«Unser Verhalten zu ändern ist die grösste Herausforderung»

Um die Ziele der 2000 Watt-Gesellschaft zu erreichen, braucht es nicht nur effiziente Häuser und Geräte, auch unser Alltag muss sich deutlich verändern. Welche weiteren Einsparungen im Wohnbereich möglich sind und wo wir Konsumenten zusätzlich Energie und Geld sparen können, erklärt Bauingenieur und Vorstandsmitglied des Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS), Stephan Wüthrich, im Interview.

2000 Watt-Gesellschaft: Wir alle müssen unser Verhalten ändern!
Wir alle können viel zum Energie sparen beitragen. Foto: iStockphoto / Thinkstock
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Herr Wüthrich, unser Energieverbrauch ist in den letzten Jahren eher gestiegen statt zu sinken, derzeit verbrauchen wir 6000 Watt pro Person. Ist das Projekt 2000 Watt-Gesellschaft damit bereits gescheitert?

Wir bauen heute Gebäude, die eigentlich die Voraussetzungen der 2000 Watt-Gesellschaft erfüllen. Die derzeitige Herausforderung liegt bei den bereits bestehenden Häusern und in unserem Verhalten. Wir werden das Ziel nicht erreichen, wenn wir den vorhandenen Gebäudepark nicht in absehbarer Zeit energetisch sanieren und unser Verhalten, wie bei Mobilität und Konsum, anpassen.

Warum wird noch zu wenig saniert?

Die energetische Sanierung ist freiwillig. Die Energiekosten sind im Wohnbereich tragbar und werden oft auf den Mieter oder den Nutzer abgewälzt. Ein eigentlicher Anreiz fehlt somit. In vielen Kantonen wird  aber bereits darüber diskutiert, ob das Sanieren für die Hausbesitzer zur Pflicht werden soll.

Was kann die Auswahl des Wohnraums, bei allen die keine eigene Immobilie besitzen, zur Erreichung der Ziele der 2000 Watt-Gesellschaft beitragen?

Wir werden immer  effizienter in der Herstellung von Produkten, im Bauen und bei den  Geräten. Gleichzeitig steigt aber der Anspruch an Wohnfläche. 1980 beanspruchte eine Person in der Schweiz im Durchschnitt 34 m² Wohnfläche, heute liegt der Wert bereits bei rund 50 m². Aktuelle Schätzungen beziffern den Wohnflächenbedarf für 2030 auf rund 55 m² pro Person. Es wäre jedoch für die Erreichung der 2000 Watt-Gesellschaft nötig, dass wir uns auf den wirklich benötigten Wohnraum begrenzen, also suffizienter leben.

Oft wird beim Energiesparen nur vom Wohnen und der Mobilität gesprochen. Wo kann man noch sparen?

Es braucht eine ganzheitliche Sicht, die auch Themen wie Mobilität, Ernährung und Konsumverhalten insgesamt mit einbezieht. In diesen Bereichen besteht grosser Nachholbedarf. Dafür wäre es jedoch notwendig, dass wir für die Konsumenten transparente Entscheidungsgrundlagen schaffen und unsere bestehenden Werte selbstkritisch hinterfragen.

2000 Watt-Gesellschaft: Wir alle müssen unser Verhalten ändern!

Stephan Wüthrich, CSD INGENIEURE AG, Foto: Privat

Wie kann man den Grossteil der Gesellschaft davon überzeugen?

Die Gesellschaft darf nicht „nur“ für das Energiesparen sensibilisiert werden. Es geht vielmehr um die Werte und die gängigen Verhaltensregeln. Zusätzlich beeinflussen aber auch die Einkommensverhältnisse die Auswahl im Warenkorb des Einzelnen. Wenn man nicht viel Geld hat, ist es unwahrscheinlicher, dass man ein energieeffizienteres Gerät kauft. Man nimmt dann einfach oft das Günstigste.

Mit welchen Mitteln könnte man die Mühe des Energiesparens oder auch die höhere Investition in effiziente Geräte reizvoller machen?

Die Energierechnung hat heute im privaten Haushaltsbudget eine zu geringe Bedeutung. Es müssen finanzielle Anreize zum Energiesparen geschaffen werden. Das geht in der Schweiz kurzfristig nur über den politischen Weg und verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen wie sie zum Beispiel in der Energiestrategie des Bundesrates aufgezeigt werden.

Wenn man sich so wie Sie bereits mit dem Energiesparen beschäftigt, wie kann man andere Menschen in seinem Umfeld dafür sensibilisieren?

Jeder kann in seinem privaten und beruflichen Umfeld seinen Beitrag leisten. Im Büro setzen wir zum Beispiel Anreize für die Nutzung des öffentlichen Verkehrs, organisieren im Rahmen von Bike to work einen Velo-Reparatur-Tag für die Mitarbeitenden oder beschaffen Strom aus erneuerbaren Energien. Es gibt heute viele kleine Massnahmen die mit gemeinsamem Einsatz grosse Wirkung erzielen.

Was ist Ihre Prognose, werden wir die 2000 Watt-Gesellschaft im geplanten Zeitraum bis 2150 erreichen?

Wenn wir sehen was nur schon in den letzten 20 Jahren technologisch erreicht wurde, werden wir den Zielwert erreichen. Die grösste Herausforderung ist jedoch unser Verhalten zu verändern. Dafür braucht es einen grundlegenden „Wertewandel“ und einen bewussteren Umgang mit Mobilität und Konsum.

 

Interview: Bianca Sellnow