Radon im Eigenheim: wann testen, Grenzwerte in der Schweiz, Massnahmen Theresa Keller Ein Zuhause soll Sicherheit geben – und trotzdem kann sich ein unsichtbares Risiko einschleichen: Radon. Das radioaktive Gas entsteht natürlich im Boden und kann in Gebäude eindringen, ohne dass du es riechst oder spürst. Die gute Nachricht: Du kannst das Risiko mit einer korrekten Messung realistisch einschätzen – und bei erhöhten Werten gezielt, wirksam und oft mit überschaubarem Aufwand handeln. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Radon misst man zuverlässig mit Dosimetern über mehrere Wochen in der Heizperiode. © U. J. Alexander / Getty Images Radon kurz erklärt Radon ist ein natürlich vorkommendes, radioaktives Edelgas. Es entsteht beim Zerfall von Uran in Gestein und Boden und kann sich in Innenräumen anreichern. Medizinisch relevant ist Radon vor allem, weil seine Zerfallsprodukte beim Einatmen die Atemwege belasten und langfristig das Lungenkrebsrisiko erhöhen können. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beschreibt Radon als eine der wichtigsten Ursachen für Lungenkrebs nach dem Rauchen – entscheidend ist dabei die langfristige Konzentration in der Raumluft, nicht ein einzelner Tageswert. Wichtig für die Einordnung: Radon ist kein “Schimmel-ähnliches” Problem und auch kein Zeichen von schlechter Hygiene. Es ist Geologie plus Bauphysik. Gerade deshalb hilft dir ein strukturierter, nüchterner Blick: messen, einordnen, priorisiert verbessern. Eintrittswege ins Haus Radon gelangt vor allem dort ins Gebäude, wo es Kontakt zum Erdreich gibt. Typische Eintrittsstellen sind Risse in Bodenplatten, undichte Fugen, Leitungsdurchführungen, Sickerleitungen, Schächte oder nicht abgedichtete Bodenabläufe. Je nach Bauweise kann auch ein Naturkeller, ein ungedichteter Kriechkeller oder ein schlecht abgetrennter Technikraum den Zustrom begünstigen. Muss ich testen? Ein Radontest ist besonders sinnvoll, wenn du langfristig im Gebäude lebst oder arbeitest – denn Radon wirkt über Jahre. Auch wenn du dich gesund fühlst, kann eine Messung beruhigen oder rechtzeitig Hinweise geben. Radonkarte/Radon-Check & Gebäudefaktoren Die Radonkarte Schweiz kann dir eine erste Orientierung geben, ob deine Region eher zu erhöhten Werten neigt. Aber sie ersetzt keine Messung im Gebäude: Zwei benachbarte Häuser können sehr unterschiedliche Werte haben. Der Kanton Zürich weist in seinen Informationen ebenfalls darauf hin, dass das individuelle Gebäude entscheidend ist und dass eine Messung die verlässlichste Grundlage für Entscheidungen ist. Wenn du es pragmatisch willst, nutze diese kurze Checkliste als Entscheidungshilfe (sie ersetzt keine Fachberatung, hilft aber beim Priorisieren): Du nutzt häufig Räume im Erdgeschoss/Untergeschoss (Schlafzimmer, Büro, Hobbyraum, Kinderzimmer): Test eher ja. Du hast einen älteren Bau oder unklare Abdichtungen gegen Erdreich (Risse, Durchführungen, Naturkeller): Test eher ja. Du planst eine energetische Sanierung (Fenster, Dämmung, Luftdichtheit): Test vorher sehr sinnvoll, damit du Radon nicht “mit sanierst”. Du bist in einer Region mit bekanntem Radonpotenzial (laut Radonkarte/Radon-Check): Test sehr sinnvoll. Du rauchst oder es wird im Haushalt geraucht: Test besonders wichtig, weil sich Risiken kombinieren können. So misst du richtig Eine gute Messung ist der Schlüssel – und sie ist einfacher, als viele denken. Entscheidend sind ein geeignetes Messverfahren, die richtige Platzierung und eine ausreichend lange Messdauer. Dosimeter bestellen Für private Haushalte ist ein Radon-Test mit Dosimeter (passiver Detektor) der übliche Weg. Du bestellst Dosimeter bei anerkannten Messstellen/Laboren, platzierst sie nach Anleitung und sendest sie nach Ablauf der Messzeit zurück. Achte darauf, dass du ein Verfahren nutzt, das für Langzeitmessungen ausgelegt ist – einzelne Kurzzeit-Gadgets oder Momentanmessungen können stark schwanken (Wetter, Lüftungsverhalten, Jahreszeit) und sind für die Risikoabschätzung oft zu unsicher. Platzierung in zwei Räumen Damit du ein realistisches Bild bekommst, misst du idealerweise in zwei bewohnten Räumen, die repräsentativ sind: zum Beispiel Schlafzimmer und Wohnzimmer oder Schlafzimmer und Homeoffice – bevorzugt im tiefsten bewohnten Stockwerk. Halte dich an die Anleitung der Messstelle; typische Grundregeln sind: nicht direkt am Fenster, nicht direkt an Heizkörpern, nicht in Zugluft, nicht in einer Ecke am Boden. Ziel ist nicht “der höchste Wert”, sondern ein belastbarer Mittelwert für den Raum, in dem du wirklich lebst. Dauer (90 Tage Okt–März; ideal 1 Jahr) Radonwerte schwanken saisonal: Im Winter sind sie in vielen Gebäuden höher, weil weniger gelüftet wird und der Druckunterschied zwischen innen und aussen grösser sein kann. Es empfiehlt sich für eine verlässliche Beurteilung eine Langzeitmessung; in der Praxis sind mindestens 90 Tage in der kälteren Jahreszeit (oft Oktober bis März) ein gängiger Standard. Noch besser ist eine Messung über ein ganzes Jahr, weil sie jahreszeitliche Schwankungen glättet und dir den langfristig relevanten Wert liefert. Resultate verstehen Dein Messbericht gibt die Radonkonzentration in Bq/m³ (Becquerel pro Kubikmeter) an. Für die Frage “Ist das ein Problem?” ist der Vergleich mit dem Schweizer Referenzwert zentral. Das BAG nennt als Referenzwert für Innenräume 300 Bq/m³. Dieser Wert ist kein “ab hier passiert sofort etwas”, sondern ein Schwellenwert, ab dem Massnahmen empfohlen bzw. notwendig werden, um die langfristige Belastung zu senken. Referenzwert 300 Bq/m³ & nächste Schritte Damit du schnell entscheiden kannst, hilft diese einfache Logik (orientiert an der BAG-Systematik: messen, bewerten, handeln): Unter 300 Bq/m³: In der Regel kein akuter Handlungsdruck. Wenn du sehr nahe am Referenzwert liegst oder viel Zeit in tieferen Räumen verbringst, kannst du mittelfristig Optimierungen prüfen (z. B. Dichtheit, Lüftungsstrategie) oder bei einer Sanierung gleich mitdenken. Ab 300 Bq/m³: Massnahmen planen und priorisieren. Häufig sind bauliche oder lüftungstechnische Lösungen sinnvoller als “mehr lüften” als alleinige Strategie. Bei deutlich erhöhten Werten ist eine Fachperson ratsam. Wenn dich ein hoher Wert verunsichert: Das ist verständlich. Gleichzeitig ist Radon gut “steuerbar”, weil es konkrete technische Lösungen gibt. Du musst nicht alles auf einmal machen – aber du solltest strukturiert starten. Massnahmen Gute Radon-Massnahmen setzen an der Ursache an: Radon soll gar nicht erst in relevanter Menge aus dem Boden in dein Haus gelangen – oder es wird gezielt abgeführt. “Einfach mehr lüften” kann kurzfristig helfen, ist aber oft nicht stabil genug (und kann im Winter energetisch ungünstig sein). Abdichten Abdichten ist besonders dann sinnvoll, wenn klar erkennbare Eintrittsstellen vorhanden sind. Dazu gehören das Abdichten von Rissen und Fugen in Bodenplatte und Kellerwänden, das sorgfältige Abdichten von Leitungsdurchführungen sowie das Schliessen und Abdichten von Schächten oder Bodenabläufen, sofern baulich möglich und fachgerecht ausgeführt. In der Praxis ist Abdichten oft eine gute erste Massnahme – aber nicht immer ausreichend, wenn der Zustrom gross ist oder viele Eintrittswege existieren. Bauliche Lösungen Wenn die Werte deutlich erhöht sind oder Abdichtungen nicht reichen, sind technische Systeme häufig am wirksamsten: zum Beispiel eine Radon-Absaugung unter der Bodenplatte oder im Untergeschoss, die Radon erfasst und kontrolliert nach aussen führt. Auch eine kontrollierte Druckführung (z. B. leichter Unterdruck in bestimmten Bereichen) kann Teil eines Konzepts sein – entscheidend ist, dass die Lösung zum Gebäude passt und langfristig stabil funktioniert. Für viele Leser:innen ist hier die praktische Frage: Was kostet die Radon-Sanierung? Pauschalen sind unseriös, weil Aufwand und System stark vom Gebäude abhängen (Zugänglichkeit, Fundament, Leitungsführung, Anzahl betroffener Räume). Realistisch ist: Eine einfache Abdichtung kann vergleichsweise günstig sein, während eine technische Absaugung oder lüftungstechnische Anpassungen deutlich mehr kosten können – dafür aber häufig verlässlicher wirken. Gute Anbieter erklären dir vorab, welche Wirkung zu erwarten ist und wie der Erfolg kontrolliert wird (Messung nach der Sanierung). Wann Fachperson Spätestens wenn dein Messwert über 300 Bq/m³ liegt, lohnt sich eine fachliche Einschätzung – besonders bei deutlich höheren Werten, bei komplexen Gebäuden (z. B. gemischte Nutzung, ausgebautes Untergeschoss) oder wenn du ohnehin sanierst. Eine Fachperson kann Eintrittswege systematisch prüfen, Massnahmen kombinieren und ein Vorgehen wählen, das die Radonbelastung zuverlässig senkt, ohne neue Probleme zu schaffen (z. B. Feuchte, Zugluft, unnötige Energieverluste). Radon & energetische Sanierung Energetische Sanierungen machen Gebäude dichter. Das ist gut fürs Klima und oft auch für den Komfort – kann aber unbeabsichtigt dazu führen, dass sich Radon in Innenräumen stärker anreichert, wenn der Luftwechsel sinkt und Eintrittswege aus dem Boden nicht mitbehandelt werden. Darum gilt ein einfacher Grundsatz: Radon vor und nach grösseren Sanierungen mitdenken – besonders, wenn du im Erdgeschoss oder Untergeschoss wohnst oder diese Räume künftig intensiver nutzen willst. FAQ Rieche oder spüre ich Radon? Nein. Radon ist unsichtbar, geruchlos und geschmacklos. Darum ist eine Messung mit Dosimeter der verlässlichste Weg, um Klarheit zu bekommen. Reicht es, ein paar Tage mit einem Gerät zu messen? Für eine belastbare Risikoabschätzung meist nicht. Kurzzeitwerte können stark schwanken. Das BAG empfiehlt Langzeitmessungen, weil sie den für die Gesundheit relevanten Durchschnitt besser abbilden. Hilft “mehr Lüften” gegen Radon? Lüften kann die Konzentration senken, aber oft nicht dauerhaft genug – vor allem im Winter oder wenn Radon stark aus dem Boden nachströmt. Häufig sind Abdichtungen und/oder technische Lösungen die stabileren Massnahmen. Ich wohne zur Miete: Was kann ich tun? Du kannst zunächst messen (in Absprache mit der Vermieterschaft, je nach Hausregeln). Wenn Werte erhöht sind, hilft ein sachlicher Messbericht als Grundlage für das Gespräch. Oft lassen sich bauliche Ursachen (Durchführungen, Risse, Schächte) nur durch Eigentümer:innen nachhaltig beheben. Muss ich nach einer Sanierung erneut messen? Ja, das ist sehr sinnvoll. Nur eine erneute Messung zeigt, ob die Massnahmen die Radonkonzentration tatsächlich und dauerhaft reduziert haben (BAG).