ZEV, vZEV und LEG: Solarstrom teilen in der Schweiz (Stand 2026) Theresa Keller Du wohnst im Mehrfamilienhaus oder planst ein Quartierprojekt – und fragst dich, ob ihr den eigenen Solarstrom fair, einfach und legal untereinander teilen könnt? In der Schweiz haben sich die Möglichkeiten dafür stark weiterentwickelt: Neben dem klassischen ZEV gibt es den vZEV (seit 2025) und die LEG (ab 2026). Dieser Artikel erklärt dir die Unterschiede so, dass du danach weisst, welches Modell zu deinem Gebäude passt – und welche Schritte für Messung, Abrechnung und Verträge wirklich zählen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Gemeinsam Solarstrom nutzen: In Mehrfamilienhäusern kann ein ZEV die Rentabilität steigern – wenn Abrechnung und Verträge stimmen © Maryana Serdynska / Getty Images Warum lokale Strommodelle jetzt wichtiger werden Photovoltaik auf dem Dach ist in vielen Gebäuden längst wirtschaftlich. Der nächste Hebel für Klima und Portemonnaie liegt aber oft nicht in «mehr Modulen», sondern in besserer Nutzung vor Ort: Je mehr Solarstrom im Haus oder Quartier direkt verbraucht wird, desto weniger muss teuer aus dem Netz bezogen werden – und desto weniger Überschuss fällt an, der zu tieferen Rückliefertarifen eingespeist wird. Gleichzeitig sind Mehrfamilienhäuser und gemischt genutzte Liegenschaften organisatorisch anspruchsvoll: unterschiedliche Mietverhältnisse, wechselnde Bewohner:innen, verschiedene Verbrauchsprofile (Wohnungen, Gewerbe, E-Mobilität, Wärmepumpe). Genau dafür wurden ZEV, vZEV und LEG geschaffen bzw. weiterentwickelt. Die Modelle im Vergleich (ZEV, vZEV, LEG) Modell Kurzidee Räumliche Grenze Netznutzung Typischer Einsatz Komplexität ZEV Eigenverbrauchsgemeinschaft innerhalb eines Gebäudes/Grundstücks Gebäude oder zusammenhängendes Grundstück Intern, ohne öffentlichen Stromhandel Mehrfamilienhaus, Areal mit gemeinsamer Infrastruktur Mittel vZEV «Virtueller» ZEV über Messung des Verteilnetzbetreibers Zusammenschluss am gleichen Verteilkasten (netzseitig) Physisch über das Netz, bilanziell als Gemeinschaft abgerechnet Mehrere Gebäude, die technisch nahe beieinander liegen Mittel bis höher LEG Lokaler Handel von Strom innerhalb einer Gemeinschaft Lokal definierter Perimeter (gesetzlich/regulatorisch) Über öffentliches Netz mit Regeln für lokale Verteilung/Abrechnung Quartier, Dorfteil, gemischte lokale Akteur:innen Höher ZEV: Solarstrom teilen im Gebäude oder auf dem Grundstück Beim Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) bündeln mehrere Endverbraucher ihre Anschlüsse zu einer Einheit und nutzen den lokal erzeugten Strom gemeinsam. Praktisch bedeutet das: Eine PV-Anlage (oft mit optionalem Speicher) versorgt zuerst die Gemeinschaft, erst Überschüsse gehen ins Netz. Intern braucht es eine Mess- und Abrechnungslogik, damit jede Partei nachvollziehbar zahlt, was sie bezieht. Typisch ist der ZEV für ein Mehrfamilienhaus: Du kannst Bewohner:innen einen Solarstromtarif anbieten, der transparent ist und gegenüber dem Standardnetzbezug attraktiv bleibt. vZEV: seit 2025 – Zusammen schliessen über Messgeräte des VNB am gleichen Verteilkasten Der vZEV (virtueller ZEV) erweitert die Idee des ZEV: Die Gemeinschaft muss nicht zwingend «hinter derselben internen Hausinstallation» liegen, sondern kann über die Messinfrastruktur des Verteilnetzbetreibers (VNB) bilanziert werden – vorausgesetzt, die beteiligten Anschlüsse hängen am gleichen Verteilkasten bzw. an der definierten netzseitigen Konstellation. Das ist besonders interessant, wenn du zwei Nachbargebäude hast (z. B. Wohnhaus und Gewerbehaus), die räumlich nahe sind, aber nicht sauber über eine gemeinsame interne Verteilung zusammengeführt werden können oder sollen. LEG: ab 2026 – lokaler Handel über das öffentliche Netz Die Lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) geht einen Schritt weiter: Hier steht nicht nur «gemeinsamer Eigenverbrauch» im Vordergrund, sondern lokaler Stromhandel innerhalb eines definierten Perimeters – und zwar über das öffentliche Netz. Das eröffnet neue Möglichkeiten, weil Erzeugung und Verbrauch nicht zwingend in derselben Liegenschaft stattfinden müssen, sondern im lokalen Verbund organisiert werden können. Wichtig: «Mehr Freiheit» bedeutet auch mehr Regeln. Für LEG-Projekte sind Governance, Datenflüsse und die Rolle des Netzbetreibers zentral. Voraussetzungen & Grenzen: Was du vorab klären musst Egal ob ZEV, vZEV oder LEG: Der Erfolg hängt weniger an der PV-Technik als an sauberer Organisation. Zwei Fragen sind entscheidend: Wer macht mit? und wie werden Messung, Abrechnung und Verträge umgesetzt? Wer darf teilnehmen? (Endverbraucher, Erzeuger, Speicher) In der Praxis hast du meist eine Mischung aus Endverbrauchern (Wohnungen, Gewerbe), Erzeugern (PV-Anlage, ggf. weitere lokale Produktion) und optional Speichern (Batterie, E-Auto als flexibler Verbraucher, Wärmepumpe/Boiler als «thermischer Speicher»). Für alle gilt: Du brauchst klare Rollen, damit es im Alltag nicht zu Konflikten kommt, etwa bei Mieterwechsel oder bei der Frage, wer Investitionen trägt. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist Transparenz ein zentraler Akzeptanzfaktor: Menschen akzeptieren gemeinsame Energiemodelle eher, wenn Regeln als fair und verständlich erlebt werden und Kosten/Nutzen nachvollziehbar sind. Darum lohnt es sich, Preislogik und Zuständigkeiten früh zu klären – bevor Angebote eingeholt werden. Messung/Abrechnung: welche Daten brauchst du? Für eine korrekte, streitfreie Abrechnung brauchst du belastbare Messdaten. Das gilt sowohl gegenüber den Bewohner:innen als auch für die Nachvollziehbarkeit gegenüber Netzbetreiber und Behörden. Typische Mindestanforderungen sind: zeitlich aufgelöste Verbrauchsdaten pro Partei, Produktion der PV-Anlage, allfällige Speicherflüsse (Laden/Entladen) sowie eine eindeutige Zuordnung, welcher Anteil «lokal» und welcher Anteil «Netz» ist. Je nach Modell (ZEV/vZEV/LEG) und Zählerkonzept können die Datenquellen unterschiedlich sein (z. B. Submetering im Gebäude vs. Messung über den VNB). Wichtig ist: Wenn die Datenqualität nicht stimmt, wird jede noch so gute Preisidee zum Streitpunkt. Schritt-für-Schritt zur Umsetzung Damit du nicht im Technik- oder Paragrafendschungel hängen bleibst, hilft ein klarer Ablauf. Du kannst das als Checkliste für die Eigentümerschaft, Verwaltung oder eine Projektgruppe nutzen. Modell wählen: Passt ein ZEV im Gebäude? Oder braucht ihr vZEV/LEG wegen mehrerer Gebäude bzw. Quartierlogik? Teilnehmende definieren: Welche Anschlüsse sind dabei, welche optional (z. B. Gewerbe, E-Ladestationen)? Governance festlegen: Wer entscheidet Preise, Investitionen, Regeländerungen? Wer ist Ansprechpartner:in bei Mieterwechsel? Preislogik bestimmen: Wie setzt sich der lokale Strompreis zusammen (z. B. Orientierung am Netzpreis minus Vorteil, plus Reserve für Betrieb/Unterhalt)? Zählerkonzept planen: Welche Zähler braucht es wo, mit welcher zeitlichen Auflösung, und wie kommen die Daten in die Abrechnung? Abrechnungslösung wählen: Eigenbetrieb, Verwaltungslösung oder spezialisierter Dienstleister – wichtig ist nachvollziehbare, wiederholbare Abrechnung. Recht & Verträge sauber aufsetzen: Teilnahmebedingungen, Transparenzpflichten, Kündigung/Ein- und Austritt, Umgang mit Leerstand. Pilotphase & Kommunikation: Startet mit einer Testabrechnung, erklärt die Logik in einfacher Sprache, holt Feedback ein. Planung (Rollen, Governance, Preislogik) Plane zuerst die «Spielregeln», dann die Technik. Ein häufiger Fehler ist, dass eine Anlage gebaut wird und erst danach diskutiert wird, wie der Strom intern bepreist wird. Für Akzeptanz ist es meist hilfreich, wenn der lokale Tarif spürbar günstiger ist als der normale Netzbezug, ohne dass die Investitionsträgerseite (oft Eigentümerschaft) am Schluss draufzahlt. Gute Preislogik ist nicht «maximal günstig», sondern robust: Sie funktioniert auch, wenn es ein schlechtes Solarjahr gibt, wenn sich der Netzpreis ändert oder wenn viele Bewohner:innen wechseln. Technik (Zählerkonzept, Schnittstellen, Abrechnungslösung) Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Messung, Datenübertragung und Rechnungserstellung. Kläre früh, ob du ein internes Submetering nutzt oder ob (je nach Modell) Messdaten über den VNB geliefert werden. Plane auch die Schnittstellen: Wer bekommt welche Daten, in welcher Form, und wer darf sie für die Abrechnung verwenden? Je einfacher und standardisierter der Prozess, desto weniger Fehler und Supportaufwand im Betrieb. Recht & Verträge (Mietrecht-Zusatz, Transparenz, Zustimmung) In Mehrfamilienhäusern ist Mietrecht der Praxis-Knackpunkt. Der BFE-Leitfaden zeigt, worauf es bei Eigenverbrauchslösungen im Mietkontext ankommt: klare Information, nachvollziehbare Abrechnung, definierte Vertragsgrundlagen und faire Rahmenbedingungen, damit Mieter:innen verstehen, was sie zahlen und wofür. Für dich heisst das: Plane einen verständlichen Vertragszusatz, regle Zuständigkeiten bei Störungen und definiere sauber, wie Ein- und Austritt funktionieren. Zusätzlich musst du die geltenden Vorgaben der StromVV berücksichtigen, insbesondere wenn es um Abgrenzung, Messung und die regulatorische Einbettung neuer Modelle geht. Wenn du unsicher bist, lohnt sich frühzeitige juristische Klärung – das ist meist günstiger als ein späterer Umbau von Verträgen und Messkonzepten. Drei Praxisbeispiele Beispiel 1: Klassischer ZEV im Mehrfamilienhaus. Ein Gebäude mit 12 Wohnungen installiert PV auf dem Dach. Die Eigentümerschaft betreibt den ZEV, jede Wohnung hat einen Unterzähler. Der lokale Tarif liegt unter dem Netzpreis, enthält aber einen kleinen Anteil für Betrieb/Administration. Ergebnis: Hoher Eigenverbrauch tagsüber (Homeoffice, Haushaltsgeräte), weniger Überschüsse, gute Akzeptanz wegen transparenter Monatsübersicht. Beispiel 2: vZEV für zwei Nachbarliegenschaften. Ein Wohnhaus und ein kleiner Gewerbebau stehen nebeneinander, beide am gleichen Verteilkasten. Die PV-Anlage sitzt auf dem Gewerbedach, der Strom soll auch im Wohnhaus genutzt werden. Über die passende Mess- und Abrechnungslogik gemäss Rahmenbedingungen kann der vZEV die lokale Nutzung über Gebäudegrenzen hinweg ermöglichen. Beispiel 3: LEG im Quartier ab 2026. Mehrere Liegenschaften (Wohnen, Schule, Gewerbe) wollen lokal Strom handeln, weil unterschiedliche Lastprofile gut zusammenpassen. Die LEG definiert klare Regeln: Wer liefert wann, wie wird abgerechnet, wie werden Netzkosten/Abgaben berücksichtigt, und wer übernimmt Datenmanagement. Hier ist die Projektführung entscheidend, weil mehr Akteur:innen beteiligt sind und die Komplexität steigt. FAQ Welches Modell ist «am einfachsten» für ein Mehrfamilienhaus? In vielen Fällen ist der klassische ZEV am geradlinigsten, weil er innerhalb einer Liegenschaft bleibt und die Prozesse gut erprobt sind. Wenn ihr aber mehrere Gebäude sinnvoll koppeln wollt und die netzseitigen Voraussetzungen erfüllt, kann der vZEV organisatorisch attraktiver sein als eine aufwendige interne Verkabelung Müssen alle Bewohner:innen mitmachen? In der Praxis hängt das von Projekt und Vertragsgestaltung ab. Wichtig ist, dass Teilnahme, Kosten und Nutzen transparent geregelt sind und bei Wechsel von Bewohner:innen ein klarer Prozess existiert. Der BFE-Leitfaden betont die Bedeutung verständlicher Information und sauberer Vertragsgrundlagen im Mietverhältnis. Lohnt sich ein Speicher automatisch? Nicht automatisch. Ein Speicher kann den Eigenverbrauch erhöhen, ist aber eine zusätzliche Investition, die sich je nach Lastprofil, Strompreis, Rückliefertarif und Dimensionierung unterschiedlich rechnet. Oft ist die Reihenfolge sinnvoll: zuerst Verbrauch optimieren (z. B. Warmwasser/Wärmepumpe sinnvoll steuern), dann Speicher prüfen. Was ist der häufigste Fehler bei ZEV/vZEV/LEG? Zu spät über Abrechnung und Verträge nachzudenken. Technisch lässt sich vieles lösen – aber wenn Preislogik, Datenqualität und Transparenz nicht stimmen, verliert das Projekt Akzeptanz. Genau deshalb sind die Empfehlungen zu Mess-/Abrechnungsprozessen und mietrechtlich klaren Vereinbarungen so wichtig