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DGNB/SGNI System Schweiz: Was wird bewertet – und für wen lohnt sich das?

Du willst eine Immobilie in der Schweiz entwickeln, kaufen oder im Bestand verbessern – und merkst: Energie allein reicht als Nachhaltigkeitsmassstab nicht mehr. DGNB/SGNI verspricht eine ganzheitliche Sicht auf Umwelt, Kosten, Gesundheit und Prozesse. Hier erfährst du verständlich, was das System wirklich bewertet, wie der Ablauf funktioniert und wann es sich gegenüber Minergie oder SNBS besonders lohnt.

Moderne Schweizer Büroimmobilie/Quartier, Glas-Holz-Fassade
DGNB/SGNI übersetzt Nachhaltigkeit in eine «Investorenlogik» – mit Lebenszyklus und Daten. © goag / Getty Images

DGNB vs. SGNI: Begriffe und Rolle in der Schweiz

In der Schweiz begegnen dir oft beide Begriffe zusammen: DGNB steht für die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen und ihr Zertifizierungssystem. SGNI ist die Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft, die das DGNB-System in der Schweiz verankert und für den Schweizer Markt nutzbar macht. Praktisch heisst das: Du nutzt die DGNB-Methodik, aber mit Schweizer Umsetzung (z. B. Normen, Datenquellen, Marktlogik) und mit in der Schweiz tätigen DGNB Auditor:innen Schweiz, die dich durch den Prozess führen.

Wichtig für die Einordnung: DGNB/SGNI ist keine reine Energie- oder Komfortlabel-Frage, sondern ein bewertungsbasiertes Management- und Nachweissystem über den Lebenszyklus. Genau diese Logik wird im Markt zunehmend relevant, weil Investoren, Banken und grössere Eigentümer:innen ihre Nachhaltigkeitsleistung konsistent dokumentieren müssen. Die EU-Kommission betont in ihrer EU-Taxonomie explizit die Rolle von Lebenszyklusdenken, Klimaschutz und „Do No Significant Harm“-Prüfungen als Grundlage für nachhaltige Finanzflüsse.

Für welche Gebäudetypen und Projektgrössen

DGNB/SGNI eignet sich besonders dann, wenn dein Projekt über „Energieeffizienz“ hinaus systematisch geführt und gegenüber Stakeholdern belastbar belegt werden soll. Typisch sind: Büro- und Verwaltungsbauten, Industrie und Logistik, Retail, Bildungs- und Gesundheitsbauten sowie grössere Wohnprojekte oder Portfolios.

Für sehr kleine Einzelobjekte kann der Aufwand im Verhältnis zum Nutzen hoch sein. Sobald jedoch mehrere Akteure beteiligt sind (Investor, Entwickler, Generalplanung, Betreiber) oder wenn du in der Finanzierung/ESG-Berichterstattung einen robusten Nachweis brauchst, spielt DGNB/SGNI seine Stärke aus: klare Kriterien, dokumentierte Entscheidungen und Vergleichbarkeit.

Bewertungslogik: Kategorien und Punkte 

DGNB/SGNI bewertet nicht „grün“ oder „nicht grün“ nach Bauchgefühl, sondern über Kriterien, die in Summe eine Gesamtleistung ergeben. Zentral ist: Es wird über den Lebenszyklus gedacht (Planung, Bau, Betrieb, Rückbau) und nicht nur der Moment der Abnahme betrachtet. Das passt zur wissenschaftlichen Grundlage der Ökobilanzierung: Die internationale Normenreihe ISO 14040/14044 beschreibt, wie Umweltwirkungen entlang des gesamten Lebenswegs methodisch sauber bilanziert werden.

DGNB/SGNI in 6 Kategorien

Stell dir das DGNB/SGNI-System wie ein Cockpit mit sechs Perspektiven vor. Keine Kategorie „ersetzt“ eine andere – gute Nachhaltigkeit entsteht, wenn mehrere Zielkonflikte gut gelöst sind:

1) Ökologische Qualität – Klima-, Ressourcen- und Umweltwirkungen über den Lebenszyklus
2) Ökonomische Qualität – Lebenszykluskosten, Wertstabilität, Robustheit gegenüber Preis-/Risikoänderungen
3) Soziokulturelle & funktionale Qualität – Gesundheit, Komfort, Nutzungsqualität, Barrierearmut, Aufenthaltsqualität
4) Technische Qualität – technische Performance, Instandhaltbarkeit, Mess- und Regelbarkeit, Brandschutz-/Schallschutzaspekte im Systemkontext
5) Prozessqualität – Qualität der Planung, Ausschreibung, Ausführung, Inbetriebnahme, Dokumentation und Betriebskonzepte
6) Standortqualität – Lage- und Umfeldfaktoren (z. B. Erreichbarkeit, Umfeldqualität), die nicht „wegoptimiert“ werden können, aber transparent gemacht werden sollen

In der Praxis hilft diese Struktur, typische Fehlannahmen zu vermeiden: Ein Gebäude kann energetisch sehr effizient sein und trotzdem Probleme bei Gesundheit/Komfort oder bei grauen Emissionen aus Materialien haben. DGNB/SGNI zwingt dich, diese Spannungen sichtbar zu machen.

Ökologie (inkl. Lebenszyklus)

Ökologie meint hier nicht nur „weniger Heizenergie“, sondern auch Materialwahl, graue Emissionen, Rückbau und oft die Frage: Wie viel Klimawirkung steckt bereits im Gebäude, bevor es überhaupt betrieben wird? Genau dafür ist die Lebenszyklusbilanz zentral. Wenn du etwa Beton, Stahl oder Dämmstoffe vergleichst, zeigt sich häufig, dass Entscheidungen in der Planung langfristig mehr beeinflussen als kleine Optimierungen später im Betrieb.

Methodisch stützt sich das auf Ökobilanz-Standards (ISO, 2020). Für dich als Entscheider:in heisst das vor allem, dass du vergleichbare Daten brauchst (z. B. EPDs, Mengen, Systemgrenzen) und dass „gefühlte Nachhaltigkeit“ ohne belastbare Bilanz im Reporting zunehmend an Grenzen stösst.

Ökonomie & Lebenszykluskosten

DGNB/SGNI schaut auf Kosten nicht nur beim Bau, sondern über die Nutzungsdauer: Betrieb, Instandhaltung, Ersatzinvestitionen. Das ist besonders relevant, wenn du langfristig hältst oder wenn Banken und Investor:innen Risikofaktoren wie Energiepreisvolatilität, CO₂-Kosten oder Sanierungszyklen mitdenken.

Wichtig: „Günstig in der Erstellung“ ist nicht automatisch „wirtschaftlich“. Häufig sind robuste Gebäude mit guter Zugänglichkeit der Technik, klarer Dokumentation und sinnvollen Materiallösungen über Jahre planbarer. Genau hier ist die Verbindung zu ESG pragmatisch: Du verbesserst nicht nur Kennzahlen, sondern senkst operative Risiken.

Soziokulturelles & Gesundheit (Abgrenzung zu WELL)

Hier geht es um den Menschen im Gebäude: Tageslicht, Akustik, thermischer Komfort, Nutzungsflexibilität, Barrierearmut und Aspekte der Innenraumqualität. Wissenschaftlich ist gut belegt, dass Innenraumluft und Komfort relevant für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit sind. 

Die häufige Frage ist: „Ist das nicht einfach WELL?“ WELL ist stärker als Health-&-Wellbeing-Standard positioniert und setzt andere Schwerpunkte. DGNB/SGNI bewertet Gesundheit und Komfort als Teil eines Ganzheitssystems gemeinsam mit Ökobilanz und Wirtschaftlichkeit. Wenn dein Hauptziel eine tiefe Health-Zertifizierung ist, kann WELL ergänzend sinnvoll sein. Wenn du aber einen ESG-fähigen Gesamtblick brauchst, ist DGNB/SGNI oft die tragendere Klammer.

Technik, Prozesse, Standort

In der Technik-Kategorie wird häufig unterschätzt, wie stark Messbarkeit und Regelbarkeit die spätere Performance bestimmen. Ein Gebäude kann tolle Zielwerte haben und im Betrieb trotzdem scheitern, wenn Sensorik, Inbetriebnahme, Nutzerführung oder Wartungszugänglichkeit nicht stimmen. Prozessqualität setzt genau dort an: klare Anforderungen, nachvollziehbare Entscheide, saubere Übergabe, Betriebskonzepte.

Standortqualität ist keine Ausrede, aber ein Realitätscheck: Erreichbarkeit, Umfeld, Lärm, Versorgungsnähe oder Mikroklima beeinflussen Emissionen und Lebensqualität. DGNB/SGNI macht sichtbar, was du am Standort nicht ändern kannst, aber bei der Gesamtentscheidung berücksichtigen solltest.

Ablauf: Zertifizierung mit DGNB Auditor Schweiz

Der Prozess ist weniger „Prüfung am Schluss“ und mehr Qualitätssteuerung über das Projekt. Ein:e DGNB Auditor:in Schweiz hilft dir dabei, Kriterien früh zu übersetzen: Welche Nachweise braucht es? Welche Zielwerte sind realistisch? Welche Entscheidungen sind später teuer zu korrigieren?

Projektanmeldung, Vorzertifikat, Zertifikat

Typisch ist ein dreistufiges Vorgehen:

1) Projektanmeldung: Du definierst Systemvariante, Nutzungsprofil, Ziellevel und Teamrollen. Hier entscheidet sich, ob DGNB/SGNI als „Papierprojekt“ läuft oder als echte Steuerungslogik im Projektmanagement.

2) Vorzertifikat (Planungsphase): Du erhältst eine Bewertung auf Basis der Planung. Das ist oft der entscheidende Schritt für Investor:innen und Finanzierung, weil du schon vor Baubeginn eine belastbare Aussage über die Zielerreichung bekommst.

3) Zertifikat (nach Fertigstellung): Nachweise aus Ausführung, Inbetriebnahme und Dokumentation fliessen ein. Wichtig ist, dass die Übergabe in den Betrieb sauber geregelt ist, sonst drohen Performance-Lücken trotz guter Planung.

Nutzen: ESG, Finanzierung, Reporting, Wiederverkauf

Der Nutzen von DGNB/SGNI ist selten „nur das Label“. Er liegt vor allem in Entscheidungsfähigkeit und Nachweisqualität:

ESG und Reporting: Du bekommst strukturierte Daten und eine nachvollziehbare Begründung, warum ein Objekt nachhaltig ist (oder wo die Grenzen liegen). Das wird relevanter, weil nachhaltige Finanz- und Berichtssysteme in Europa Lebenszyklus- und Umweltlogiken zunehmend einfordern.

Finanzierung: Banken schauen stärker auf Übergangsrisiken (z. B. Sanierungsdruck, Energiepreise, Regulatorik). Ein gut dokumentiertes DGNB/SGNI-Projekt kann helfen, Risiken plausibel zu managen und im Kreditprozess besser zu argumentieren.

Betrieb und Werterhalt: Prozess- und Technikqualität zahlen sich oft in weniger Störungen, besserer Regelung und planbarerem Unterhalt aus. Das ist nicht „nice to have“, sondern beeinflusst Leerstand, Nutzerzufriedenheit und Capex-Planung.

Wiederverkauf: In Transaktionen zählen nachvollziehbare Datenräume. Wenn du Ökobilanz, Materialdaten, Betriebs- und Instandhaltungslogik sowie Komfort-/Gesundheitsaspekte strukturiert dokumentiert hast, wird Due Diligence schneller und die Story glaubwürdiger.

Kurzvergleich zu Minergie und SNBS (wann welches System?)

In der Schweiz sind Minergie und SNBS oft die ersten Referenzen. Die Systeme sind nicht „entweder oder“: Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte und können sich ergänzen. Die folgende Übersicht hilft dir bei der Einordnung nach Zielgruppe und Scope.

System Typische Zielgruppe Scope/Schwerpunkt Wann besonders passend?
DGNB/SGNI Investor:innen, Projektentwickler:innen, institutionelle Eigentümer:innen, grössere Unternehmen, komplexe Projekte Ganzheitliche Nachhaltigkeitsbewertung über den Lebenszyklus (Ökologie, Ökonomie, Gesundheit/Komfort, Technik, Prozess, Standort) Wenn du ESG-fähige Nachweise, Lebenszyklus-Optimierung und robuste Prozess-/Dokumentationsqualität brauchst
SNBS (Hochbau) Öffentliche Hand, Bauherrschaften mit Fokus auf Schweizer Referenzrahmen, Projekte mit starkem Kontextbezug Schweizer Nachhaltigkeitsstandard mit breitem Nachhaltigkeitsverständnis (Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft) und starker Einbettung in CH-Kontext Wenn du eine Schweizer Systematik mit hoher Anschlussfähigkeit an öffentliche Kriterien und Standort-/Kontextfragen suchst
Minergie Private und professionelle Bauherrschaften, die klare Energie- und Komfortanforderungen wollen Fokus auf Energie, Komfort und je nach Standard auch Betrieb/Qualitätssicherung; stark in der Schweizer Baupraxis verankert Wenn du primär Energieeffizienz und Gebäudequalität im Sinne des Minergie-Ansatzes nachweisen willst oder ein gut etabliertes CH-Label für Vermarktung/Standardisierung suchst

Wenn du unsicher bist, hilft eine einfache Leitfrage: Willst du primär Energie/Komfort belegen (Minergie), einen Schweizer Nachhaltigkeitsrahmen (SNBS) oder eine besonders ESG- und lebenszyklusorientierte Managementlogik mit starkem Fokus auf Nachweis- und Prozessqualität (DGNB/SGNI)?

Checkliste: Wenn du Investor/Portfolio bist…

  • Datenbasis klären: Hast du für Neubau und Bestand Zugriff auf Mengen/Materialdaten, Energie- und Betriebsdaten sowie relevante Nachweise (z. B. EPDs, Pläne, Anlagenschemata), um Lebenszyklusargumente belastbar zu machen?
  • Prozess früh aufsetzen: Definiere Ziele, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege so, dass Nachhaltigkeit nicht erst am Ende „eingesammelt“ wird. Prozessqualität ist oft der Hebel, der Kosten und Zeit spart.
  • Reporting-Kompatibilität prüfen: Welche ESG-Kennzahlen brauchst du intern, für Banken oder für Stakeholder? Die Logik sollte anschlussfähig an nachhaltige Finanzanforderungen und Taxonomie-Denken sein.
  • Gesundheit/Innenraum ernst nehmen: Plane präventiv gegen Feuchte-/Schimmelrisiken und sichere eine gute Innenraumqualität ab, weil das direkt auf Nutzungszufriedenheit und Risiko wirkt.
  • Exit und Due Diligence mitdenken: Baue eine saubere Dokumentation auf (digitaler Datenraum, klare Nachweisführung), damit Wiederverkauf, Refinanzierung und Audits nicht zur teuren Nacharbeit werden.

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