Eigentum vs. Miete: wer investiert in was – und warum? Theresa Keller Die Energiewende im Gebäudepark klingt oft technisch, ist im Alltag aber vor allem eine soziale Frage. Gerade im Mehrfamilienhaus treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: Vermieter:innen entscheiden über die Hülle und die Heizung, Mietende zahlen die laufenden Kosten und leben mit den Folgen. Wenn du verstehen willst, warum sinnvolle Sanierungen so oft stocken, hilft ein Blick auf das sogenannte Split-Incentive-Problem – und auf Wege, wie sich Blockaden trotzdem auflösen lassen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Viele Energiewende-Projekte scheitern nicht technisch, sondern an geteilten Anreizen. © Gemini / Google Warum die Energiewende im Mietshaus langsamer wirkt In der Schweiz lebt ein grosser Teil der Bevölkerung zur Miete. Genau deshalb entscheidet sich ein wesentlicher Teil der Energiewende nicht im Einfamilienhaus, sondern im Mehrfamilienhaus. Dort ist die Ausgangslage komplizierter: Eigentum, Nutzung, Finanzierung und Nutzen liegen oft nicht in derselben Hand. Aus energetischer Sicht wären viele Massnahmen gut belegt: bessere Gebäudehüllen, fossilfreie Heizsysteme, kluge Regelungstechnik oder Solarstrom auf dem Dach senken Energieverbrauch und Emissionen. Das zeigen unter anderem Analysen des Bundesamts für Energie und des Gebäudeprogramms. Doch im Mietshaus entsteht ein strukturelles Problem: Wer investiert, spart nicht unbedingt selbst. Und wer sparen würde, kann oft nicht entscheiden. Hinzu kommt, dass Sanierungen im Bestand organisatorisch aufwendig sind. In Mehrfamilienhäusern müssen Eigentümer:innen Rendite, Unterhalt, Finanzierung, gesetzliche Vorgaben, Mietrecht, Bauabläufe und die Vermietbarkeit der Wohnungen gleichzeitig im Blick behalten. Für Mietende wiederum zählt, ob die Wohnung bezahlbar bleibt, wie stark der Alltag beeinträchtigt wird und ob versprochene Einsparungen wirklich ankommen. Das Split-Incentive-Problem einfach erklärt Das Split-Incentive-Problem beschreibt eine typische Konstellation in Mietverhältnissen: Die Kosten einer Investition liegen bei einer Partei, der Nutzen aber ganz oder teilweise bei einer anderen. In der Energieökonomie gilt dieses Auseinanderfallen von Entscheidung, Zahlung und Nutzen als zentraler Grund dafür, dass rentable Effizienzmassnahmen nicht immer umgesetzt werden. Ein einfaches Beispiel: Eine Vermieter:in investiert in bessere Dämmung oder einen Heizungsersatz. Die Investition ist hoch und amortisiert sich über Jahre. Die tiefere Heizrechnung spüren aber vor allem die Mietenden über die Nebenkosten. Aus Sicht der Eigentümer:in ist der finanzielle Nutzen also weniger direkt als bei selbst genutztem Wohneigentum. Umgekehrt können auch Mietende sinnvolle Verhaltensänderungen oder kleinere Anschaffungen scheuen, wenn sie nur kurz in der Wohnung bleiben oder keinen Einfluss auf grössere systemische Mängel haben. Warum sollten sie viel Zeit und Geld in ein Gebäude investieren, dessen Hülle, Fenster oder Heizung sie nicht verändern dürfen? Das heisst nicht, dass Vermieter:innen «nicht wollen» oder Mietende «nicht mitziehen». Das Problem ist meist strukturell, nicht moralisch. Genau deshalb braucht es Lösungen, die Interessen neu ausrichten, statt einzelnen Gruppen pauschal die Schuld zuzuschieben. Wo Vermieter:innen tatsächlich ein Interesse haben Die Annahme, Eigentümer:innen hätten grundsätzlich kein Interesse an Energieeffizienz, greift zu kurz. In der Praxis gibt es mehrere starke Motive, die Investitionen attraktiv machen können. Erstens geht es um Werterhalt und Zukunftsfähigkeit. Gebäude mit veralteter Heizung, schlechter Hülle und hohem Energiebedarf tragen ein zunehmendes regulatorisches und wirtschaftliches Risiko. Der Gebäudepark steht unter Druck, Emissionen zu senken; Bund und Kantone verschärfen schrittweise die Anforderungen. Wer früh saniert, reduziert das Risiko teurer Notmassnahmen später. Zweitens spielt die Vermietbarkeit eine Rolle. Laut dem Bundesamt für Wohnungswesen und dem Bundesamt für Energie gewinnen Nebenkosten, Innenraumkomfort und Hitzeschutz im Markt an Bedeutung. Eine Wohnung, die im Winter zugig und im Sommer überhitzt ist, ist langfristig weniger attraktiv – selbst wenn die Nettomiete zunächst konkurrenzfähig wirkt. Drittens schaffen energetische Massnahmen oft einen Nutzen, der über die Heizkosten hinausgeht: stabilere Innenraumtemperaturen, weniger Feuchteprobleme, geringere Störanfälligkeit alter Anlagen und teils niedrigere Betriebs- und Unterhaltskosten. Gerade Wärmepumpen, gute Regelung und erneuerbare Eigenstromnutzung können betriebliche Vorteile bringen, wenn Planung und Betrieb sorgfältig gemacht sind. Viertens wächst der Druck von Finanzierung, Offenlegung und Regulierung. Der Schweizer Gebäudesektor ist ein zentraler Hebel für die Klimapolitik. Daten des Bundesamts für Umwelt und des Bundesamts für Energie zeigen seit Jahren, dass Gebäude einen relevanten Anteil der inländischen Emissionen und des Energieverbrauchs verursachen. Wer ein Mehrfamilienhaus besitzt, bewegt sich also in einem Umfeld, in dem energetische Qualität zunehmend Teil professioneller Bewirtschaftung wird. Wo Mietende gute Gründe für Skepsis haben Auch die Zurückhaltung von Mietenden ist oft rational. Viele Menschen verbinden energetische Sanierungen nicht zuerst mit Klimaschutz, sondern mit Unsicherheit: Wird es teurer? Muss ich während der Bauzeit Einschränkungen aushalten? Habe ich überhaupt ein Mitspracherecht? Diese Fragen sind berechtigt. Besonders sensibel ist das Thema Kostenverschiebung. Wenn eine Sanierung zu Mietzinsanpassungen führt, die erwarteten Einsparungen bei den Nebenkosten aber unklar bleiben, entsteht Misstrauen. Aus Sicht von Mietenden ist das nachvollziehbar: Eine versprochene Effizienzsteigerung nützt im Alltag wenig, wenn die Gesamtwohnkosten steigen oder die Abrechnungen intransparent sind. Dazu kommt die oft kurze Wohnperspektive. Wer nicht weiss, ob er noch viele Jahre in derselben Wohnung lebt, bewertet Komfortgewinne und langfristige Einsparungen anders als Eigentümer:innen. Verhaltensökonomisch ist das plausibel: Menschen gewichten unmittelbare Belastungen meist stärker als spätere Vorteile. Solche Effekte sind in der Energieforschung gut dokumentiert und helfen zu verstehen, warum selbst objektiv sinnvolle Massnahmen auf Widerstand stossen können. Schliesslich fehlt Mietenden häufig die Mitsprache bei Entscheidungen, die ihren Alltag direkt betreffen. Das kann das Gefühl verstärken, bloss Kosten und Baustellenfolgen zu tragen, ohne echte Kontrolle über den Prozess zu haben. Für Akzeptanz ist deshalb nicht nur wichtig, was saniert wird, sondern auch wie. Fünf Wege aus dem Dilemma Gute Lösungen setzen dort an, wo Interessen auseinanderlaufen. Ziel ist nicht, alle Differenzen verschwinden zu lassen, sondern sie planbar und fair zu machen. In der Praxis haben sich vor allem fünf Ansätze bewährt: Transparente Nutzenargumente: Statt nur mit «Klimaschutz» zu werben, sollten Eigentümer:innen offen aufzeigen, was sich für Mietende konkret verändert: Heizkosten, Sommerkomfort, Lärmschutz, Zugluft, Schimmelrisiko, Versorgungssicherheit und Bauablauf. Je klarer Nutzen und Risiken benannt werden, desto eher entsteht Vertrauen. Faire Vertragsmodelle: Wenn Investitionen über Miete und Nebenkosten teilweise weitergegeben werden, braucht es verständliche und nachvollziehbare Modelle. Wichtig ist, dass erwartete Einsparungen realistisch ausgewiesen und nicht überversprochen werden. Etappierung statt Grossschock: Nicht jede Verbesserung muss auf einmal erfolgen. Eine gestufte Sanierungsstrategie kann finanzielle Spitzen abfedern und den Alltag weniger stark belasten – etwa zuerst Regelung und Heizung, dann Dach und Fassade. Geteilte Grundinfrastruktur: Besonders bei Mehrfamilienhäusern können gemeinsame Lösungen viel bewirken, etwa zentrale Wärmeerzeugung, Lastmanagement oder Solarstrom für Allgemeinstrom und Eigenverbrauch. So wird Effizienz nicht zur Privatsache einzelner Wohnungen, sondern Teil der Hausinfrastruktur. Externe Begleitung: Energieberatungen, neutrale Fachplanung und professionelle Moderation helfen, Interessenkonflikte zu entschärfen. Laut Bundesamt für Energie verbessert eine frühe, qualifizierte Planung die Qualität von Sanierungsentscheiden deutlich. Was du konkret tun kannst – als Mieter:in oder Vermieter:in Auch wenn die grossen Rahmenbedingungen politisch gesetzt werden, gibt es im Alltag mehr Handlungsspielraum, als es zunächst scheint. Besonders hilfreich sind diese Schritte: Als Mieter:in: Bitte um nachvollziehbare Informationen zu Energieverbrauch, Nebenkosten und geplanter Sanierung. Frage nicht nur nach der Nettomiete, sondern nach den voraussichtlichen Gesamtwohnkosten. Dokumentiere Probleme wie Überhitzung, Zugluft oder Feuchte sachlich – solche Hinweise sind für Eigentümer:innen oft relevanter als abstrakte Klimaziele. Als Vermieter:in: Kommuniziere früh und konkret. Zeige auf, welche Belastungen entstehen, welche Vorteile erwartet werden und welche Unsicherheiten bleiben. Nutze neutrale Energieberatungen und rechne mit realistischen Szenarien statt mit Best-Case-Annahmen. Für beide Seiten: Sprich über Komfort, Gesundheit und Planbarkeit – nicht nur über Kilowattstunden. Gute Raumtemperaturen, weniger Feuchte und verlässliche Heizsysteme sind im Alltag oft die überzeugenderen Argumente. Warum diese Frage politisch relevant ist Das Mieter-Vermieter-Dilemma ist kein Randthema, sondern ein Kernproblem der sozial anschlussfähigen Energiewende. Wenn die Mehrheit der Menschen nicht im eigenen Einfamilienhaus lebt, kann Klimapolitik im Gebäudebereich nur funktionieren, wenn sie Mietverhältnisse mitdenkt. Genau darauf weisen Schweizer Energie- und Klimadaten hin: Die Emissionsreduktion im Gebäudesektor entscheidet sich wesentlich im Bestand und damit in Häusern mit mehreren Interessenlagen. Politisch bedeutet das: Förderprogramme, Standards und Informationsinstrumente müssen so gestaltet sein, dass sie nicht nur technisch wirksam, sondern auch sozial tragfähig sind. Eine Sanierung, die Emissionen senkt, aber breite Verunsicherung oder Verdrängungsängste auslöst, wird weniger Akzeptanz finden. Umgekehrt steigt die Zustimmung, wenn Kostenfolgen nachvollziehbar, Verfahren fair und Nutzen im Alltag spürbar sind. Was das für nachhaltigleben.ch inhaltlich bedeutet Wer über nachhaltiges Leben in der Schweiz schreibt, sollte Wohnen nicht nur als Technikthema behandeln. Dämmung, Heizsysteme oder Solarstrom sind wichtig – aber genauso wichtig sind Gerechtigkeit, Mitsprache und Bezahlbarkeit. Das gilt besonders im Mehrfamilienhaus, wo Klimaschutz nur dann alltagstauglich wird, wenn er soziale Realitäten ernst nimmt. Für Leser:innen heisst das: Wenn du im Mietshaus lebst, bist du nicht bloss Zuschauer:in der Energiewende. Du kannst Fragen stellen, Transparenz einfordern, Nutzen und Risiken abwägen und gute Prozesse unterstützen. Und wenn du Eigentum verwaltest oder besitzt, lohnt es sich, energetische Investitionen nicht nur als Kostenblock zu sehen, sondern als Teil einer langfristig tragfähigen Wohnqualität. Die entscheidende Frage lautet also nicht nur «Wer investiert in was?», sondern auch: Wie lassen sich Nutzen, Lasten und Entscheidungen so verteilen, dass Klimaschutz im Alltag funktioniert? Genau dort beginnt die soziale Anschlussfähigkeit der Energiewende.