Innenraumklima in Minergie(-ECO): Anforderungen & Praxis in der Schweiz Theresa Keller Ein behagliches Zuhause soll nicht nur warm und leise sein, sondern auch „gut zu atmen“. Gerade in dichten, energieeffizienten Gebäuden entscheidet das Innenraumklima über Schlaf, Konzentration, Wohlbefinden – und bei empfindlichen Personen auch über Gesundheit. Dieser Artikel erklärt dir verständlich, was Minergie und Minergie-ECO fürs Innenraumklima verlangen, wo in der Praxis die Stolpersteine liegen und wie du die wichtigsten Punkte auch ohne Label als Checkliste nutzen kannst. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Minergie steht für Energieeffizienz und Komfort – Minergie-ECO ergänzt Gesundheit und Ökologie. © PatrickHutter / Getty Images Minergie vs Minergie-ECO Minergie und Minergie-ECO verfolgen beide das Ziel, Gebäude in der Schweiz energieeffizient und komfortabel zu machen. Der Unterschied liegt im Schwerpunkt: Minergie setzt den Fokus stark auf Energie, Komfort und eine kontrollierte Lüftung. Minergie-ECO ergänzt das um Kriterien zu Gesundheit und Ökologie – insbesondere zu Schadstoffen aus Materialien und zur Innenraumluftqualität. Die Details werden in der Schweiz unter anderem über die Minergie Anwendungshilfe Minergie-ECO sowie über Branchenhilfen wie das ecoBau Merkblatt Innenraumklima konkretisiert. Energie/Komfort vs Gesundheit/Ökologie In einem sehr gut gedämmten Gebäude ist die Hülle so dicht, dass „automatisches“ Lüften über Fugen kaum noch stattfindet. Das ist energetisch sinnvoll, kann aber ohne gutes Lüftungskonzept dazu führen, dass sich Feuchte, Gerüche und Emissionen aus neuen Materialien stärker anreichern. Genau hier setzen die Anforderungen rund um Komfortlüftung, Materialwahl und (in der Schweiz besonders relevant) Radon an. Das BAG weist seit Jahren darauf hin, dass Radon als natürliches radioaktives Gas in der Schweiz regional erhöht sein kann und langfristig das Lungenkrebsrisiko steigert; entsprechend lohnt es sich, Radon beim Bauen und Sanieren systematisch mitzudenken. Anforderungen fürs Innenraumklima Komfortlüftung Die Komfortlüftung ist in Minergie-Konzepten zentral, weil sie kontrolliert Frischluft zuführt und verbrauchte, feuchte Luft abführt. Das Minergie Modul Komfortlüftung beschreibt dafür Anforderungen, die in der Praxis vor allem vier Themen betreffen: Luftqualität: Es geht nicht darum, „viel“ zu lüften, sondern richtig: ausreichend Frischluft in Wohn- und Schlafräumen, zuverlässiger Abtransport von Feuchte und Gerüchen aus Küche/Bad sowie eine sinnvolle Betriebsweise (z. B. Nachtabsenkung nur, wenn Feuchte/CO₂ nicht ansteigen). Wärmerückgewinnung (WRG): Moderne Geräte gewinnen Wärme aus der Abluft zurück. Das spart Heizenergie und hilft, Zugluft zu vermeiden. Für dich als Bewohner:in ist relevant, dass das System korrekt ausgelegt und eingeregelt wird – sonst stimmen Luftmengen und Komfort nicht, selbst wenn das Gerät „gut“ ist. Schallschutz: Eine Anlage, die hörbar pfeift oder brummt, wird oft heruntergeregelt oder ausgeschaltet. Dann leidet das Innenraumklima. Deshalb ist in der Praxis die Planung von Schalldämpfung, tiefe Luftgeschwindigkeiten und eine saubere Montage entscheidend. Filter: Filter schützen sowohl die Bewohner:innen (Aussenluft) als auch die Anlage (Staub). Wichtig ist weniger „Hightech“ als ein klarer Filterwechsel-Rhythmus und der Zugang zu den Filtern ohne Hürden. Emissionen/Materialwahl „Neue Wohnung, neuer Geruch“: In den ersten Wochen und Monaten nach Bau oder Renovation können flüchtige organische Verbindungen (TVOC) und Formaldehyd aus Farben, Lacken, Klebern, Böden oder Möbeln messbar ansteigen. Minergie-ECO adressiert dieses Thema systematisch, indem es die Materialwahl und die Vermeidung emissionsstarker Produkte stärker gewichtet. Die Minergie Anwendungshilfe Minergie-ECO sowie das ecoBau Merkblatt Innenraumklima geben dafür praxisnahe Leitplanken (z. B. Priorisierung geprüfter, emissionsarmer Produkte und konsequente Planung der Bauaustrocknung). Ein verbreitetes Missverständnis ist: „Wenn es Minergie ist, sind automatisch alle Schadstoffe weg.“ So funktioniert es nicht. Auch in sehr guten Gebäuden können Emissionsspitzen auftreten, wenn z. B. zu schnell bezogen wird, Estrich/Putze nicht ausgetrocknet sind oder viel neues Mobiliar gleichzeitig einzieht. Gute Planung heisst daher: Emissionen vorbeugen (Material/Prozesse) und überprüfen (Messstrategie, siehe unten). Radon Radon gelangt hauptsächlich aus dem Untergrund ins Gebäude, insbesondere über Undichtigkeiten in Bodenplatte, Fugen oder Leitungsdurchführungen. Das BAG beschreibt Radon als wichtigen Risikofaktor für Lungenkrebs; das Risiko steigt mit der Konzentration und der Aufenthaltsdauer. Für Neubauten und Sanierungen ist deshalb zentral: Radonprävention ist Bauphysik: Dichtes, radonsicheres Bauen im erdberührten Bereich (Abdichtungskonzept, sorgfältige Ausführung) ist meist wirksamer als „später irgendwie lüften“. Komfortlüftung kann helfen, aber sie ersetzt keine mangelhafte Abdichtung gegen Radon. Praxis: Planung, Bau, Abnahme Ablauf & Dokumente In der Praxis scheitert gutes Innenraumklima selten am „Wissen“, sondern an fehlenden Zuständigkeiten und Nachweisen. Bewährt hat sich ein einfacher Dreischritt: (1) Konzept (was wird wie erreicht?), (2) Umsetzung (wer liefert was?), (3) Abnahme (wie wird geprüft?). Für die Komfortlüftung bedeutet das: frühe Systemwahl, koordinierte Leitungsführung, schalltechnisch sinnvolle Platzierung, Messung/Protokoll der Luftmengen und eine klare Einweisung. Für Emissionen bedeutet es: Materialentscheidungen dokumentieren und Bauabläufe so steuern, dass Feuchte raus kann (Bauzeitlüftung, Trocknung, keine „Abkürzungen“ kurz vor Bezug). Anforderung Worauf es in der Praxis ankommt Typische Fehler So prüfst du es bei Abnahme/Bezug Komfortlüftung (Minergie Modul) Auslegung nach Nutzung, korrekte Luftmengen, leiser Betrieb, zugängliche Filter, Einregulierung Anlage nicht eingeregelt, zu hohe Luftgeschwindigkeiten (Geräusche/Zug), Filterwechsel unklar Luftmengen-Protokoll verlangen, Schall/Komfort im Alltag testen (v. a. nachts), Filterzugang zeigen lassen Emissionen/Materialwahl (Minergie-ECO, ecoBau) Emissionsarme Produkte, sorgfältige Verarbeitung, Bauaustrocknung und gutes „Auslüften“ vor Bezug Später Produktwechsel ohne Prüfung, zu schneller Bezug, feuchte Baustoffe eingeschlossen Dokumentation der relevanten Materialien, Geruch/Benutzungsbeschwerden ernst nehmen, ggf. Messstrategie definieren Radon (BAG) Radonsichere Ausführung im erdberührten Bereich, Dichtheit von Durchdringungen, ggf. ergänzende Massnahmen Undichte Fugen/Leitungsdurchführungen, „Lüften löst alles“, Radonmessung vergessen Radonmessung planen (besonders EG/UG), bauliche Details dokumentieren, bei Auffälligkeit Fachplanung beiziehen Minergie(-ECO) als Checkliste ohne Label Du brauchst nicht zwingend ein Zertifikat, um von den Grundideen zu profitieren. Wenn du baust, sanierst oder eine Wohnung übernimmst, kannst du Minergie/Minergie-ECO als strukturierte Checkliste nutzen: kontrollierte Lüftung (oder gleichwertiges Lüftungskonzept), emissionsarme Materialien und Radonprävention. Minimal-Set Lüftungskonzept: Entweder Komfortlüftung gemäss Minergie-Modul oder ein nachvollziehbares Konzept, wie Frischluft, Feuchteabfuhr und Schallschutz im Alltag zuverlässig funktionieren (inkl. Betrieb/Unterhalt). Material- und Prozessentscheid: Für Oberflächen, Kleber, Lacke, Bodenaufbauten und Einbauten konsequent emissionsarme Lösungen wählen und „Last-Minute“-Produktwechsel vermeiden; zusätzlich Bauaustrocknung und Vorbelegungszeit einplanen (das reduziert TVOC/Formaldehyd-Spitzen). Messstrategie: Vor allem bei Neubau/Totalumbau oder Beschwerden nach Bezug: gezielt messen statt raten. Sinnvoll sind je nach Fragestellung Radon (insbesondere EG/UG), sowie bei Verdacht auf Materialemissionen TVOC und Formaldehyd in einem geeigneten Zeitfenster nach Bezug. Wenn du misst: vorab klären, welche Räume, welche Dauer, welche Auswertung und welche Grenz-/Referenzwerte angewendet werden. Häufige Fragen „Macht eine Komfortlüftung die Luft zu trocken?“ Häufiger als „zu trocken“ ist im Alltag eher das Gegenteil: Feuchteprobleme durch falsches Lüften oder ungenügende Abfuhr in Bad/Küche. Eine korrekt eingestellte Komfortlüftung führt Feuchte zuverlässig ab. Ob die Luft im Winter als trocken empfunden wird, hängt zusätzlich von Temperatur, individuellen Schleimhäuten und der absoluten Feuchte der Aussenluft ab. Wichtig ist: Anlage nicht „auf Verdacht“ drosseln, sondern Luftmengen und Komfort prüfen und bei Bedarf nachregulieren lassen. „Wenn ich regelmässig Fenster öffne, brauche ich keine Komfortlüftung?“ Fensterlüftung kann funktionieren, ist aber stark nutzungsabhängig und im Winter (Schall, Kälte, Sicherheit, Alltag) nicht immer realistisch. In dichten Gebäuden ist eine Komfortlüftung der verlässlichere Weg, um Luftqualität und Feuchteschutz konstant zu erreichen. Entscheidend ist nicht Ideologie, sondern ob das Konzept im echten Leben funktioniert. „Was bringt eine Raumluftmessung (TVOC/Formaldehyd)?“ Sie kann helfen, eine diffuse Situation zu klären: Sind Emissionen plausibel erhöht oder eher nicht? Wichtig ist aber die richtige Fragestellung: Eine einzelne Messung „irgendwann“ ist weniger aussagekräftig als ein durchdachter Messplan (Räume, Dauer, Bedingungen, Interpretation). Bei klaren Geruchsproblemen oder Beschwerden kann eine Messung zusammen mit einer Begehung (Materialien, Feuchte, Lüftungsbetrieb) besonders hilfreich sein. „Ist Radon nur ein Thema in alten Häusern?“ Nein. Radon hängt stark von Geologie und Ausführung im erdberührten Bereich ab. Auch Neubauten können betroffen sein, wenn Details nicht radonsicher geplant/ausgeführt wurden. Was soll ich bei der Wohnungsübergabe konkret verlangen? Für eine Wohnung mit Komfortlüftung: Nachweis/Protokoll der Einregulierung (Luftmengen), Bedienungsanleitung, Filtertyp und Wechselintervall sowie eine kurze Einweisung. Bei Neubau/erstem Bezug: Informationen zu verwendeten Materialien/Oberflächen und zur Bauaustrocknung sind zusätzlich wertvoll. Wie oft muss ich Filter wechseln? Das hängt vom System und der Umgebung ab. Entscheidend ist, dass du einen verbindlichen Plan hast (z. B. saisonal oder nach Herstellerangabe) und der Wechsel einfach machbar ist. Ein guter Wartungsplan verhindert, dass Luftqualität und Effizienz schleichend schlechter werden. Wann ist nach Bezug der beste Zeitpunkt für Radon- oder Raumluftmessungen? Radon wird oft über längere Messdauer beurteilt (um Schwankungen auszugleichen). Raumluftmessungen zu TVOC/Formaldehyd sind besonders sinnvoll, wenn du belastende Gerüche/Beschwerden hast oder wenn sehr viele neue Materialien eingebracht wurden. Lass vor der Messung klären, welches Vorgehen fachlich passt, damit die Resultate interpretierbar sind.