drittmittel oder Pilotbudgets mitfinanziert. Andere erscheinen günstig, weil die Kosten in Servicepauschalen, Messentgelten, Wartungsverträgen oder Hardwarebindungen versteckt sind. Wieder andere lohnen sich systemisch, auch wenn der individuelle Spareffekt klein ist, etwa weil Lastspitzen sinken. Für dich heisst das nicht, dass du solche Angebote meiden solltest. Aber du solltest sie ähnlich prüfen wie einen Mobilfunkvertrag oder ein Leasingangebot: Was ist inklusive, was optional, was kündbar und was wird langfristig teurer? Das gilt besonders bei cloudbasierten Energiemanagementsystemen, proprietären Wallboxen oder Plattformen, bei denen du für Auswertungen dauerhaft beim selben Anbieter bleiben musst. Verlange eine klare Ausgangsbasis: Gegen welchen bisherigen Verbrauch oder welche Spitzenlast wird der Nutzen gemessen? Frage nach Messbarkeit: Gibt es nach sechs oder zwölf Monaten einen überprüfbaren Soll-Ist-Vergleich? Prüfe Herstellerbindung und Datenzugang: Kannst du System, Wallbox oder Software später wechseln, ohne alles neu zu kaufen? Achte auf Komfort und Fairness: Wer steuert wann was – und was passiert, wenn du abweichende Bedürfnisse hast? Beurteile die Gesamtkosten: Ein günstiges Einstiegsangebot kann über Abos, Wartung oder Zusatzmodule teuer werden. Ein häufiger Irrtum ist, dass digitale Services automatisch grosse Einsparungen bringen. Studien zu Energiefeedback zeigen zwar, dass Transparenz hilfreich ist, der Effekt aber stark davon abhängt, ob Menschen oder Betriebe anschliessend konkrete, passende Massnahmen umsetzen. Reine Visualisierung ohne Handlungsoptionen bleibt oft unter den Erwartungen. Deshalb sind Angebote am stärksten, wenn sie Daten, Beratung und Umsetzung verbinden. Fazit: Gute Services machen Komplexität kleiner – nicht grösser Die neuen Effizienzdienstleistungen der EVU in der Schweiz dürften vor allem dort zunehmen, wo Stromverbrauch flexibler wird: bei Wärmepumpen, Elektroautos, zentraler Haustechnik, PV-Eigenverbrauch und kleinen Gewerbelasten. Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Denn viele Verbraucher:innen wollen ihren Stromverbrauch sinnvoll steuern, haben aber weder Zeit noch Fachwissen, Lastgänge, Reglereinstellungen oder Tarifmodelle selbst zu optimieren. Entscheidend ist jedoch die Qualität der Angebote. Gute Services sind verständlich, freiwillig, messbar und offen genug, damit du nicht in unnötige Abhängigkeiten gerätst. Sie erklären ehrlich, was technisch möglich ist, wo Grenzen liegen und wann sich ein Service eher für das Gesamtsystem als für deine persönliche Rechnung lohnt. Schlechte Angebote erhöhen dagegen die Komplexität, verpacken Marketing als Innovation und lassen Kosten oder Datennutzung im Kleingedruckten verschwinden. Wenn du ein Angebot prüfst, hilft eine einfache Frage: Macht dieser Service mein Leben tatsächlich leichter und meinen Stromverbrauch nachvollziehbarer – oder soll ich nur eine weitere Blackbox abonnieren? Genau dort verläuft in Zukunft die wichtigste Grenze zwischen nützlicher Effizienzdienstleistung und teurem Etikett.