Einspeisetarife & Wirtschaftlichkeit: PV in der Schweiz sauber rechnen Theresa Keller Du überlegst dir eine Photovoltaikanlage (PV), aber die Zahlen wirken widersprüchlich: «Lohnt sich das noch bei tiefen Einspeisetarifen?» oder «Ohne Batterie bringt es nichts?» Wenn du sauber rechnest, bekommst du schnell Klarheit. In diesem Artikel zeigen wir dir eine nachvollziehbare Logik, wie Eigenverbrauch, Einspeisung, Strompreis und Förderung (EIV) zusammenhängen – und wo du deinen Einspeisetarif konkret findest. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Der Einspeisetarif ist nur ein Teil der Rechnung – Eigenverbrauch macht oft den grösseren Hebel aus. © Stadtratte / Getty Images Die 5 Variablen, die deine Amortisation bestimmen Ob sich PV für dich wirtschaftlich lohnt, hängt weniger von einer einzelnen Zahl ab als von fünf Stellschrauben, die sich gegenseitig beeinflussen: 1) Investition Das sind nicht nur Module, sondern auch Wechselrichter, Montage, Elektroarbeiten, Gerüst, Zähleranpassungen und Planung. Wichtig für die Rechnung: Rechne mit dem Betrag, den du tatsächlich bezahlst (nach Rabatten) und bilde eine realistische Rückstellung für den Wechselrichterersatz über die Lebensdauer. PV-Module halten meist lange, aber einzelne Komponenten können früher ersetzt werden; das beeinflusst die langfristige Wirtschaftlichkeit. 2) Einmalvergütung (EIV) In der Schweiz wird PV über die Einmalvergütung (EIV) unterstützt. Gemäss BFE und Pronovo senkt sie deine Anfangsinvestition direkt und verbessert damit die Amortisation. Für eine saubere Rechnung setzt du die EIV als Reduktion deiner Nettoinvestition an: Nettoinvestition = Investition − EIV. Achte darauf, ob du zusätzlich Kosten hast, die nicht förderfähig sind (zum Beispiel gewisse Dachsanierungsanteile) – diese gehören trotzdem in deine Investition. 3) Strompreis (dein vermiedener Einkaufspreis) Der wichtigste «Ertrag» einer PV-Anlage ist häufig nicht die Einspeisung, sondern der Strom, den du dank Eigenverbrauch nicht mehr vom Netz kaufen musst. Dafür zählt dein Endkundentarif (Energie, Netznutzung, Abgaben). Je höher dieser Preis, desto mehr spart jede selbst genutzte Kilowattstunde (kWh). Genau deshalb kann PV auch bei tiefen Einspeisetarifen attraktiv sein. 4) Einspeisetarif (Abnahmevergütung für Solarstrom) Für Strom, den du nicht selbst verbrauchst, bekommst du vom lokalen Elektrizitätswerk (EVU) eine Abnahmevergütung. Swissolar weist darauf hin, dass diese Tarife je nach EVU stark variieren können und deshalb immer standortabhängig geprüft werden sollten. Für deine Rechnung ist der Einspeisetarif der «Preis» pro kWh Überschussstrom. 5) Eigenverbrauchsquote (und PV-Ertrag) Deine Eigenverbrauchsquote ist der Anteil deiner PV-Produktion, den du im eigenen Haushalt (oder im Zusammenschluss zum Eigenverbrauch) direkt nutzt. Sie entscheidet, wie viel deiner Produktion zum hohen «Wert» des vermiedenen Strombezugs zählt – und wie viel zum oft tieferen Einspeisetarif. Daneben brauchst du eine realistische Jahresproduktion (kWh/Jahr), die von Dachfläche, Ausrichtung, Neigung, Verschattung und Anlagenleistung abhängt. Die Kernformel für die jährliche «Wertschöpfung» aus PV ist überraschend einfach: Jahresnutzen = (PV-Produktion × Eigenverbrauchsquote × Strompreis) + (PV-Produktion × (1 − Eigenverbrauchsquote) × Einspeisetarif) − jährliche Betriebskosten. Betriebskosten sind meist klein (z.B. Versicherung, Monitoring, gelegentliche Wartung), aber sie gehören in eine ehrliche Rechnung. Eigenverbrauch vs. Einspeisung: Was bringt mehr? Aus wirtschaftlicher Sicht ist Eigenverbrauch in der Regel wertvoller als Einspeisung, weil du mit jeder selbst genutzten kWh deinen Endkundentarif sparst, während eingespeister Strom nur mit dem Einspeisetarif vergütet wird. Genau diese Logik betont Swissolar im Kontext von Eigenverbrauchsmodellen. Das bedeutet aber nicht, dass du «um jeden Preis» maximieren musst. Ein paar praxisnahe Leitlinien helfen dir, ohne Schönrechnerei: 1) Lasten verschieben: Wenn du Waschmaschine, Tumbler, Boiler oder Wärmepumpe (sofern steuerbar) häufiger tagsüber laufen lässt, steigt die Eigenverbrauchsquote oft spürbar – ohne zusätzliche Hardware. Mit einem Smart Meter oder Energiemanagement lassen sich solche Optimierungen besser nachvollziehen; die ElCom erläutert Grundlagen rund um Smart Metering und Messdaten im Schweizer Kontext. 2) Batterie nüchtern rechnen: Eine Batterie erhöht den Eigenverbrauch, kostet aber zusätzlich. Ob sie sich lohnt, hängt von Preis, Nutzungsprofil, garantierter Zyklenzahl, Wirkungsgrad und deiner Differenz zwischen Strompreis und Einspeisetarif ab. Wenn du eine Batterie erwägst, rechne sie getrennt als eigenes Investment mit eigener Lebensdauer und setze realistische Verluste an (eine Batterie liefert nicht 100% der hineingeladenen Energie zurück). 3) ZEV/Mehrparteien: Wenn du in einem Mehrfamilienhaus wohnst oder vermietest, kann ein Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) dazu beitragen, mehr PV-Strom «vor Ort» zu nutzen. Swissolar stellt dazu Grundlagen bereit. Wirtschaftlich ist das oft interessant, weil lokaler Verbrauch höher vergütet wird als Einspeisung. Wo finde ich meinen Einspeisetarif? Für eine Entscheidung brauchst du den Tarif deines EVU – nicht einen Durchschnittswert aus dem Internet. Drei verlässliche Wege sind in der Praxis besonders nützlich: pvtarif.ch: Swissolar verweist auf pvtarif.ch als Orientierungshilfe, um Einspeisetarife nach Region bzw. EVU zu vergleichen. Webseite deines EVU: Suche nach «Abnahmevergütung», «Einspeisetarif», «Rückliefertarif» oder «Vergütung Photovoltaik». Achte darauf, ob es unterschiedliche Tarife für Herkunftsnachweise oder für unterschiedliche Zeiträume gibt. ElCom-Informationen zu Strompreisen/Smart Meter: Wenn du deinen eigenen Strompreisbestandteil besser verstehen willst (als Basis für den Wert des Eigenverbrauchs), helfen die Erklärseiten der ElCom, insbesondere im Zusammenhang mit Messung, Smart Meter und Tarifverständnis. Tipp für die Umsetzung: Notiere dir drei Werte aus den Dokumenten deines EVU: dein Endkundentarif (Rp./kWh), dein Einspeisetarif (Rp./kWh) und ob die Vergütung fix oder zeitlich/marktbezogen ist. Diese drei Zahlen bestimmen einen grossen Teil deiner PV-Wirtschaftlichkeit. Drei Rechenbeispiele Die folgenden Beispiele sind bewusst vereinfacht, damit du die Logik nachvollziehen kannst. Sie ersetzen keine Offerte, aber sie zeigen dir, welche Grössenordnungen typischerweise den Unterschied machen. Ich rechne jeweils mit jährlichen Betriebskosten von 1% der Nettoinvestition (als grobe Pauschale) und ignoriere Zinsen/Inflation, damit die Struktur klar bleibt. Für eine Investitionsentscheidung lohnt sich später eine Betrachtung mit Diskontierung (Kapitalwert), aber als erster Check ist die Amortisationsrechnung hilfreich. Beispiel 1: Wohnung/Einfamilienhaus ohne Wärmepumpe, wenig Tagesverbrauch Annahmen: PV-Produktion 7’000 kWh/Jahr, Eigenverbrauchsquote 30%, Strompreis 28 Rp./kWh, Einspeisetarif 8 Rp./kWh. Investition 18’000 CHF, EIV 3’000 CHF ⇒ Nettoinvestition 15’000 CHF. Betriebskosten 150 CHF/Jahr. Jahresnutzen: (7’000 × 0.30 × 0.28) + (7’000 × 0.70 × 0.08) − 150 = (588) + (392) − 150 = 830 CHF/Jahr. Grobe Amortisation: 15’000 / 830 ≈ 18 Jahre. Interpretation: Die Anlage kann sich rechnen, aber die Eigenverbrauchsquote ist der limitierende Faktor. Bereits einfache Lastverschiebung kann den Nutzen spürbar verbessern. Beispiel 2: Einfamilienhaus mit Wärmepumpe oder E-Auto (mehr Eigenverbrauch) Annahmen: PV-Produktion 9’000 kWh/Jahr, Eigenverbrauchsquote 55%, Strompreis 28 Rp./kWh, Einspeisetarif 8 Rp./kWh. Investition 22’000 CHF, EIV 3’500 CHF ⇒ Nettoinvestition 18’500 CHF. Betriebskosten 185 CHF/Jahr. Jahresnutzen: (9’000 × 0.55 × 0.28) + (9’000 × 0.45 × 0.08) − 185 = (1’386) + (324) − 185 = 1’525 CHF/Jahr. Grobe Amortisation: 18’500 / 1’525 ≈ 12 Jahre. Interpretation: Mehr Eigenverbrauch wirkt wie ein «Hebel». Der Einspeisetarif ist weiterhin relevant, aber weniger dominant. Beispiel 3: Mehrfamilienhaus mit hohem Tagesverbrauch (ZEV-Nähe) Annahmen: PV-Produktion 25’000 kWh/Jahr, Eigenverbrauchsquote 75%, Strompreis 26 Rp./kWh, Einspeisetarif 7 Rp./kWh. Investition 55’000 CHF, EIV 9’000 CHF ⇒ Nettoinvestition 46’000 CHF. Betriebskosten 460 CHF/Jahr. Jahresnutzen: (25’000 × 0.75 × 0.26) + (25’000 × 0.25 × 0.07) − 460 = (4’875) + (438) − 460 = 4’853 CHF/Jahr. Grobe Amortisation: 46’000 / 4’853 ≈ 9–10 Jahre. Interpretation: Hoher zeitgleicher Verbrauch macht PV besonders attraktiv. Hier lohnt sich oft eine sorgfältige Mess- und Abrechnungslogik (Smart Meter/Unterzähler), damit die Eigenverbrauchsvorteile wirklich beim Gebäude ankommen. FAQ & typische Rechenfehler «Ich rechne einfach PV-Produktion × Strompreis. Passt doch?» Das ist der häufigste Fehler. Du sparst den Strompreis nur auf dem Anteil, den du selbst verbrauchst. Der Rest wird zum Einspeisetarif vergütet. Swissolar betont genau diese Unterscheidung zwischen Eigenverbrauch und Abnahmevergütung als zentralen Punkt der Wirtschaftlichkeit. «Ist der Einspeisetarif überall gleich?» Nein. Die Abnahmevergütung wird vom lokalen EVU festgelegt und kann regional deutlich variieren. «Wie berücksichtige ich die EIV korrekt?» Setze die EIV als Reduktion der Anfangsinvestition an (Nettoinvestition). Für deine Planung ist wichtig: Kläre frühzeitig, welche Anlagengrössen und Bedingungen gelten und ab wann du mit der Auszahlung rechnen kannst. «Brauche ich zwingend eine Batterie, damit es sich lohnt?» Nein. Eine Batterie kann sinnvoll sein, wenn sie deine Eigenverbrauchsquote so erhöht, dass der zusätzliche Nutzen die Zusatzkosten (inklusive Verluste und begrenzter Lebensdauer) übersteigt. Rechne die Batterie als separates Projekt: zusätzliche Investition, eigene Betriebskosten/Degradation, und nutze konservative Annahmen. «Welche Rolle spielt Smart Metering?» Smart Metering hilft dir vor allem beim Verstehen und Optimieren: Wann verbrauchst du wie viel, und wie gut passt das zu deiner PV-Produktion? Für die Wirtschaftlichkeit selbst sind die Messdaten nicht «magisch», aber sie machen Optimierungen und eine faire Abrechnung deutlich einfacher. «Welche Zahl ist für die Entscheidung am wichtigsten?» Wenn du nur eine Sache sauber machen willst, dann diese: Erstelle eine realistische Eigenverbrauchsquote und kombiniere sie mit deinem effektiven Strompreis und deinem Einspeisetarif. Dann setze die EIV korrekt ab. Mit dieser Minimalrechnung triffst du meistens schon eine erstaunlich robuste Entscheidung.