Experten-Interview: Was Baubranche & Immobiliensektor zum SDG 11 in der Schweiz beitragen können

Nachhaltigleben
Susanne Kytzia. Foto © Business Sustainability Today
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Städte müssen nachhaltiger werden. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und eine alternde Bevölkerung betreffen als Megatrends auch die Schweiz – und verleihen dem SDG 11 auch hierzulande eine hohe Dringlichkeit. So sollte das Unterziel 11.b schon bis 2020 erreicht werden. In diesem Unterziel inbegriffen sind die Entwicklung von integrierten Politiken und Plänen zur Förderung der Ressourceneffizienz und Abschwächung des Klimawandels.

Laut UNO hatten bis Anfang 2021 156 Länder und Gebiete eine nationale Stadtentwicklungspolitik entwickelt. Um Ressourceneffizienz und klimaneutrale, oder gar klimapositve Entwicklungsansätze zu fördern, braucht es nicht nur integrierte Politiken und Pläne, sondern auch innovative Lösungsansätze. Dies nimmt, nebst Städten, auch die Baubranche und den Immobiliensektor in die Pflicht.

Business Sustainability Today sprach mit Prof. Dr. Susanne Kytzia, Leiterin des Instituts für Bau und Umwelt (IBU) an der Ostschweizer Fachhochschule, zum Thema SDG 11 und den Rollen der Baubranche und des Immobiliensektors in der Erreichung dieses Ziels.

Interview mit Prof. Dr. Susanne Kytzia, Leiterin des Instituts für Bau und Umwelt (IBU)

Reichen die smarten und wirkungsorientierten Ziele der Baubranche, um das SDG 11 zu erreichen? Und wenn nicht, welche Themen müssen zur Erreichung dieses Ziels ebenfalls beachtet werden? 

Susanne Kytzia: In unserem NFP73 Co-Creation-Lab «Sustainable Housing and Construction» arbeiten wir an Strategien zur Reduktion von Wohnraumbedarf. Ich bin überzeugt, dass dies eines der zentralen Themen für die Schweiz in den nächsten 20 bis 30 Jahren ist und sein wird.

Wir sind gefordert, uns mit der begrenzten Fläche sowie einer sich demografisch verändernden Bevölkerung auseinanderzusetzen und auch andere soziale Anliegen stärker aufzunehmen. Entsprechend müssen wir unsere alternde Bevölkerung in irgendeiner Weise betreuen können, ohne dass sie vereinsamt. Zudem ist eine Siedlung nur wirklich nachhaltig, wenn es dort auch finanzierbaren, sozialverträglichen Wohnraum gibt. Das sind somit nicht Einfamilienhaussiedlungen mit grossen Häusern, in denen betagte Menschen einmal am Tag von der Spitex besucht werden, die dann der einzige soziale Kontakt ist, den sie noch haben.

Welche bahnbrechenden Beispiele kennen Sie, die massgeblich zum Thema Ressourceneffizienz und zur Abschwächung des Klimawandels beitragen? Und was können andere Branchen von der Baubranche lernen’?

Es sind leider die Wohnbaugenossenschaften, die Vorbildcharakter haben. Leider, weil Genossenschaften eine Nische mit kaum skalierbarem Ansatz darstellen. Die Annahme, dass die ganze Schweiz in Wohnbaugenossenschaften leben wird, geht an der Realität vorbei – das ist weder gewollt noch besonders sinnvoll.

Für besonders interessant halte ich den Bottom-up-Ansatz von einigen Genossenschaften, zum Beispiel das Mehrgenerationenhaus Giesserei in Winterthur, das sich selbst aufgebaut und finanziert hat.

Auf dem freien Immobilienmarkt sieht man solche Projekte eher selten, da sie Rendite benötigen, um einen Investor zu gewinnen. Eine Lösung könnten alternative Finanzierungswege sein, bei denen zum Beispiel Pensionskassen auf einen Teil der Rendite verzichten, sofern es sich um eine stabile Anlage handelt. Städte können zudem Parzellen im Baurecht vergeben und so einen gewissen Kostenvorteil schaffen, der sich wiederum positiv auf die Rendite auswirkt und gleichzeitig zur nachhaltigen Entwicklung beiträgt.

Eine vielversprechende Entwicklung in der Immobilienbranche sind die sich verändernden Konsumentenpräferenzen während Corona in Bezug auf «Shared Spaces». Das Angebot für Shared Spaces, die man als Homeoffice kurzzeitig mieten konnte, war einer gewissen Not seitens der Arbeitnehmenden geschuldet. In den «normalen» Büros sind auf der anderen Seite Vakanzen entstanden, die wahrscheinlich bleiben werden, da nicht mehr alle Beschäftigten ins Büro zurückkehren werden. Gezielte Nachfrage hat hier daher eine bestimmte Art von Angebot gefördert. Wenn es so etwas auch im Wohnbereich geben würde, dann hätte das natürlich sehr positive Auswirkungen auf ein ressourceneffizientes Angebot. So könnte, zum Beispiel, auch soziales, bezahlbares Wohnen für eine alternde Bevölkerung gefordert werden.

Die neueste Forschung, an der Sie auch beteiligt sind, zeigt, dass eine Umstellung zu einer Kreislaufwirtschaft auf regionaler Ebene schwierig ist. Können Sie genauer erklären, wie eine solche Umstellung funktioniert und was sie so schwierig macht?

Heute differenzieren wir zu wenig zwischen Dienstleistungen in der Abfallwirtschaft, welche die Kreislaufwirtschaft fördern, und solchen, die das nicht tun. Ein gutes Beispiel sind Bau- und Abbruchabfälle, die entweder deponiert oder als Baumaterial wiederverwendet werden können.  Wenn man mit beiden Dienstleistungen gleich viel Geld verdienen kann, verringert das den Anreiz, auf Kreislaufwirtschaft umzustellen. Eine weitere Problematik: Je teurer die Deponiegebühren werden, desto mehr erhöhen sich die Einnahmen der Grundeigentümer, welche die Fläche zur Deponierung zur Verfügung stellen.

Zudem haben wir in unseren Forschungsresultaten festgestellt, dass, auch wenn die Abfallentsorgungskosten teurer werden, diese trotzdem gedeckt werden können, da die grosse Wertschöpfung im Bauprozess liegt.

Kurz gesagt, bedeutet dies, dass sich ein solches System relativ schlecht für ökonomische Anreize eignet. Somit müssen zur Erreichung von SDG 11 stärkere Anreize zur Wiederverwertung anstatt zur Entsorgung geschaffen werden. 

Ich muss allerdings hinzufügen, dass, je länger ich darüber nachdenke, ich nicht mehr sicher bin, ob die Kreislaufwirtschaft in diesem Sektor wirklich die Lösung für alles ist. Lange Zeit war ich überzeugt, dass der richtige Weg über Ersatzneubau und energetische Erneuerung führt. Da es sich um langlebige Güter handelt und die Zyklen auf lange Zeiträume angelegt sind, wäre es vielleicht nachhaltiger, in die Dauerhaftigkeit zu investieren – das heisst weniger abreissen und mehr sanieren. Dadurch wäre weniger Material im Kreislauf und eine Kreislaufwirtschaft würde entsprechend an Bedeutung verlieren.

Eine letzte Frage: Gibt es ausser der Kreislaufwirtschaft weitere Themen, welche die Bau- und Immobilienbranche adressieren sollte, um einen Beitrag zum SDG 11 zu leisten?

Biodiversität spielt zweifellos auf allen Stufen der Wertschöpfungskette eine massgebliche Rolle und hat momentan noch eine zu geringe Bedeutung in der Baubranche. Bei Baustoffherstellern, die Kiesgruben zu bewirtschaften haben, ist Biodiversität zum Teil schon ein deutlich relevanteres Thema, mit dem sie sich nebst SDG 11 entsprechend schon auseinandersetzen.

Dies ist ein Auszug des Interviews. Das ganze Interview kann hier gelesen werden.

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